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Respektvoll auf das Fremde und andere Kulturen blicken: Der Württembergische Kunstverein zeigt Filme der vietnamesisch-amerikanischen Künstlerin Trinh T. Minh-ha in der Ausstellung „The Ocean in a drop“.

Alles begann mit dem Kampf zweier Drachen. In der Luft haben sich ihre Körper derart heftig ineinander verkeilt, dass sie ins chinesische Meer stürzten. So entstand der Sage nach Vietnam, ein Land, in dem das Feuer der verfeindeten Drachen bis heute weiter brennt.

 

Die Filme von Trinh T. Minh-ha greifen gern auf alte Legenden wie diese zurück, um zu verdeutlichen, dass viele Missstände der Gegenwart aus fernen Vergangenheiten resultieren. Mit sechs imposanten Arbeiten stellt der Württembergische Kunstverein (WKV) die Experimentalfilmerin, die sich auch als Komponistin und Autorin kulturkritischer Studien betätigt, in Stuttgart vor.

Trinh T. Minh-ha arbeitet sich etwa an Macht- und Geschlechterverhältnissen und der Kolonialzeit ab

1952 in Hanoi geboren, lebt die kreative Allrounderin mittlerweile in den USA. Ihr Schaffen kreist um Macht- und Geschlechterverhältnisse sowie die Folgen der Kolonial-Ära. Dabei gilt das besondere Interesse der Künstlerin neben Westafrika ihrer asiatischen Geburtsheimat. „Forgetting Vietnam“ von 2015 zum Beispiel fragt vierzig Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, inwiefern das Land noch immer an der „offenen Wunde der Geschichte“ leidet. In einer großen Raum-Zeit-Bewegung fließen Aufnahmen von Tempeln, Reisfeldern und Gedächtnisstätten militärischer Veteranen ineinander. So weich, als hätte die Filmemacherin kein einziges Mal die Kamera abgesetzt. Dazu erzählt eine sanfte Stimme aus dem Off vom Gedächtnis der Erde oder von Vögeln, deren Tränen zu Flüssen wurden.

Als ein „Speaking nearby“, ein ‚In-der-Nähe-sprechen’, beschreibt Trinh T. Minh-ha ihren Ansatz, der aus respektvoller Distanz auf das Fremde schaut. Der wissenschaftlichen Deutungshoheit europäischer Völkerkunde will die Ethnografin des Unvoreingenommenen mit der ästhetischen Wirkmacht regionaler Mythen und Rituale begegnen.

Tatsächlich dauert es nicht lange, bis Tänze und Pantomimen, buddhistische Gesänge und bisweilen auch schmalziger Asia-Pop den Besucher in ihren Bann ziehen. Nach einer Weile macht der atmosphärische Zauber hellhörig für gesellschaftliche Aspekte wie die Rolle der Frau oder Spannungen im Modernisierungsprozess.

Die Wohnkultur in Westafrika in Bildern

Eine ähnlich indirekte Annäherung an das Fremde hat schon „Naked Spaces“ (1985) erprobt. Ein Thema dieses Frühwerks ist die Wohnkultur in Westafrika. Die braune Leere der Lehmbauten beherrscht bereits farblich viele Szenen. Geduldig akzeptiert es die Kamera, wenn sich in den ausgemergelten Dörfern kein Bewohner, keine Bewohnerin zeigen möchte.

Unverständlichkeit und Abgeschiedenheit sind Attribute des Anderen, die es auszuhalten gilt. Deswegen stellen Laufzeiten von teilweise über zwei Stunden keine Überforderung im WKV dar. Trinh T. Minh-ha zieht gern Wiederholungsschleifen, weil sie mit einer Rezeption in Fragmenten rechnet.

Nicht zufällig lautet der Obertitel „The Ocean in a Drop“. Wie so ein zum Tropfen verdichteter Ozean aussehen könnte, verrät ein Moment aus „What about China“. Der Videoessay beleuchtet die Zerrissenheit des Riesenreichs zwischen kommunistischem Erbe und kapitalistischem Aufbruch. Zu den besuchten Orten im bäuerlichen China gehört auch ein schon wieder in die Jahre gekommenes Etablissement, das den aufschlussreichen Namen „Micky Mao’s Café“ trägt. Der große Vorsitzende und die Cartoon-Maus aus Hollywood – irgendwo treffen sich selbst die entferntesten Ideologien.

„The Ocean in a Drop“Württembergischer Kunstverein, Schlossplatz 2, Stuttgart, bis 22. Januar, Di bis So 11-18, Mi -20 Uhr.