Im Stadtpalais hat eine neue Ausstellung begonnen. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Das Stadtpalais widmet den House-Pionieren Ali und Basti Schwarz eine Ausstellung. Die Eröffnung hat pandemiebedingt digital stattgefunden.

Stuttgart - Die jüngere Geschichte Stuttgarts – man könnte sie auch anhand einer Geschichte der sich wandelnden Clubkultur beschreiben. Und warum eigentlich nicht? Würde doch ein solcher Blick zurück viel über die Entwicklung der Stadtgesellschaft der vergangenen 50 Jahre erzählen. Feiern, das bedeutet, je nach Zeit und Raum, trotz aller Konstanten eben immer auch jeweils etwas anderes, etwas ganz Neues: Ob in den 80ern im Maxim, ob in den 90ern im Unbekannten Tier oder eben im On-U und etwas später im Red Dog der Gebrüder Schwarz. Mit den Zeitläuften ändern sich auch die Formen des Nachtlebens, mit denen sich Jugendliche und junge Erwachsene ausdrücken und die in die Stadtgesellschaft hineinwirken.

Den Brüdern Alexander und Sebastian Schwarz widmet jetzt das Stadtpalais die Ausstellung „Tiefschwarz“, benannt nach dem gleichnamigen Duo, das die beiden in den 1990er-Jahren gründeten und das maßgeblich die Musik- und Clubszene in Stuttgart mitgeprägt hat. Vor allem jene, die sich dem damals noch neuen elektronischen Techno- und House-Sound verschrieben hatte. In Form einer digitalen Eröffnungsfeier hat Stadtpalais-Direktor Torben Giese gemeinsam mit den beiden DJs und Musikproduzenten am Freitagabend durch die Ausstellung geführt, die freilich mehr einer Kunst-Installation gleicht. Konzept und Architektur der Ausstellung, mit der in den Räumen des Stadtpalais der Musikclub On-U nun in gewisser Weise wieder auflebt, verantwortet der renommierte Frankfurter Installationskünstler und Weggefährte des Deephouse-Duos, Tobias Rehberger. Nachgebaut wurde das On-U aber „nicht eins zu eins“, sagt Rehberger, der am Freitagabend über Bildschirm aus Frankfurt zugeschaltet ist. Vielmehr in Form einer „riesigen Collage“, wie Alexander Schwarz betont. Es gehe darin um „Geschichte, Erinnerung und Zusammenfassung“, so der Installationskünstler.

Für die Brüder beginnt in Stuttgart eine Weltkarriere

Dass es sich beim On-U der frühen 90er Jahre nicht um einen Club mit der aseptischen Aura heutiger Tage handelte, wird in der Ausstellung schon beim Betreten klar: Es geht direkt über die Toilette in den Ausstellungsraum. Das On-U, das sich einst an der Theodor-Heuss-Straße befand – lange übrigens bevor sie zur Stuttgartern Ausgehmeile wurde – war ein „wunderbares Dreckloch“, wie Rehberger formuliert. „Ein Ort zum Loslassen“, sagt Ali Schwarz. „Man ging raus aus dem Wahnsinn, hinein in den Wahnsinn, der Spaß machte.“ Eine Polaroid-Wand erzählt in der Ausstellung Anekdoten aus diesen „wilden Tagen“, die nicht selten bei geschlossenen Türen erst morgens um zehn endeten. „Die Energie, die wir damals kreiert haben, ist spürbar“, sagt Basti Schwarz.

Für die Brüder, die später mit dem Red Dog in der Calwer Straße den ersten lupenreinen House-Club der Stadt eröffneten, war das On-U der Ausgangspunkt einer Weltkarriere. „Wir hatten eine Phase, da saßen wir ein paar Jahre lang nur im Flugzeug“, erzählt Ali Schwarz. Als DJs waren die beiden international gefragt, als Musikproduzenten verantworteten sie Remixe für die großen Stars der Popmusik: Madonna, Depeche Mode, Missy Elliot. Das Herz der Ausstellung bildet denn auch ein Raum, im tiefsten Schwarz gehalten, in dem sich die Schallplattensammlung der Brüder befindet – tausende von Vinylscheiben, aus denen die beiden DJs ihre Sound-Kunstwerke formten.

Eröffnung gleicht einem Klassentreffen

Als am Freitagabend mit Michi Beck von den Fantastischen Vier, mit der ehemaligen On-U Barfrau Katja Dietrich, dem Fotografen Axl Jansen sowie dem DJ Tobias Hagelstein weitere Weggefährten der Gebrüder Schwarz zugeschaltet werden, ähnelt die Ausstellungseröffnung ein wenig einem Klassentreffen, bei dem alle in Erinnerungen schwelgen. Es sind Erzählungen, die, wie die Ausstellung selbst, in den besten Momenten davon berichten, was aus der Subkultur einer Stadt entstehen kann, wenn man ihr Freiräume lässt.

Die Ausstellung „Tiefschwarz – Dance tili you popo“ im Stadtpalais ist wie das ganze Museum derzeit pandemiebedingt geschlossen. Planmäßig ist die Ausstellung im Salon „Sophie“ nach einer möglichen Öffnung noch bis zum 25. April zu sehen. Nach Auskunft des Museums soll die Schau möglicherweise verlängert werden. Parallel zur Ausstellung finden Online-Veranstaltungen statt. Die nächste am 29. Januar, wenn im Rahmen des Stadtpalais-Podcast „Museum im Ohr“ mit Vertretern der aktuellen Stuttgarter Club- und Musikszene über „Clubkultur, Identität und Gesellschaft“ gesprochen werden soll.

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