Die einen sind begeistert, die anderen halten es für „Verarsche“. Die Künstlerin Anna Uddenberg hat den Hectorpreis der Kunsthalle Mannheim bekommen. Zu Recht? Ihre Werke sind nun in einer Ausstellung in Mannheim zu begutachten.
Wer auf sadomasochistische Praktiken steht, der könnte seine Freude haben. Denn vermutlich lässt sich der Körper hier in so entwürdigende Positionen bringen, auf die man selbst nicht käme. Wenn man dann noch die Gurte schließt und die Riemen straff zieht, lässt sich die lustvolle Qual sicher bestens austoben. Oder stand doch eher ein Untersuchungsstuhl von Proktologen oder Gynäkologen Pate?
Im Netz wurden die Werke hunderttausende Male angeklickt
Sicher ist: Anna Uddenbergs Fantasie geht an Grenzen, durchaus auch an Schmerzgrenzen. Deshalb hat die schwedische Künstlerin viele Monate am Computer verbracht und sich in die Untiefen des 3-D-Drucks eingearbeitet. In der Mannheimer Kunsthalle kann man nun sehen, was ihr Printer schließlich ausspuckte: mannshohe Skulpturen aus grauem Kunststoff, die sich besteigen lassen. Sie sind mit eigenwilligen Vorrichtungen ausgestattet, haben Griffe und Stufen, Polster und Gestänge. Und ob man nun an Untersuchungsstühle denkt oder an Flugzeugsessel, schon beim bloßen Hinschauen spürt man förmlich, wie der Körper hier eingezwängt, geformt und gebogen wird.
Bisher galt die junge, zurückhaltende Bildhauerin aus Stockholm als Geheimtipp bei Sammlern. Das hat sich inzwischen schlagartig geändert: Im vergangenen Jahr erhielt sie den mit 20 000 Euro dotierten Hectorpreis der Kunsthalle Mannheim und der Hector-Stiftungen. Und seitdem sie ihre Skulpturen aus dem 3-D-Drucker im Berliner Schinkel Pavillon ausstellen konnte, ist sie nicht nur im Kunstbetrieb bekannt. Videos einer Performance, bei der gelenkige Menschen in diese Gerätschaften hineinkrochen, wurden im Internet hunderttausende Mal geklickt. Die einen kommentierten sie euphorisch, andere schimpften „Verarsche“. Dann wieder wies jemand darauf hin, dass man solche SM-Apparaturen im Porno-Versandhandel deutlich billiger bekomme. Aber kalt lässt das Werk von Anna Uddenberg offenbar niemanden.
Das Hinterteil ist hoch gereckt
In der Kunsthalle Mannheim kann man sich nun selbst ein Bild davon machen, was von diesen Skulpturen zu halten ist. Selbst wenn man sie in der Ausstellung zum Hector-Preis nicht selbst benutzen darf, assoziiert man ganz automatisch die abwesenden Körper, die kopfüber in Posen gezwungen werden, bei denen das Hinterteil aufreizend aufragt oder in eine Art Vierfüßlerstand eingezwängt sind, ulkig wie unwürdig. Die sexuell aufgeladene Brutalität, die hier aufgerufen wird, ist nicht zu leugnen.
Macht und Kontrollverlust
„Wir leben in einer Welt, die besessen ist von Individualität“, erzählt die Künstlerin, doch während der Einzelne glaube, besonders authentisch zu sein, werde gleichzeitig normiert, zum Objekt degradiert und entmenschlicht. Letztlich geht es in den Performances und Skulpturen immer auch um Körperlichkeit und Kontrollverlust, Macht und Manipulation.
Anna Uddenberg hat zunächst an der Städelschule in Frankfurt studiert, ihren Abschluss dann aber in ihrer Heimatstadt Stockholm an der Königlichen Akademie der freien Künste gemacht. Für ihre Aktion „Truly Yours“ 2011 engagierte sie Hostessen, die in knappen Kleidchen wie so genannte It-Girls auf einer Vernissage kokettierten. Schon hier klang das Thema an, das Anna Uddenberg seither abklopft: Rollen und Posen und die Frage, was echt ist und was Auswüchse der Konsumindustrie.
Frauen hängen kopfüber auf Koffern
In Sammlerkreisen wurde sie schließlich bekannt mit eigenwillige Skulpturen, bei denen sie allerhand banale Gegenstände zusammenfügte – Rollkoffer, Rucksäcke und Riemen, Haarspangen und Fußbecken. Sie nähte, klebte und tackerte von Hand die Objekte mit Stoffen, Fellen und anderen Dingen so zusammen, dass man meinte, verdrehte Frauenkörper in übersexualisierten Posen erkennen zu können oder Gestalten, die kopfüber auf Tischen oder Koffern hängen. Eine Freundin, die als Stuntfrau arbeitet, half ihr dabei, diese „wirklich anspruchsvollen Stellungen einzunehmen“. Sie sei extrem biegsam, erzählt die Künstlerin, „und kann so ziemlich alles machen“ – und Uddenberg konnte sie fotografieren und die Stellungen als Vorlage nutzen.
Der Drucker spuckt die Skulpturen gleich doppelt aus
Inzwischen lebt Anna Uddenberg in Berlin, wobei sie selbst alles andere als ein It-Girl ist. Das Rampenlicht ist ihre Sache nicht, sie ist eher zurückgezogen und konzentriert sich auf ihre Arbeit. So ungewöhnlich die Werke sind, die man nun in Mannheim sehen kann, Anna Uddenberg hält sie einfach für Skulpturen, bei denen sich „ein sehr körperliches Gefühl einstellt, eine physische Erfahrung“, wie sie es beschreibt. Wobei die Skulpturen aus dem 3-D-Drucker nicht nur den Vorteil haben, dass die handwerkliche Arbeit wegfällt und die Formen am Computer entwickelt werden. Die Ausstellung zeigt auch, dass das durchaus effizient ist – und sie die Ergebnisse gleich mehrfach ausdrucken kann.
Hectorpreisträgerin in Mannheim
Auszeichnung
Der Hectorpreis wird alle drei Jahre an eine herausragende junge Künstlerin oder einen jungen Künstler vergeben. Die nächste Ausschreibung wird es im Jahr 2025 geben.
Ausstellung
Die Preiträgerschau von Anna Uddenberg läuft bis 21. April und ist von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und mittwochs bis 20 Uhr geöffnet. ad