Die Stuttgarter Architekten Florian Kaiser und Guobin Shen kennen sich seit ihrem Studium. Foto: Benno Heller/Atelier Kaiser Shen

Florian Kaiser und Guobin Shen erhielten Preise für ein Tiny House und ein Haus aus Naturmaterial. Welche Großprojekte jetzt folgen, sagen die Architekten beim Besuch in ihrem Büro in der Stuttgarter Alexanderstraße.

Das erste Werk ist gleich ein Erfolg – das ist eine schöne Bestätigung für alle Debütanten. Zumal, wenn sie damit dann gleich für die nächsten Jahre finanziell ausgesorgt haben. Allerdings müssen sie mit sich selbst Schritt halten und bestenfalls über sich selbst hinauswachsen können. Denn ihre späteren Bücher oder Kompositionen werden gern mit dem ersten Megaerfolg verglichen. Bei manchen bleibt es beim One-Hit-Wonder, andere legen wirklich Beachtliches nach, entwickeln sich weiter.

 

So sieht es aktuell beim jungen Architekturbüro Atelier Kaiser Shen aus, im Jahr 2017 gegründet von Florian Kaiser, Jahrgang 1987, und von Guobin Shen, Jahrgang 1984. „Manchmal“, sagt Florian Kaiser (36), „erwähnen wir das Mikrohofhaus nicht, wenn wir uns vorstellen.“ Das Mikrohofhaus war ein zauberhaftes hölzernes Tiny House, das einige Zeit auf einer Verkehrsinsel in Ludwigsburg stand und für Aufsehen gesorgt und Auszeichnungen erhalten hat.

Dass sie das sieben Quadratmeter kleine Mikrohofhaus bei potenziellen Bauherren zuweilen nicht mehr erwähnen, liegt nicht daran, dass ihnen der Erstling peinlich wäre. „Uns war in den ersten Jahren wichtig zu zeigen, dass wir nicht nur experimentierfreudig sind und kleine Häuser entwerfen können“, sagt Guobin Shen (39), „sondern wir waren von Anfang an interessiert an größeren Bauaufgaben.“

Und es funktioniert. Ein bisschen kokettieren sie noch mit ihrer Jugend, aber man denkt sich schon, dass es manch ein erstauntes Gesicht in der Kollegenschaft gab, als kürzlich bei der Preisverleihung zu den „Besten 50 Einfamilienhäusern 2023“, die zwei Mitt- und Enddreißiger aus Stuttgart auf die Bühne gebeten wurden und sich gegen arrivierte Konkurrenz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durchsetzen konnten.

Gewonnen haben sie bei dem vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt (DAM) und dem Callwey-Verlag ausgelobten Preis mit einem Haus in einem Dorf bei Heilbronn. Das schaut erst einmal wie eine schicke Scheune aus und beeindruckte die Jury wegen seiner flexiblen Nutzbarkeit und der ökologischen Materialien wegen – Holz und Strohballen aus der Region.

Freude über das „Haus des Jahres 2023“

„Überrascht“ waren sie, wie sie sagen und auch „erfreut über den Preis“. Denn sie wollen nicht einfach nur gut gestaltete Häuser entwerfen. Die Ideen der flexiblen Nutzbarkeit und ökologisches Bauen begleiten sie schon seit ihrem Diplomstudium an der Universität in Stuttgart. Kaiser kam aus Biberach an der Riß in die Landeshauptstadt, Shen aus dem chinesischen Zhejiang, eigentlich wollte er nur ein Jahr zum Austausch kommen, dann blieb er doch. „In meiner Heimat gab es mehr Frontalunterricht, in Stuttgart viele Projektarbeiten, das fand ich interessant.“

Kennengelernt haben sich die Architekturstudenten in der dritten Woche ihres ersten Semesters im Einführungskurs, wo sie gemeinsam für ein Projekt eingeteilt waren – aus Pappe eine Behausung bauen und eine Nacht darin schlafen. „Wir haben bald schon bemerkt, dass wir ähnliche Vorstellungen von guter Architektur haben“, sagen die beiden und dass es sich zu zweit oft besser denkt als allein, auch das.

„Wir reagieren aufeinander, sprechen viel, dadurch ergeben sich neue Ideen“, sagt Guobin Shen. Und „dass wir aus verschiedenen Kulturen stammen, ist da sicher eine Besonderheit, und wir sehen genau darin eine unheimliche Bereicherung für unsere Architektur“, sagt Florian Kaiser.

Der Universität Stuttgart blieben sie nach dem Abschluss von 2016 bis 2020 treu, mit Halbtagsstellen, denn ein junges Büro muss Geduld haben, bis die ersten Aufträge kommen. „Durch die Uni hatten wir ein finanzielles Standbein. Somit konnten wir uns in Ruhe Wettbewerben widmen und auch Reisen unternehmen, die uns inspiriert haben. Es hat uns den Druck genommen, direkt unser Leben durch das Atelier finanzieren zu müssen“, sagt Florian Kaiser.

Oft genug gewinnt man dann womöglich einen Preis, darf aber nicht bauen. So gewann Atelier Kaiser Shen bereits im Gründungsjahr 2017 einen großen Wettbewerb in Aschaffenburg und wartet bis heute auf den Auftrag. Oder man verfehlt knapp. Jüngst erst haben sie beim Wettbewerb fürs Neue Stöckach in Stuttgart-Ost den zweiten Platz gemacht. Guobin Shen: „Auch wenn am Ende ein anderer Entwurf ausgewählt wurde, war das natürlich ein schöner Erfolg.“

Auch so hat das inzwischen auf acht Mitarbeiter gewachsene Büro längst genug zu tun. Derzeit entsteht ein Geflüchtetenheim im Kreis Böblingen und sie bauen eine Turnhalle und eine Schule um, experimentell geplante mit viel Gemeinschaftsflächen und Clusterwohnungen in Mehrfamilienhäusern in Schorndorf und Esslingen sind in der Planung.

„Wir haben im Büro flache Hierarchien“, sagt Florian Kaiser, „das spornt dann alle gleichermaßen an, wenn die Idee des Vorpraktikanten ebenso wertvoll sein kann wie die eines langjährigen Mitarbeiters“, und Guobin Shen sagt lächelnd: „oder unsere eigenen Vorschläge.“

Bevor sie sich mit Atelier Kaiser Shen selbstständig gemacht haben – erst in einem Einzimmer-Büro am Feuersee und heute in einer Altbau-Etage in der Alexanderstraße –, arbeiteten sie nach dem Studium zunächst in Architekturbüros in Stuttgart und der Schweiz. Dass es beim renommierten Büro Herzog & de Meuron war, wo auch Shen ein Praktikum absolviert hat, erwähnt Florian Kaiser eher nebenbei: „Die Arbeitsweise dort, gerade bei Umbauten im Bestand – mit achtungsvoller Respektlosigkeit, so haben es die Architekten von Herzog & de Meuron einmal formuliert, das finden wir beide sehr einleuchtend.“ Also das Alte achten, aber mit Respekt dennoch weiterbauen, weiterentwickeln – einem Bau respektvoll zu begegnen, aber auch nicht den Mut zu verlieren, ihn weiterzuentwickeln.

Umbau im Bestand – spannende Aufgabe

So halten sie es auch bei ihrem aktuellen Großprojekt – in Kaisers Heimat Ingerkingen bei Biberach. „Da hat sicher auch geholfen, dass ich den oberschwäbischen Dialekt noch beherrsche“, sagt Kaiser. Ein bisschen wird es schon auch an dem Entwurf gelegen haben. Sie hatten als Studenten eine Machbarkeitsstudie eines Jugendhauses in Biberach erstellt. Jahre später folgte eine Einladung zu einem Realisierungswettbewerb bei Biberach – den Umbau und die Erweiterung der Turn- und Festhalle Ingerkingen aus den 1960ern. Und den haben sie gewonnen.

Kaiser: „Wir versuchen so viel Bestand zu erhalten wie möglich.“ Und es soll beim Umbau besonders viel Holz zum Einsatz kommen, der mehrfach umgebaute Komplex wieder zum Teil rückgeführt und der originalen Grundrissform angeglichen werden. Aktuell wird umgebaut, es soll ein neues Zentrum fürs Dorf entstehen. „60 Prozent der Baumasse wird erhalten“, sagt Guobin Shen, das spart auch Abbruchkosten. Viele Vereinsmitglieder, die die Halle später nutzen werden, haben beim Abbruch alter Gebäudeteile mitgeholfen. Sieben Millionen kostet das Projekt, davon sind 3,3 Millionen Euro Fördermittel.

„Wir finden Bauen im Bestand eine spannende Herausforderung“ ,sagt Shen. Kaiser: „In unserem Studium war das leider noch kein Thema, das hat sich an den Hochschulen erst in den vergangenen Jahren geändert“, jetzt ist es als wichtige auch gesellschaftliche Aufgabe akzeptiert, weil es nachhaltig und ökologisch ist. Florian Kaiser: „Der Planungsaufwand beim Bestand ist natürlich höher.“ Guobin Shen ergänzt: „Denn da ist die Herausforderung ja auch zu schauen, was kann man mit dem Vorhandenen machen, wie kann man das Gebäude weiter- und umnutzen.“

In Müllheim im Markgräflerland im Süden Baden-Württembergs bauen sie mit der Michael-Friedrich-Wild-Grundschule eine Bestandsschule von 1961 um, neue Klassenzimmer kommen dazu und eine Mensa, das Holz für den Neubau stellt die Gemeinde. Ihr gehören Teile des Schwarzwalds.

Doch auch der Reiz des Entwerfens auf der sprichwörtlich grünen Wiese ist den Architekten nicht fremd. Aktuell planen sie ein Projekt genossenschaftliches Bauen in Schorndorf auf einer alten Obstwiese, selbstredend sollen so viele Bäume wie möglich stehen bleiben. Das Mehrfamilienhaus ist auch eines der IBA’27-Projekte, ein Ausweis also fürs qualitätvolle Bauen mit zukunftsweisenden Ideen für neue Wohnformen.

Damit sich das ökologische Bauen auch für die Bauherren lohnt, versuchen die Architekten Förderprogramme wie das Holz Innovativ Programm für ihre Projekte zu erhalten. „Das freut dann auch den Bauherrn, dass das gute Architektur auf diese Weise nicht unbedingt teurer wird“, sagt Kaiser.

Schon im Bau befindet sich ein Heim für Geflüchtete in Schönaich im Landkreis Böblingen, ein Bau mit einem Betonsockel und viel Holz, klassisch gedämmt mit einem breiten Laubengang als Begegnungsort auch funktionierend, er soll 2024 fertig werden. Shen: „Es gibt verschieden große Einheiten und sie sind auch später leicht flexibel änderbar. Da es sich um einen modularen Holzbau handelt, wurden die Wände und Decken im Werk passgenau vorproduziert und vor Ort lediglich aufgestellt.“

Das Haus ist aufgeständert, „dadurch gibt es im Erdgeschoss Platz für einen Gemeinschaftsraum und ein Büro für die Betreuung der Geflüchteten“, erklärt Kaiser. Das Haus kann auch in sozial geförderte Wohnungen verwandelt werden.

Egal ob Um- oder Neubau, stets schwingt bei den Architekten die Idee mit, schon im Entwurf zu bedenken, dass die Bedürfnisse der Bewohner sich ändern können. Nicht jeder, der später einmal weniger Wohnfläche wünscht, möchte ja auch gleich umziehen und die gewohnte Umgebung verlassen. Kaiser: „Bei einem Mehrfamilienhaus in Altbach haben wir barrierefreie Etagen, viele Begegnungsräume und zum Beispiel Terrassen, die von zwei Wohnungen aus betreten werden können“. Vorgesehen sind 13 Wohnungen, darunter zwei Clusterwohnungen. Das Projekt ist Teil des IBA 27-Netzes, eine Auszeichnung schon für die Idee also.

Shen: „Die Nutzer können Gemeinschaftsflächen selber definieren und überlegen, was sie damit machen, das steigert den Bezug der Bewohner zum Haus“. Ob die Terrassen dann tatsächlich gemeinsam genutzt werden oder ob nicht doch jemand einen Sichtschutz oder ein paar Pflanzkübel für mehr Privatsphäre aufstellen wird – auch diese Umnutzung und Aneignung durch die Bewohner ist ja denk- und machbar.

Auch hier entwickelt der Gedanke des bewusst Unfertigen einen besonderen Reiz. Gebäude als lebendige Organismen zu verstehen, die sich weiterentwickeln dürfen und dabei auch einen architektonischen Reiz haben, klingt nach einer Idee, die das Atelier Kaiser Shen noch zu weiteren interessanten Projekten führen könnte. Häuser, die lange überleben und auch umgebaut werden können, werden, wie aktuell zu sehen ist, dringend gebraucht.

Info

Buch
“Unfertige Häuser“ heißt ein Katalog-Buch, das zur ein gleichnamigen Ausstellung von Florian Kaiser und Guobin Shen 2022 in der Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart zu sehen war. Das Haus mit der Strohballendämmung bei Heilbronn ist im Buch „Die 50 besten Einfamilienhäuser 2023“ zu sehen, der Bildband ist im Callwey-Verlag erschienen.