Marmorkugeln aus der Neidlinger Mühle Foto: Evelyn Scheer/Evelyn Scheer

In Neidlingen steht die einzige Kugelmühle Deutschlands, in der noch produziert wird. Stefan Metzler lässt das alte Handwerk aufleben und die Besucher daran teilhaben. An den Murmeln haben nicht nur Kinder Freude.

„Das Universum ist eine Kugel – und das Ganze in Klein bei sich getragen, bringt Glück, so dachte man früher allegorisch“, sagt Stefan Metzler, der nebenberufliche Kugelmüller. Kugeln oder Murmeln galten einst nicht nur als Glücksbringer, sondern sind Funden nach das wohl älteste Spielzeug der Welt. Beliebt waren sie in vielen Kulturen, sowohl in der Urzeit als auch in der Antike und im alten Ägypten. „Damit man immer für ein Spielchen bereit war, hat man die Murmeln in der Hosentasche bei sich getragen“, erklärt Metzler. „Jede Kugel ist einzigartig, jede erzählt ihre Geschichte.“

 

Der verwendete Marmor kommt in der Gegend vor

Früher existierten zwei Arten von Murmeln. Es gab die kleine Kindermurmel, die „Datscher“. Sie wurden aus Ton zwischen den Handflächen selbst gerollt. Die sogenannten „Pecker“ sind die Murmeln für Erwachsene: unverwüstlich und aus Naturstein mit Hilfe von Wasserkraft in Kugelmühlen gefertigt. Diese Art der Herstellung gab es nur im deutschsprachigen Raum. „Es ist für mich ein typisch deutsches kulturelles Erbe“, sagt Metzler. „Voraussetzung ist das Vorkommen von Karbonatgestein, zudem muss es ein Gefälle und Bäche geben“. Ein Karbonatgestein ist auch der Kalkstein Marmor, wie es ihn in der Gegend gibt, und den Metzler heute zu den runden Kostbarkeiten formt.

„Die Schwäbische Alb ist viel mehr als nur versteinerter Meeresboden, sie ist auch über Hunderte von Metern aufgetürmte Biomasse“, begeistert sich Metzler. „Es ist spannend, die Alb völlig neu erleben zu können.“ Bis zu 250 Millionen Jahre alt sind die Steine, die er verwendet. Sie stammen alle aus der Gegend: aus Erkenbrechtsweiler, Grabenstetten, Drackenstein, Römerstein-Zainingen, Merklingen, Holzmaden, Heimsheim und Marbach. Sogar aus Leinfelden-Echterdingen, wo man im Fundamentgestein der Neuen Landesmesse fündig wurde. Unzählige Fossilien befinden sich in einer Kugel. Versteinerte Austern, Muscheln, Ammoniten und Seelilien aus dem Weiß- oder Schwarzjura sind Zeugen einer längst vergangenen Epoche. Auch Calcit-Kristallzüge und schwarze Dendriten, also bäumchenartige Einfärbungen, sowie Fäden von „Katzengold“ machen aus jeder Kugel ein kleines Kunstwerk – eben ein Unikat. „In der polierten Kugel eröffnet sich dem Betrachter die ganze Entstehungsgeschichte der Schwäbischen Alb“, freut sich Metzler. „Ein spannenderes Lehrbuch über Geologie gibt es kaum.“ Nur sehr wenig sei über Kugelmühlen in Chroniken oder Urkunden dokumentiert, so Metzler. „Früher war es ein Nebenerwerb der Bauern, hauptsächlich im Winter.“

Die Neidlinger Mühle ist erst knapp 20 Jahre alt

Die älteste noch erhaltene Kugelmühle steht in Österreich und ist rund 500 Jahre alt. Die Neidlinger Kugelmühle im Seebach ist deutlich jünger. Sie stammt aus dem Jahr 2005. Neben ihr gibt es noch zwei weitere in Österreich, damit sind es drei weltweit, die heute noch auf traditionelle Weise Kugeln produzieren. Ihre Anfänge nahm die Neidlinger Kugelmühle in den 90er Jahren. „Als Student war ich viel im Gebirge und habe damals einen alten Kugelmüller kennengelernt, der mich nachhaltig für das Handwerk begeistert hat.“ Es war Martin Leitner, Jahrgang 1928, aus Grödig-Fürstenbrunn im Salzburger Land, dessen Handwerk Metzler nicht mehr losließ. Mit einer unglaublichen Präzision können Kugeln in einer Kugelmühle mit Wasserkraft hergestellt werden. „Bis auf einen Hundertstel Millimeter genau rund werden sie, das entspricht einem Bruchteil des menschlichen Haares.“ Die Technik dafür entwickelte der 58-jährige Ingenieur selbst.

Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein echter Handwerksbetrieb, kein Disneyland, wie Metzler betont. Alles hier ist Heimat pur. „Wie führen verschiedene Themenbereiche zusammen: Die Landeskultur, das alte Handwerk und die Geologie. Und der Bach wird vom Wasser der Schwäbischen Alb gespeist“. Umweltschutz ist für ihn ein wichtiger Bereich. An der Kugelmühle, die rund 40 Meter bachaufwärts von der Manufaktur entfernt ihre vier Räder dreht, nisten sehr seltene Vögel wie Wasseramseln oder Gebirgsstelzen. Es existiert ein vitales Bachleben. Dabei ist für Metzler auch der Gewässerschutz elementar.

Mineraliensammler und Technikinteressierte fasziniert die Mühle

Die Gäste stammen überwiegend aus dem süddeutschen Raum, aus Nordfrankreich und der Schweiz – bis zu 11 000 zählt die Mühle pro Jahr. Meist sind es heimatverbundene Menschen, Mineraliensammler und Technikinteressierte, die der Kugelmühle einen Besuch abstatten. Auch Familien erleben ein lehrreiches und spannendes Programm. So weckt ein Blick durch das Gesteinsmikroskop den Forschergeist. Die Steinmetzwerkstatt wird an den Öffnungstagen zum Museum und ist damit weltweit das einzige Kugelmühlenmuseum. Schon die Werkstatt mitten in Neidlingen ist ein Gebäude mit einer langen Geschichte. 1888 erbaut, war es zunächst eine Molke, später ein Waschhaus, das 30 Jahre leer stand, bis Metzler ihm wieder Leben einhauchte.

Der Kugelmüller erläutert das Handwerk

Informationen gibt es auf geologischen Tafeln und in Videos zur Herstellung. Auch ein Zeichentrickfilm für Kinder ist dabei: „Das Kugelfest“, produziert von Neidlinger Grundschülern der dritten Klasse. Mittels QR-Codes an verschiedenen Stationen holen sich die Gäste Wissenswertes auf ihr Smartphone – auf Deutsch, Französisch und Englisch. Meist ist der Kugelmüller vor Ort, erklärt, führt vor und steht für Fragen zur Verfügung. Die Neidlinger Kugeln sind im kleinen Shop exklusiv erhältlich.

Unterwegs in der Region

Serie
Urlaub daheim ist alles andere als langweilig. Die Region Stuttgart bietet vielfältige Möglichkeiten für abwechslungsreiche Tage ohne weite Anreise – für Kulturinteressierte wie für Naturfreunde, für Sportbegeisterte wie für Genießer. In unserer Serie „Der Ferientipp“ stellen wir Ausflugsziele vor. Wetten, dass für Sie etwas dabei ist?

Öffnungszeiten
Geöffnet ist sonntags und feiertags von 11 bis 16 Uhr. Außerhalb der Öffnungszeiten sind Sonderführungen für Gruppen nach Vereinbarung möglich. Die Kugelmanufaktur ist barrierefrei zugänglich. Eintritt drei Euro pro Person. Empfohlenes Mindestalter ist ab neun Jahren.

Anreise
Mit dem Auto: Die Kugelmühle befindet sich im Seebach in Neidlingen. Die Manufaktur liegt wenige Meter entfernt. Mit dem öffentlichen Nahverkehr: Vom Bahnhof/ZOB Kirchheim unter Teck erreicht man die Kugelmühle mit dem Bus 177 bis Neidlingen Mitte. Von dort sind es rund 200 Meter Fußweg.

Gastronomie
In Neidlingen gibt es das Gasthaus Lamm und die Gaststätte Schützenhaus „Da Mariella“.

Sehenswertes
In der Umgebung empfiehlt Mühlenchef Stefan Metzler das Freilichtmuseum in Beuren, das Urweltmuseum Hauff in Holzmaden und den Schieferbruch in Ohmden. Wanderziele in der Nähe sind der Neidlinger Wasserfall, die Burgruine Reußenstein und der Filsursprung.

www.kugelmuehle-neidlingen.de