Der Ausbau der Photovoltaik kommt nur schleppend voran. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bei Sonnen-Watt je Einwohner ist Stuttgart auf dem vorletzten Platz in Baden-Württemberg. Nun wird klar: Die bisherige Zielmarke bis 2035 ist unrealistisch. Was die Stadt vorhat, ist dennoch eine Verachtfachung.

Der Ausbau der Solarenergie boomt. Derzeit sind – anders als bei der Windkraft – die Zubau-Ziele der Photovoltaik (PV) bundesweit gesehen im Plan. Das geht auch an Stuttgart nicht vorbei. Trotzdem ist in der Landeshauptstadt im Vergleich zu anderen Kommunen in Baden-Württemberg viel Luft nach oben. Betrachtet man die erzeugten Sonnenstrom-Watt pro Einwohner, ist Stuttgart auf dem vorletzten Platz – und würde dort sogar verharren, selbst wenn es die Leistung verdoppelt. Wo die Stadt derzeit steht und wo sie hinwill.

 

Welche Ziele sind für Stuttgart realistisch?

Im Sommer 2022 hat der Stuttgarter Gemeinderat beschlossen, dass die Stadt bereits bis zum Jahr 2035 CO2-neutral sein soll, also 15 Jahre früher. Die Beratungsgesellschaft McKinsey erarbeitete mit der Stadtverwaltung einen Klimafahrplan, der aufzeigt, wie das ehrgeizige Klimaziel erreicht werden kann; Teil des Fahrplans sind 13 Steckbriefe zu Bereichen wie Wärme, Strom und Verkehr. Im Steckbrief zwei geht es um den PV-Ausbau. McKinsey geht davon aus, dass in Stuttgart ein Potenzial von 2150 Megawattpeak Solarenergie gehoben werden kann.

In seinem Bericht im gemeinderätlichen Ausschuss für Klima und Umwelt am 21. April hat Jürgen Görres, Leiter der Energieabteilung, dieses Ziel nun drastisch nach unten korrigiert. Es sei davon auszugehen, dass allenfalls 25 Prozent davon, nämlich 520 Megawattpeak, realistisch seien, sagte er. Gründe dafür: dass ein Dach statisch ungeeignet sei, dass ein Baum oder eine Gaube verschatte, dass ein Eigentümer schlicht nicht wolle oder weil PV auf dem Dach eines Mehrparteienhauses heute noch zu kompliziert ist. Zum Vergleich: Aktuell liege die Solarleistung in Stuttgart bei 64 Megawattpeak. Selbst das abgespeckte Ziel entspreche also einer Verachtfachung. Wird die PV weit weniger ausgebaut als von McKinsey angenommen, hätte dies Folgen für den Klimafahrplan insgesamt. Ob die Defizite an anderer Stelle ausglichen werden können, wolle man am 12. Mai im Klima-Ausschuss darstellen, so Görres. Ein Ergebnis könnte dann sein, dass die Gesamtziele nicht zu halten sind.

Reicht es, Dächer mit Photovoltaik zu bestücken?

Die Stadt Stuttgart will bis zum Jahr 2025 alle Schulen, bei denen dies baulich möglich ist, mit Solarmodulen ausgestattet haben. Untersuchen müsse man nichts mehr, „hier geht es nur noch um die Umsetzung“. Noch nicht ganz fertig geprüft habe man andere städtische Liegenschaften. Zu wenig passiert sei teils auch auf den Gebäuden der städtischen Beteiligungsgesellschaften, Beispiel Stuttgarter Straßenbahnen (SSB): Die SSB haben 68 Gebäude, auf 27 wäre Photovoltaik möglich, auf nur zweien sammeln Module aber bislang Sonnenstrom ein.

Abgesehen davon ist im Ausschuss deutlich geworden, dass der nötige Zubau allein auf Dächern kaum zu bewerkstelligen ist. Jürgen Görres brachte Fotos von Solarmodulen über Straßen und über Feldern mit – wobei derlei Lösungen bis jetzt nicht explizit Teil der städtischen Strategie sind. Bereits in anderem Zusammenhang hatte Görres aber darauf hingewiesen, dass man in Stuttgart nicht umhinkommen werde, auch Parkplätze oder Straßen mit Solaranlagen zu überbauen. Hannes Rockenbauch (SÖS) brachte beispielsweise eine „Wasen-PV“ ins Spiel, also ein großflächiges Solardach über Teilen des Cannstatter Wasens.

Wie beschleunigt die Stadt den PV-Ausbau konkret?

Um private Hausbesitzer zu Photovoltaik zu motivieren, bezuschusst Stuttgart im Zuge einer Solaroffensive seit dem Jahr 2020 „begleitende Maßnahmen bei der Installation von Dach- und Fassaden-PV“, wie auf der Homepage der Stadt zu lesen ist. Es gibt zudem Geld für Speicher und E-Ladeinfrastruktur. Görres wertet die Offensive als Erfolg. Waren im Jahr 2020 noch 62 Fördereinträge eingegangen, seien es 2022 bereits 1191 gewesen. Nach den gut zwei Jahren seien Anlagen mit einer Gesamtleistung von 24 Megawattpeak gefördert worden. Und bald soll es noch einfacher werden. Ende April, Anfang Mai soll eine digitale Antragsplattform live geschaltet werden. Zudem möchte die Stadt Energiescouts ausbilden und im Stadtgebiet einsetzen. Menschen, die in die Stadtquartiere gehen und ihre Nachbarn mit dem Solarvirus „anstecken“ und helfen. Vorbild hierfür ist Robert Hoening, der seinem Stadtbezirk Botnang ehrenamtlich mindestens 30 neue Anlagen beschert hat.

Was bringen Balkonkraftwerke für die Energiewende?

Die Stadtverwaltung setzt im Rahmen der Solaroffensive auch auf Balkonkraftwerke. Um deren Verbreitung zu fördern, gibt es derzeit einen Zuschuss von 100 Euro von der Stadt – allerdings bisher nur für die Installation. Das will die Verwaltung nun anpassen, weil das Projekt mit Förderung unter dem Strich teurer kommen kann als ohne. Künftig soll das Kraftwerk selbst bezuschusst werden; der Förderbetrag könnte auf 200 Euro angehoben werden, für Inhaber einer Bonuscard wären 300 Euro oder maximal 50 Prozent des Kaufpreises denkbar, erklärte Görres. Bis 2035 sei hier ein Zubau von etwa drei Megawattpeak denkbar.

Einzig Matthias Oechsner (FDP) sprach sich dafür aus, die Förderung für Balkonkraftwerke „ganz zu streichen“; es sei fraglich, ob der Aufwand zum Ziel passe. Er sprach von einer „Subventioneritis“. Bei den anderen Fraktionen herrschte indessen Einigkeit, die Dreingabe zu unterstützen. Die Stecker-Solargeräte seien „enorm wichtig“, um die Bürger an der Energiewende zu beteiligen, sagte beispielsweise Michael Jantzer (SPD). Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. Auch im politischen Berlin wird den Balkonkraftwerken inzwischen eine Art Türöffnerfunktion in der Energiewende zugeschrieben und damit eine Aufgabe, die sich nicht allein in Watt messen lässt.