Die Panoramastrecke der Gäubahn führt entlang von Wohngebieten in Stuttgarts Westen. Foto: Tabea Guenzler/Lichtgut

Zwar wird die Gäubahn ausgebaut, nach 2025 verliert sie aber für lange Zeit ihren direkten Anschluss nach Stuttgart. Die Anrainer laufen dagegen Sturm.

An diesem Montag soll der 2009 vereinbarte Finanzierungsvertrag für das Bahnprojekt Stuttgart 21 geändert werden. Dazu treffen sich Bahn, Land, Stadt und Verband Region Stuttgart im S-21-Lenkungskreis. Seit 2009 gab es immer wieder Änderungen und Ergänzungen bei Stuttgart 21, deren Kosten wurden aber von den Baupartnern außerhalb des S-21-Budgets verbucht.

 

S 21 gibt Anschubfinanzierung

Nun soll der Vertrag geändert werden, weil die S-21-Partner zusammen mit dem aus Horb/Neckar stammenden Verkehrsstaatssekretär Michael Theurer (FDP) das nächste Megaschienenprojekt für das Land in Gang bringen wollen: den seit Jahrzehnten geforderten Ausbau der Gäubahn von Stuttgart bis Singen. Er kostet rund 2,1 Milliarden Euro. Allein eine Milliarde muss für den Tunnelbau von Böblingen zum Landesflughafen aufgewendet werden. Neue Strecken sind eigentlich Bundessache, doch der sogenannte Pfaffensteigtunnel ersetzt einen Teil von S 21. Daher fließen aus dem S-21-Budget quasi als Anschubfinanzierung 270 Millionen Euro für den Tunnelbau zum Bund.

Deutliche Änderung am Projekt

Mit dem Pfaffensteigtunnel wollen die Partner erstmals einen S-21-Bauabschnitt aufgeben, der fertig geplant ist und zur Freigabe beim Regierungspräsidium liegt. Der Pfaffensteigtunnel macht die geplante Anpassung der bestehenden reinen S-Bahnstrecke zum Airport für die IC- und Nahverkehrszüge der Gäubahn überflüssig. Mit dem Tunnel, Teil des Deutschlandtaktprogramms der Bahn für kürzere und verlässlichere Fahrzeiten, wird die Bahn aus der Sicht der Projektgegner gleich zwei Probleme los. Erstens sei der Anschluss der Gäubahn in der alten Form längst nicht mehr für 270 Millionen Euro baubar. Zweitens würde der Mischverkehr auf den S-Bahngleisen den Stuttgarter S-Bahntakt zerschlagen, weil verspätete Intercity- und Regionalzüge aus Singen und Freudenstadt stets Vorfahrt genießen.

Bahn will alte Strecke aufgeben

Der geplante Ausbau und Neubau von Schieneninfrastruktur für die Gäubahn müsste eigentlich neckaraufwärts mit Hurrarufen einhergehen. Schließlich kämpft der 1954 gegründete Interessenverband Gäu-/Neckar-/Bodensee-Bahn seit jeher für den Ausbau der Strecke. Was dringend nötig ist. So teilt die Bahn mit, dass mit dem jetzt begonnenen Miniausbau bei Horb (5,8 Kilometer) „die elektromechanischen Stellwerksanlagen von 1927 im Bahnhof Horb durch elektronische Stellwerkstechnik (ESTW-Technik) ersetzt“ werden. Dennoch sind aus den Rathäusern von Singen bis Böblingen Mordio-Schreie zu hören. Das hat seinen Grund. Die Bahn löst mit dem Schwenk zum Pfaffensteigtunnel, der vielleicht bis 2035 fertig sein könnte, einen Kollateralschaden aus. Er trifft die Anrainerkommunen.

Abgehängt bis 2035?

Bis 2025 werden die Gäubahnzüge noch über die alte Strecke in den Kopfbahnhof fahren. Auf der Stuttgarter Markung heißt sie wegen ihres Ausblicks Panoramabahnstrecke. Sie wird jedoch wegen des neuen Anschlusses der S-Bahn in der City gekappt. Keiner weiß, wann der geplante Ersatz, der Tunnel zum Flughafen (und von dort in den Tiefbahnhof), fertig wird. 2035, oder sogar noch später? Bis zum Tag X jedenfalls sollen alle Reisenden in Stuttgart-Vaihingen aus dem IC oder Regionalzug für den Restweg zur City in die S- oder Stadtbahn umsteigen. Das wollen die Gäubahn-Anrainer nicht akzeptieren. Sie fordern, zwei Gleise in der City wieder anzuschließen. Technisch ist das machbar. Vergangene Woche gab es dazu im Stuttgarter Rathaus einen Schlagabtausch.

Stuttgart muss in den Faktencheck

Würden zwei Gleise für die Gäubahn in der Stuttgarter Innenstadt so lange liegen bleiben, bis der neue Anschluss über den Flughafen fertig ist, würde das die Baumöglichkeiten für die Landeshauptstadt auf dem abgängigen Gleisfeld zunächst einschränken. OB Frank Nopper (CDU) lehnt das strikt ab. Womöglich könnte die Landeshauptstadt nach dem Absammeln von Eidechsen und dem Ausbuddeln von Altlasten aber sowieso erst in der ersten Hälfte der 30er Jahre beginnen, bis zu 5000 Wohnungen zu bauen. Ein vom Land vorgeschlagener Faktencheck soll Fragen klären, die Federführung ist noch unklar.

Hilfe aus der Region

Der versprochene Faktencheck besänftigt die Anrainer nicht. Sie verweisen darauf, 1,4 Millionen Bürger zu vertreten. Unterstützung erhalten sie aus der Grünen-Landtagsfraktion, wo das Anliegen, die City zu erreichen, „vollumfänglich“ geteilt werde. Im Regionalverband Stuttgart fordern Grüne, SPD, FDP und Linke/Pirat, die Stuttgarter Panoramastrecke „zukunftsfähig zu erhalten“ und „nicht abzuhängen“. Die Strecke schaffe Ausbauoptionen nach Feuerbach und Bad Cannstatt. In Zeiten des Klimawandels und der Verkehrswende wäre das ein Pfund.

Panoramastrecke mit Potenzial

Das Land weist der Panoramabahnstrecke in einer Studie enormes Potenzial nach. Es sitzt im S-21-Lenkungskreis als starker Verhandler am Tisch. Gut möglich, dass der Weiterbetrieb der Strecke in Stuttgart zumindest bis zu einem noch zu bauenden Halt im Stuttgarter Norden am Montag verbindlich zugesagt wird. Damit wäre die von der Bahn AG geplante kalte Stilllegung vom Tisch – die Direktverbindung in die City nach 2025 allerdings noch nicht gesichert.