Im Württenbergischen Kunstverein sind Szenen von Intimität zu sehen, die die einen als Ode an Menschlichkeit feiern, andere als zu explizit finden. Kalt lassen sie bisher keinen.
„Ich habe überhaupt nichts gegen Genderfragen, Vielfalt leben zu dürfen und zu können, das ist essenziell. Aber was ich gerade gesehen habe, ist mir dann doch etwas zu intim, daher war ich nicht so lange drin. Schon mutig. Aber ob die das mal bereuen, sich da so zeigen, wie damals Jeff Koons?“ Die Frau, die das sagt, ist Ende 40 und will nicht namentlich genannt werden. Gerade kommt sie aus dem Württembergischen Kunstverein (Kunstgebäude am Schlossplatz). Dort wurde am Wochenende die Ausstellung „You Are Another Me. Eine Kathedrale des Körpers“ eröffnet, die multimediale Installation von Adina Pintilie hat eine Altersempfehlung ab 16 Jahren.
Normen hinterfragen
Die Künstlerin und Filmemacherin will Normen hinterfragen, zu Geschlecht, Geschlechtlichkeit, körperlichen Fähigkeiten und Diversität. Die Schau markiert die jüngste Etappe eines Forschungsprojekts, in dem die rumänische Regisseurin. mittels Film, Installation, Skulptur, Performance und Sprache untersucht, wie Menschen sich zum eigenen Körper und zu dem anderer verhalten. Auf enormen Leinwänden sind Protagonisten und Protagonistinnen mit und ohne Behinderung unterschiedlicher sexueller Orientierung in intimen Situationen zu erlernen – beim gemeinsamen Baden, Masturbieren, nackt Posieren, Sex, Gesprächen darüber und mehr.
„Ehrgreifend ehrlich, wahrhaft bewegend, eine Ode an Menschlichkeit“, befindet wiederum Marla, die die Schau schon gesehen hat und nochmals besuchen will. „Das sind doch Themen, die wir verhandeln müssen in diesen Zeiten von Körperoptimierung und Body Shaming, wo die Rechten wieder Aufwind haben. Was ist denn überhaupt Norm? Wer bestimmt das?“, betont die 27-jährige Studentin. Ihr Freund nickt. Arthur, auch Student, kennt Pintilie und ihr Werk noch nicht, ist schon gespannt. „Der Körper, ja auch die Sexualität, das ist ein Politikum.“ Am Anfang fühle man sich schon etwas seltsam, so „voyeuristisch“, ist sich ein Paar einig, das schon bei der Vernissage am Freitag war und ebenfalls überlegt, nochmals die Schau anzuschauen. „Bei der Eröffnung war es mir zu voll. Man muss sich darauf einlassen können“, sagt die Frau. „Die Meinungen und Reaktionen auf das Gezeigte sind schon unterschiedlich.“
Muss Kunst nicht berühren?
Das bestätigen auch die Aufsichten im Kunstverein. Während manche der Besucherinnen und Besucher nach den ersten Szenen wieder kehrt machten, nähmen sich andere viel Zeit, legten sich auf den Boden und betrachteten die Filmsequenzen in Gänze. „Vor allem die Jüngeren tun das, zumindest bisher ist das so.“ Die Installation ergreife einen eben, berühre und werfe auf einen selber zurück, man reibe sich an ihr, so die Frau an der Information. „Aber ist das nicht genau das, was Kunst auch tun sollte, ja tun muss?“
Umfangreiches Begleitprogramm
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Die Ausstellung im Vierecksaal des Württembergischen Kunstvereins ist geöffnet: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Mittwoch 11 bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro (ermäßigt 3 Euro).
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Jeden Sonntag um 15 Uhr werden kostenfreie Führungen angeboten. Diese finden statt mit Benjamin Cauthen, Sarah Dewaguet, Celine Klotz oder Vesna Hetzel.