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Dirigent Tilman Heiland komponiert für Chöre aus Fellbach und Ludwigsburg Friedensoratorium.

Fellbach - Fellbach - Es ist ein Projekt, wie es in dieser Dimension selten zu erleben ist. 300 Akteure – Solisten, Chöre, Orchester – führen an diesem Wochenende in Ludwigsburg (Samstag, 19 Uhr, Friedenskirche) und Fellbach (Sonntag, 19 Uhr, Schwabenlandhalle) das Oratorium „Dona nobis pacem“ („Schenke uns Frieden“) auf. Komponiert hat das Werk der Esslinger Musiklehrer Tilman Heiland.


Herr Heiland, sind Sie Pazifist?
Ja sicher. Aber wer ist das nicht? Aber tatsächlich kam die Idee von einem befreundeten Kollegen, Ulrich Egerer, dem Leiter des MGV Ludwigsburg. Ich sollte ein Oratorium komponieren, zum Thema Frieden und ­Verständigung zwischen Völkern, Kulturen und Religionen. Ein weiterer Punkt war, dass uns immer die Friedenskirche in Ludwigsburg, eine ehemalige Garnisonskirche, als Aufführungsort im Kopf herumspukte. Früher hatte die Akustik zu viel Hall, aber durch zusätzliche Schallelemente ist der Klang jetzt gut. Als die Anfrage kam, traf dies bei mir den Punkt, ich habe gesagt: Das mache ich sofort.

Sofort ist gut: Wie lange komponiert man denn für ein Oratorium mit eineinhalb Stunden Spieldauer?
Am 18. Dezember 2011 war es endgültig fertig. Zweieinhalb Jahre Arbeit finden nun in diesen zweimal 90 Minuten am Samstag und Sonntag ihren Höhepunkt. Ich konnte nur in den Ferien arbeiten, während der Schulzeit kann man sich nicht abends mal hinsetzen und zehn Takte komponieren. Also musste ich eben in den Sommer- oder Osterferien drei Wochen am Stück ran. Es ist schon ein ­gigantischer Aufwand für 1,5 Stunden. Die Partitur habe ich von Hand geschrieben; so was ist heutzutage auch am Computer machbar, aber da bräuchte man einen riesigen Bildschirm, da wird man ja verrückt. So sind es in der Partitur jetzt 220 Notenseiten im DIN-A3-Format.

Eng wird’s in den Aufführungsstätten zugehen. Sind es gar mehr Musiker als Zuhörer ?
Ach, das klappt schon. Wir haben einen großen Bühnenaufbau, davor ein Orchester, die Kinderchöre sind seitlich links. Zwar müssen wir in den ersten Zuschauerreihen was wegnehmen. Aber in Fellbach dürfte noch Platz sein für 1000 Zuhörer. Und in der Friedenskirche stehen im Mittelschiff und in den Seitenschiffen jeweils 500 Plätze zur Verfügung.

Und den Zuhörern bläst es die Ohren weg?
Klar, das ist schon eine ganz schöne Energie. Wir haben ja auch noch das Sinfonieorchester, dazu gibt’s einige Spezialeffekte durch ein stark besetztes Schlagzeug, ein Stück ist im Grunde sinfonischer Rock. Es geht los mit der musikalischen Umsetzung von Krieg und Unterdrückung und der Trauer um die Opfer. Dann wandelt es sich zur Zuversicht, das Werk entwickelt sich „durch die Nacht zum Licht“, mit der Hoffnung, dass Frieden und Verständigung möglich sind.

Ein solch regionales Mammutprojekt gab’s in dieser Dimension wohl noch nie?
Das trifft zu, mir ist nicht bekannt, dass es im Bereich der Laienmusik und durch die Zusammenarbeit zweier Vereine des Schwäbischen Chorverbands mit einem Komponisten aus den eigenen Reihen ein solches Werk geschaffen wurde. Wir haben Mitwirkende aus dem gesamten Großraum Stuttgart: die beiden Chöre aus Fellbach und Ludwigsburg, die drei Kinderchöre aus Weinstadt, Vaihingen/Enz Besigheim. Und dann natürlich noch die 65 Musiker der Jungen Süddeutschen Philharmonie Esslingen.

Und wie halten Sie Ihre Sänger in den Proben bei Laune?
Das ist eine pädagogische Aufgabe, dass der Chor willig ist und mir folgen will. Gerade bei diesem ungewöhnlichen Werk, da kann man sich als Mitwirkender ja nicht einfach eine CD kaufen und dann mal hören, wie es klingen soll. Am besten ist, wenn der Chor in jeder Probe ein Erfolgserlebnis hat und man sich anschließend denkt: Jetzt habe ich wieder ein bisschen was Neues dazugelernt.

Was ist mit der Disziplin?
Ich sage immer: Ihr müsst präzise sein, da darf der Einsatz nicht eine Nanosekunde zu spät kommen. Weil sonst, wenn man später mit dem Orchesters probt, alles ins Wackeln kommt und das Chaos droht.

Und dann müssen die Sänger auch noch ­Arabisch, Hebräisch oder Sanskrit können.
Das ist nicht so kompliziert. Für das Arabische habe ich den Ehemann einer Kollegin, einen Ägypter, gebeten: Sprich mir das mal vor. Dann haben wir es in lateinischen Buchstaben genauso fonetisch aufgeschrieben. Auch wenn es wohl nicht ganz exakt dem Hocharabischen entspricht.

Und anschließend kommt die große Leere ?
Wir haben vereinbart: Nächste Woche ist keine Probe, dann können alle wieder durchatmen. Doch ansonsten gilt wie beim Fußball: Nach dem Konzert ist vor dem Konzert.

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