Pierre-Enric Steiger (rechts) unterzeichnet in China Ende 2013 ein „Memorandum of Understanding“. Von den Absichtserklärungen ist nicht viel geblieben. Foto: Björn-Steiger-Stiftung

Unter Führung der Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden wollten Dutzende deutsche Firmen in China und Sri Lanka ein Rettungswesen nach hiesigem Vorbild aufbauen. Jetzt ist von den großen Plänen nichts mehr übrig.

Es klang wie ein Märchen. Ein Riesenmarkt, der nur darauf wartet, erobert zu werden. Geschäftsmöglichkeiten für deutsche Firmen in schier unvorstellbarer Größe. Und doch schien all das keine Utopie, sondern in greifbarer Nähe. Goldgräberstimmung allüberall.

 

Die Verheißung, von der hier die Rede ist, nennt sich China. Ein Land mit schwierigen politischen Verhältnissen, in dem man als Unternehmen aber präsent sein muss, um ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Und mögliche Betätigungsfelder gibt es scheinbar genug. Zum Beispiel im Gesundheitswesen. Denn was im Reich der Mitte bisher nicht existiert, ist ein funktionierender Rettungsdienst.

Also machte sich ein Konsortium aus Dutzenden deutschen und europäischen Firmen vor einigen Jahren unter Flankierung der Bundesregierung auf, diesen Zustand zu ändern. Die renommierte Björn-Steiger-Stiftung aus Winnenden (Rems-Murr-Kreis), in Deutschland bekannt für den Aufbau von Notrufsäulen und den Einsatz für das Rettungssystem insgesamt, sollte die Federführung innehaben. Absichtserklärungen mit zwei chinesischen Regionen wurden unterschrieben.

Schließlich kam der Auftrag, zunächst in der südchinesischen Stadt Jieyang in der Provinz Guangdong ein Pilotprojekt für ein Rettungswesen nach deutschem Vorbild aufzubauen. Der Vertrag wurde anlässlich des China-Besuchs der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2016 in Peking unterschrieben. Bereits 2014 hatten die Bundesregierung und die chinesische Regierung einen Aktionsplan zur gesundheitspolitischen Zusammenarbeit unterzeichnet, der dieses Projekt enthielt.

Gewaltige Dimensionen

Die Dimensionen der Pläne waren gigantisch. Es ging um Rettungswachen, Fahrzeuge, Hubschrauber, Ausrüstung und sogar die Ausbildung der dafür notwendigen Mitarbeitenden. All dies sollte vorwiegend von deutschen Unternehmen kommen. Mit im Boot laut Steiger-Stiftung: Airbus Helicopters, Ford, Mercedes-Benz, Bosch Sicherheitssysteme, die Deutsche Telekom, KPMG, Dräger und viele andere. Von einem „Jahrhundertprojekt“ war da die Rede.

Kein Wunder. Die Projektkosten für die erste Umsetzungsphase im Stadtzentrum von Jieyang bis Ende 2017 sollten sich auf 43 Millionen Euro belaufen, finanziert von der chinesischen Seite. Die nächste Phase war bis Ende 2018 in ähnlichem Umfang geplant. Bei einem Gelingen des Pilotprojekts sollte bis 2028 das Rettungswesen in der gesamten Provinz Guangdong mit rund 125 Millionen Einwohnern ausgebaut sein. Nach Expertenschätzungen wäre das ein Umfang von zehn Milliarden Euro gewesen.

Jahrelange Vorarbeit

Doch damit nicht genug. „Bei einem positiven Verlauf ist eine schrittweise Ausweitung auf andere Provinzen und schließlich auf die gesamte Volksrepublik China möglich“, teilte die Steiger-Stiftung 2016 mit. Für diesen Fall wurde auf Aufträge in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro spekuliert. Zwar wurde hin und wieder auch das Risiko erwähnt, die politischen Unwägbarkeiten, doch nach enorm viel Vorarbeit schien das Mammutprojekt auf einem guten Weg. „Der erfolgreiche Abschluss dieses ersten Vertrages zeigt, wie groß die Mannschaftsleistung im Hintergrund war und auf wie viele Schultern dieses Projekt verteilt ist“, sagte Stiftungspräsident Pierre-Enric Steiger damals.

Inzwischen müssten eigentlich mehrere Phasen des Projekts abgeschlossen sein. Doch Anfang 2024 lautet die ernüchternde Erkenntnis: Es ist so gut wie nichts passiert. In China erinnert dem Vernehmen nach außer der Ruine einer nie zu Ende gebauten Rettungswache nichts mehr an die großen Pläne. Das Vorhaben gilt als gescheitert.

Nichts ist passiert

Die Beteiligten äußern sich entsprechend knapp. Bei Dräger, Spezialist für Medizintechnik, sagt eine Sprecherin: „In der Rückschau der damals involvierten Personen kam es in dem Projekt nicht zu den angestrebten Lieferungen von medizinischen Produkten.“ Airbus Helicopters, vorgesehen für die Lieferung von Hunderten Rettungshubschraubern, sagt auf Anfrage gar nichts zum Projekt. Und beim Reutlinger Institut für Patientensicherheit und Teamtraining InPass, das Tausende Retter in China hätte schulen sollen, heißt es: „Leider ist das China-Projekt in den Anfängen stecken geblieben und wurde von unserer Seite nicht wieder aufgegriffen.“

Doch wie kann das sein? Bei der Björn-Steiger-Stiftung gibt man nur eine kurze Stellungnahme dazu ab. „Mit der Volksrepublik China gab es diverse Gesprächsrunden, die im Jahr 2018 ihren Abschluss fanden in einem gemeinsamen Memorandum of Understanding. Durch den bald darauf folgenden Ausbruch der Corona-Pandemie kamen diese Gespräche zu einem Halt. Und sind seitdem noch nicht wieder aufgenommen worden“, teilt ein Sprecher mit.

Corona also. Zweifellos hat die Pandemie weltweit vieles zusammenbrechen lassen. Doch Fakt ist auch, dass Anfang 2020, als die Virus-Welle ins Rollen kam, das Projekt längst hätte weit fortgeschritten sein sollen. Hinter den Kulissen ist zu hören, dass die chinesische Seite sich an Abmachungen und Verträge schlicht nicht gehalten habe. Es fehle die Verlässlichkeit.

In diese Richtung deutet auch eine Aussage des Gesundheitsministeriums. Bei der Modernisierung des Rettungswesens habe China auf die Expertise aus Deutschland zurückgreifen wollen. „Dies sollte durch ein Modellprojekt der Björn-Steiger-Stiftung umgesetzt werden“, so eine Sprecherin. Die Bundesregierung habe dies politisch unterstützt. Viel passiert sei jedoch nicht, „da unter anderem die chinesische Seite die Zeit für eine landesweite Systemlösung im Rettungsdienst seinerzeit nicht gekommen sah“. Steuergelder, betont man im Ministerium, seien dafür nicht ausgegeben worden.

Auch Sri Lanka bricht weg

Nun beschränkt sich das Scheitern der großen Rettungsdienstpläne nicht allein auf China. Auch für Sri Lanka hatte die Stiftung gemeinsam mit ihren Partnern ähnliche Vorstellungen. Im politisch so labilen Inselstaat schätzte Stiftungspräsident Pierre-Enric Steiger die nötigen Anfangsinvestitionen auf 1,5 Milliarden Euro, „um das System zum Laufen zu bekommen“. Gehen sollte es um 20 Luftrettungszentren, 24 Hubschrauber, 1050 Rettungswagen und 555 Rettungswachen. Der damalige Gesundheitsminister Sri Lankas, Rajitha Senaratne, tourte im Mai 2017 sogar durch die Region Stuttgart, um sich persönlich einen Eindruck vom deutschen Rettungswesen zu verschaffen.

Geblieben ist auch von dem Vorhaben in Sri Lanka nichts. „Es konnte nach unseren Erkenntnissen ebenfalls nicht umgesetzt werden“, heißt es im Gesundheitsministerium. Die Steiger-Stiftung teilt dazu mit: „Im Jahr 2016 unterzeichnete die Regierung von Sri Lanka eine Machbarkeitsstudie zum Aufbau eines Rettungssystems. Nach Pandemie und internen Wirren war Sri Lanka im April 2022 aufgrund staatlichen Missmanagements zahlungsunfähig. Premier und Präsident wurden abgesetzt.“ Heute sei das Land hoch verschuldet. „Aus diesem Grund ist jede konkrete Aussage über ein kommendes, weiterführendes Engagement der Björn-Steiger-Stiftung in Sri Lanka verfrüht.“

Außer Spesen nichts gewesen also. Was wie ein Märchen begann, scheint sein Ende in der harten Realität gefunden zu haben.