Die diakonische Einrichtung der evangelischen Brüdergemeinde Korntal ist heute kreisweit anerkannt. Foto: factum/Archiv

Der Mann, der die Übergriffe in den Heimen der Korntaler Brüdergemeinde publik machte, gehört einem neuen Gremium der evangelischen Kirche an. Dieses befasst sich mit der Aufarbeitung. Auch der Korntaler Missbrauchsskandal könnte damit wieder in den Fokus rücken.

Korntal-Münchingen - In wenigen Tagen wird der Betroffenenbeirat zum ersten Mal tagen, und die zwölf Mitglieder haben allesamt Erfahrungen von sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) gemacht. Auch Detlev Zander gehört dem Gremium an. Der Mann also, der 2014 die Fälle von psychischer und physischer Gewalt in den Kinderheimen der evangelischen Brüdergemeinde Korntal öffentlich gemacht hatte. „Ich glaube, dass die EKD aus ihrer Schockstarre raus ist und aufklären will. Alle Landeskirchen müssen mitziehen“, sagt er.

Erfolg und Verantwortung zugleich

Dass die Auswahlkommission auch ihn in das Gremium aufnahm, freut Zander. „Für mich ist das ein Erfolg, aber ich weiß auch, welche Verantwortung ich zu tragen habe.“ Er will in das Gremium einbringen, was Heimkinder vor allem bis in die 1970er Jahre in den Heimen der Diakonie der evangelischen Kirche widerfuhr.

Das neue Gremium begleitet die Arbeit zu Prävention, Aufarbeitung und Hilfen bei sexualisierter Gewalt in der EKD. Es besteht aus zwölf Personen, die sich über eine öffentliche Ausschreibung bewerben konnten.

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Der Beirat soll Betroffenen eine strukturierte Beteiligung an künftigen Prozessen bieten, die der Beauftragtenrat zum Schutz vor sexualisierter Gewalt verantwortet. Auch dieser ist vergleichsweise neu: Er ist bei der EKD-Leitung angesiedelt und begleitet seit 2018 die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und Prävention in der evangelischen Kirche. Sprecherin ist Kirsten Fehrs, die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. „Dass Sie bereit sind, im Beirat anderen Betroffenen, die angesichts des erlittenen eigenen Leids nicht die Kraft oder Möglichkeit dazu haben, ihre Anliegen in der Öffentlichkeit zu vertreten, eine Stimme zu verleihen, trägt auch dazu bei, künftiges Leid zu verhindern“, sagt die Bischöfin an die Betroffenen gewandt. „Wir brauchen Ihre Erfahrung bei allem, was wir im Bereich Aufarbeitung und Prävention, Aufarbeitung und Hilfen tun.“

Neues Gremium auf EKD-Ebene

Die Beteiligung von Betroffenen an der Prävention und Aufarbeitung ist laut der EKD der erste von elf Punkten eines Handlungsplans, den die EKD-Synode im Herbst 2018 beschlossen hat. Unter anderem ist eine Forschungsstudie geplant, welche die bisherigen Aufarbeitungsprozesse unter die Lupe nehmen soll. „Meine Motivation für die Mitarbeit in dem Gremium ist es, die Erfahrung, die ich seit fast sieben Jahren bei der Brüdergemeinde mache, einzubringen“, sagt Zander.

In Korntal hatten die Betroffenen eine Beteiligung an der Aufarbeitung gefordert. Weil Standards fehlten, gab es in der Folge aber mehrfach Streit aller Beteiligten untereinander.

Klaus Andersen, der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde, bekräftigt, dass die Betroffenenbeteiligung „Standard sein sollte in allen Aufarbeitungsprozessen“. Detlev Zander könne „sicher Anstöße und vielen Betroffenen eine gute Stimme geben“. Dass damit im Rahmen des Forschungsprojektes auch die Brüdergemeinde erneut in den Fokus rückt, stört Andersen nicht. „Was geschehen ist, ist Teil unserer Geschichte. Wir sind in der Phase zu lernen, damit umzugehen.“

Eine Skulptur zum Gedenken an das Geschehene soll laut Andersen im kommenden Jahr enthüllt werden. Derzeit ist als Standort ein Platz auf dem Gelände des Hoffmannhauses vorgesehen – also an dem Haus, in dem die Opfer damals so viel Leid ertragen mussten.

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