Auf den Spuren von Der australische Entwicklungshelfer

Von Thomas Näher 

Wurfgewaltig: Frank Otto Foto: Baumann
Wurfgewaltig: Frank Otto Foto: Baumann

Mit 53 Jahren schnuppert Ex-Wasserballer Frank Otto noch mal WM-Luft in Schanghai

Stuttgart - Kürzlich hat er sich mal wieder überwunden. Da hat sich Frank Otto ein Herz gefasst, ist ins Wasser gesprungen und hat Torschüsse geübt. Nur eine halbe Stunde lang. Danach war er fix und alle. "Das hat gar keinen Sinn mehr, mir tut alles weh", stöhnte er. Jedes Mal kostet es ihn Überwindung. Außerdem, und das ist das Wichtigste: "Beim Schwimmen kann man nicht quatschen." Und Frank Otto quatscht gerne. Janz Berliner Schnauze eben.

Von 1977 bis 1992 gehörte Frank Otto der Nationalmannschaft an. Mit 467 Länderspielen ist er immer noch deutscher Rekord-Nationalspieler. 1981 und 1989 wurde er Europameister, 1984 gewann er in Los Angeles Olympia-Bronze. Mit Spandau wurde er sechsmal deutscher Meister und fünfmal Pokalsieger, bei seinem dreijährigen Gastspiel bei Rari Nantes Camogli (bei Genua) wurde er 1986 zum besten Mittelfeldspieler der italienischen Liga gewählt. Danach hängte er noch ein paar Jährchen in Cannstatt dran, erst als Spieler, von 1994 bis 1997 als Erster Vorsitzender. 2005 wurde er mit dem SV Cannstatt Weltmeister in der Altersklasse +45, 2009 in der Altersklasse +50.

Otto hätte also eine Menge zu erzählen, doch die eigene Karriere streift er allenfalls. Er lässt seine Titel und Erfolge für sich sprechen, verweist höchstens auf die sportlichen Meriten seiner Tochter Marcella (18), die mal deutsche Jahrgangsmeisterin im Schwimmen (200 m Rücken) war, und seines Sohnes Gianni (16), der als Basketballer bei EnBW Ludwigsburg deutscher U-16-Vizemeister ist. Und ganz nebenbei sagt er einen bemerkenswerten Satz: "Ich hätte gerne Eishockey gespielt - aber dann wäre ich nie auf Australien getroffen."

Australien! Das magische Wort, die magische Begegnung mit einer Nation, die ihm schnell ans Herz gewachsen war. 1977 hatte Australiens Wasserball-Nationalmannschaft Station im damaligen West-Berlin gemacht. Die Kontakte, die Otto in diesen Tagen knüpfte, hatten Bestand und führten dazu, dass er 1986 eine Saison für die Melbourne Collegians bestritt. Seither hat es ihm Down Under erst recht angetan. Gegen John Fox, den heutigen Nationaltrainer, hatte Otto einst bei Olympia selbst gespielt. Und wie das Leben so spielt: Im vergangenen Jahr erinnerte sich Fox an seinen Kumpel aus Stuttgart: "Willst du mein Co-Trainer werden?" Keine Frage für Frank Otto: Seither investiert der Mann, der bei Daimler-Benz schafft und im Gebiet Sindelfingen/Böblingen dicke Brummer bis 7,5 t verkauft, seinen Jahresurlaub, um mit den Aussies um die Welt zu reisen.

Zuletzt im Juni zum Weltliga-Finale der acht besten Mannschaften nach Florenz. "Die WM mache ich aber nicht mit, ich will niemandem den Platz wegnehmen", sagte Otto. Pustekuchen, es kam etwas Unerwartetes. "In Australien ist das anders, da bestimme ich als Trainer, wen ich wohin mitnehme", sagte John Fox. Und so kam es, dass Frank Otto kürzlich ins Flugzeug nach Schanghai gestiegen ist, wo er John Fox bei der WM zur Seite gesprungen ist. "Ehrenamtlich", wie der australische Entwicklungshelfer jedoch betont, "das mache ich allein aus Verbundenheit zu meinen alten Kumpels."

Dafür würde er weite Wege gehen. Und tatsächlich, einmal im Jahr ist das absolut wörtlich zu nehmen. Einmal im Jahr, wenn sich die Alten Herren aus Sidney und Melbourne auf halbem Weg in Albury treffen, wieder mal gegeneinander ins Wasser steigen und die Vergangenheit aufleben lassen, überwindet sich auch Frank Otto. Dafür trainiert er sogar, in überschaubarem Maße. Seit 15 Jahren ist Otto mit von der Partie. "Es ist jedes Mal, als würde ich nach Hause fliegen. Die Freundschaften, die ich dort aufleben lasse, sind unbezahlbar", sagt er. Und jedes Mal ist er wieder dankbar, dass aus der Eishockeykarriere doch nichts geworden ist.

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