Ben Willikens vor seinem berühmten „Abendmahl“ Foto: Schauwerk/Frank Kleinbach

Immer wieder Räume. Für den Maler Ben Willikens sind sie Gegenwelt, Warnung, Hoffnung. Warum? Vor seiner Ausstellung im Museum Schauwerk gibt Willikens Antwort.

In diesen Tagen liegt die Toscana mitten in Stuttgart. Ein eigener Stimmensingsang durchzieht den Kulturpark Berg. Die private Medienhochschule Merz Akademie lockt mit ihrer internationalen Besetzung, das Haus des Dokumentarfilms und das Landesarchiv Film summieren Geschichte in kaum fassbarer Materialfülle. Zwischen den großen Eckpfeilern der ehemaligen Militär-Lazarett-Anlage steht ein weiterer Backsteinbau. Eher unauffällig.

 

Früher eine Quarantänestation

Wenn aber die Türe aufgeht, und man den hallenartigen Flur der einstigen Quarantäne-Station für tropenkranke Soldaten betritt, wirkt ein eigener Zauber. Das Außen in all seiner Sympathie ist vergessen. Alles in diesem Raum scheint zu sprechen – Bücher auf langen Tischen, Bilder, Spiegel. „Kommen Sie doch.“ Es geht nach rechts – hinein in das Licht und in einen hohen, rechteckigen Raum. Aber was heißt schon Raum? Dieser hier wird zur Halle, öffnet sich fast bodentief nach draußen, ist durchweht wie in einem idealen Landhaus-Drehort.

Besuch? Man wird empfangen

Wer hierher kommt, besucht nicht, sondern wird empfangen. Seit 1987. Von Ben Willikens. In Schwarz wie jeh, die scheinbar schon immer weißen Haare scharf zurückgekämmt.

Ben Willikens – hier in der Ruoff-Stiftung Foto: sf

Willikens ist Künstler, zählt national wie international zu den bekanntesten deutschen Malern. Jüngst hat ihn die renommierte Albertina in Wien geehrt. Nun eröffnet an diesem Sonntag das private Museum Schauwerk in Sindelfingen die Ausstellung „Ben Willikens – Raum und Gedächtnis“.

„Begehbare Bildräume“ im Schauwerk

Das klingt versöhnlicher als das von Albertina-Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder in Wien ausgerufene „Kälte -Räume“, und es ist auch so gemeint. „Die Bilder von Ben Willikens“, sagt Schauwerk-Direktorin Barbara Bergmann, „sind wie geschaffen für die strenge, schmucklose Architektur unseres Hauses. An vielen Stellen entsteht der Eindruck, dass sich das Museumslicht in den Bildern fortsetzt. Es entstehen Bildräume, die man begehen kann.“

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Der Maler selbst mag es einen Ton schärfer: „Wenn ich eine Ausstellung mache“, sagt er am Mittwoch bei der Vorbesichtigung der Schau, „muss etwas deutlich werden“. Zum Beispiel? „Warum taucht hier oder dort plötzlich die Farbe auf? Welche Räume und Orte haben wir im Kopf, wenn wir Räume sehen?“

Blick in das Willikens-Atelierhaus im Kulturpark Berg Foto: sbw

Farbe ist ein gutes Stichwort. Willikens, 1939 in Leipzig geboren und Absolvent einst der Stuttgarter Kunstakademie, ist schließlich als „Graumaler“ bekannt. Er lacht, wenn er das Wort hört, benutzt es selbst, als sei es ein nie wirklich geduldetes Etikett. Und ist nicht das Bild, das ihn berühmt gemacht hat, das 1976 bis 1979 entstandene „Abendmahl“, in seinen Grauschattierungen voller Farbe? „Das meine ich nicht“, sagt Willikens.

Farbe als „Alternative zu Grau“

Sondern? „Die Farbe“, sagt Willikens mit Blick auf Szenerien wie seinen Blick auf historische Künstlerateliers und eine erst in seinem „Raum 1386“ ausgeführte Wandmalerei von Piet Mondrian, „tritt nicht anstelle des Graus, sondern als Alternative zu Grau“. Auch diese Alternative hat indes nur ein Ziel: Räume zu schaffen, Räume sichtbar zu machen, Räume zu befragen. Seit 50 Jahren entstehen diese Räume. Pur. Menschenleer.

Auf den Raumspuren der Menschen

„Mein Weg von der Geburt bis zum Beginn meiner Kunst war ein Weg der mangelnden sozialen Beziehungen, der zwischenmenschlichen Kälte“, sagt Willikens. Und: „Ich habe als Kind und Nachkriegskind genug davon inhaliert, um zu wissen, was Räume sind. Ich brauche den Fokus auf den Menschen nicht. Mich interessieren die Spuren, die Raumspuren, die er hinterlässt. Und die sind verwirrend und zeigen ein überaus verwaschenes Porträt.“

Räume und Menschen

Sind Räume die besseren Menschen? Willikens überlegt. Dann sagt er: „Die Verlässlicheren vielleicht“.

Blick ins Schauwerk – mit Willikens’ „Abendmahl“ Foto: sbw

Klarer als wichtige Wegbegleiter des Malers wie der Münchner Kunstwissenschaftler Walter Grasskamp und Götz Adriani, Gründungsdirektor der Kunsthalle Tübingen und dort 1975 Organisator der ersten großen Willikens-Ausstellung, hat zuletzt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder den Zusammenhang von Leben und Werk thematisiert. Die Erfahrungen von Krieg, Einsamkeit und Isolation.

Bittere Psychatrie-Erfahrung

Ben Willikens, zunächst Professor an der Kunstakademie in Braunschweig und von 1991 bis 2004 Professor und schließlich Rektor der Kunstakademie in München, lässt die Frage nach dem Existenziellen in seiner Kunst heute vielleicht eher zu. „Während meines einjährigen Aufenthaltes in einer geschlossenen Psychatrie 1969“, sagt er, „fand ich die Formensprache für mein ganzes Leben. Eine persönliche Erfahrung, die mir zum Symbol wurde für ein kollektives Versagen einer Gesellschaft an der Bewältigung der jüngsten Vergangenheit.“ Diese als knapp 30-Jähriger unaushaltbar gewordene „jüngste Vergangenheit“, die zwölf Jahre Hitler-Diktatur und ihre mörderischen wie auch ihre gesellschaftlich lähmenden Folgen, verarbeitet Ben Willikens in den 1970er Jahren in für ihn „anderen Räumen“: „Vom Bunker zum Spital bis zur Folter – und Gaskammer. Von der Hölle bis zum Himmel und zurück.“

Daimler ermöglicht die „Orte“-Serie

Förderer von Willikens’ „Orte“-Serie: Hans J. Baumgart Foto: sk

Ende der 1990er Jahren nähert sich Ben Willikens seinen Fragen an die deutsche Geschichte neu. Nun in der Auseinandersetzung mit den realen architektonischen Zeugnissen der Machtdemonstration der Hitler-Diktatur. Übergroße Formate entstehen. Hans J. Baumgart ist seinerzeit für die Kunstsammlung der Daimler AG verantwortlich. Er kennt Willikens als Maler überzeitlicher Räume. Diese „Orte“ aber sind real – wie das Zeppelinfeld in Nürnberg, Bühne einst der sorgsamst choreografierten Parteitage der NSDAP. „Mir gingen“, sagt Baumgart jetzt, „Fragen der möglichen Rezeption, der unterschiedlichen Deutung und des gewollten oder ungewollten Widerhalls durch den Kopf“.

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Doch dann entscheidet sich Baumgart dafür, das Projekt zu unterstützen. „Sich mit diesen Bildern zu beschäftigen“, sagt er, „heißt – und das gilt wohl nicht nur für mich -, auf Spurensuche zu gehen, die aber nie ein Ende findet. Dafür ist die Orte Serie wie geschaffen, reizvoll, verlockend, fatal, offenbarend zugleich.“ 2001 kauft Daimler die „Orte“-Serie an – mit einem zentralen Ziel: „Die Serie“, so Baumgart, „musste zusammen bleiben, sie braucht eine schützende Hand und gehört an einen unverfänglichen Ort.“ Als Dauerleihgabe ist sie seit 2005 Teil der Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart.

Mahnung vor Wahn und Verführung

Im Schauwerk sind von diesem Sonntag an drei zentrale „Orte“-Bilder zu sehen. Und in der Hallenarchitektur zeigen sie erneut ihre Kraft – auch zur Verwandlung. Fast plastisch tritt in „Rednertribüne“ der Ort der Verleumdung, der Allmachtsfantasie und des Aufrufs zum Völkermord in den Hallenraum. Eine zeitlose Mahnung vor Wahn und Verführung.

Peter Schauflers Vermächtnis

Das Schauwerk? 2010 wurde es in Sindelfingen in umgebauten ehemaligen Produktionshallen des Kühltechnik-Spezialisten Bitzer als Museum für Gegenwartskunst eröffnet. Als Bühne für die Kunstsammlung von Bitzer-Geschäftsführer Peter Schaufler und dessen Frau Christiane Schaufler-Münch. Früh erwirbt das Sammlerpaar, dessen erster Ankauf eine Schnurcollage von Fritz Ruoff (1906-1986) ist, ein großes Bild von Ben Willikens. „Die Klarheit und Strenge, auch das Sublime der lichtdurchfluteten Gegenräume“, sagt Schauwerk-Direktorin Bergmann, „haben sie besonders fasziniert“.

Ben Willikens mit Christiane Schaufler-Münch Foto: sbw

Auch nach dem Tod von Peter Schaufler 2015 hält Christiane Schaufler-Münch den Kontakt. Eine große Willikens-Ausstellung bleibt ihr Ziel. Seit 2018 laufen die dann auch von der Pandemie verwirbelten Planungen – nun ist es soweit. Zur Eröffnung an diesem Sonntag um 11.30 Uhr spricht Klaus Albrecht Schröder. Und vielleicht erzählt der Generaldirektor der Wiener Albertina, die aktuell mit einer furiosen Edvard Munch-Ausstellung europaweit für Schlagzeilen sorgt, auch von seinem Besuch bei Ben Willikens in der Teckstraße in Stuttgart. „Völlig begeistert“ sei er „von diesem wunderbaren Ort“ gewesen, sagte Schröder unserer Zeitung vor der Eröffnung von „Ben Willikens: Kälte – Räume“ in Wien.

„Die Teckstraße bleibt immer etwas Besonderes“

Ben Willikens hat im Palazzo Pitti in Florenz ausgestellt, im Busch-Reisinger Museum in Cambridge, im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt oder auch in der Kunsthalle Weishaupt in Ulm. Und er arbeitet für seine Großformate seit 2009 vorzugsweise in einem ehemaligen Güterbahnhofs-Areal in Wallhausen im Hohenlohe. „Die Teckstraße“, aber sagt er, „bleibt immer etwas ganz Besonderes“. Wer wollte ihm widersprechen. Leicht weht der Wind durchs Haus, das noch Lebens- und Arbeitsort ist, schon selbst raumgewordenes Kunstwerk.

Ben Willikens im Museum Schauwerk

Ben Willikens
 gilt die neue Ausstellung „Raum und Gedächtnis“ im Museum Schauwerk in Sindelfingen (Eschenbrünnlestraße 15). Zu sehen ist sie bis zum 12. Februar 2023 (jeweils Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr). Eröffnet wird die Ausstellung an diesem Sonntag, 22. Mai, um 11.30 Uhr. Zur Einführung spricht Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Albertina in Wien.

Kulturpark Berg
wird ein Areal in Stuttgart-Ost genannt, in dem Bildungseinrichtungen wie die Merz-Akademie und das Haus des Dokumentarfilms sowie Agenturen angesiedelt sind. Ursprünglich ein Lazarett, ist das Areal seit Ende der 1980er Jahre neu belebt – wesentlicher Impuls war 1987 die Wiederherstellung eines Gebäudes als Atelier- und Wohnhaus durch Ben Willikens.