Immer modernere Assistenzsysteme sollen das Autofahren sicherer machen. Doch in der Übergangszeit zum autonomen Fahren können sie laut Experten auch selbst zum Risikofaktor werden.
Die Stuttgarter Expertenorganisation Dekra sieht in der Einführung immer leistungsfähigerer Assistenzsysteme neben Chancen auch beträchtliche Risiken für die Verkehrssicherheit. Selbst wenn zunächst nur leichtere Aufgaben auf die Maschine übertragen werden, sei eine „Zurückbildung fahrrelevanter menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten zu befürchten“, heißt es im Verkehrssicherheitsreport 2023, den das Unternehmen am Freitag vorlegte.
Fehlende Übung führt zu Kompetenzverlust
Assistenzsysteme könnten wegen fehlenden Trainings zu Kompetenzverlust führen, was die angemessene Reaktion in Gefahrensituationen erschwere. Zu den Risiken gehöre auch ein Zustand der Unterforderung, der die Aufmerksamkeit einschränken und die Gefahr hervorrufen könne, dass wichtige Signale übersehen werden.
Ein neuralgischer Punkt seien bei Assistenzsystemen, deren Automatisierungsgrad auf der fünfstufigen Skala auf den Stufen drei angesiedelt ist, Verkehrssituationen, die das System an seine Grenzen bringen: In diesen Fällen veranlasst der Assistent den Fahrer, das Steuer zu übernehmen.
„Am wenigsten Fehler machen Fahrer, wenn sie in einem mittleren, leicht fordernden Anforderungsmodus unterwegs sind“, sagte Dekra-Experte Thomas Wagner. Sei die Aktivierung zu gering, lasse man „die Gedanken schweifen und ist dann nicht mehr in der Lage, schnell die Kontrolle über das Fahrzeug zu übernehmen“.
Erfolge dürfen nichts aufs Spiel gesetzt werden
Die Bedienung von Assistenzsystemen dürfe „nicht zu neuen Risiken oder Gefahren führen, mit denen die erzielten Erfolge in der Verkehrssicherheit wieder aufs Spiel gesetzt werden“, betonte Jann Fehlauer, Chef der Dekra Automobil.
Der ADAC hält die Bedenken für teilweise nachvollziehbar. Durch die Systeme entstehe das Risiko, dass der Lenker mit einer kritischen Fahrsituation konfrontiert wird, die das System nicht bewältigt, und dann spontan und rasch eingreifen muss, ohne die Entstehung der Situation verfolgt zu haben. Dies könne dann zu Schreckreaktionen mit ungewollten Folgen führen. Allerdings führten die Systeme nicht dazu, dass routinierte Lenker das Fahren verlernen. „Auch das Radfahren beherrschen wir nach einer langen Winterpause.“
Mercedes: Viele Schritte, um Risiken zu kontrollieren
Mercedes erklärt, die grundsätzliche Problematik sei nicht in Abrede zu stellen – man habe aber vieles unternommen, um sie in den Griff zu bekommen. So sei bei der Automatisierung der Stufe drei die Geschwindigkeit bisher auf 60 Kilometer pro Stunde begrenzt. Um festzustellen, ob der Fahrer aufmerksam ist, gibt es den Aufmerksamkeitsassistenten, der Fahrer und Lenkbewegungen auf Signale von Übermüdung analysiert.
Bei Stufe drei muss der Fahrer das System nicht laufend überwachen und darf zum Beispiel Filme anschauen. Nach einer Vorwarnzeit muss er aber in der Lage sein, das Steuer zu übernehmen. Diese Systeme gelten als Vorstufe zum Fahren der Stufe vier, bei dem die Elektronik die Steuerung auf bestimmten Strecken, etwa auf Autobahnen und in bestimmten Geschwindigkeitsbereichen übernimmt. Bei Stufe fünf benötigt das Auto weder Lenkrad noch Pedale.