Der Biologe Adam Schnabler sucht mit einer Lampe die Uferböschung nach Fröschen ab. Foto: /Julian Rettig

Wer baut, trifft häufig auf schützenswertes Getier. Der Bahn geht das bei Stuttgart 21 nicht anders. Nach Juchtenkäfern in Bäumen und Eidechsen auf der geplanten Trasse sind nun Frösche, Molche und Kröten im Fokus. Die müssen auf den Fildern aufwendig umgesiedelt werden.

Stuttgart - Es könnte alles so schön sein. Der kleine Weiher liegt in den letzten Strahlen der Abendsonne, das Schilf wiegt sich im lauen Sommerwind und eine Fledermaus jagt ausgiebig den reichlich herumschwirrenden Insekten nach. Ein Detail stört aber doch: keine 30 Meter von der beschriebenen Szene dröhnt der Verkehr auf der Autobahn 8 vorbei, dass kaum das eigene Wort zu verstehen ist. So sieht er also aus, der vorübergehende Arbeitsplatz von Adam Schnabler. Der Biologe fängt im Auftrag der Deutschen Bahn Frösche, Molche und Kröten. Sein Einsatzort ist ein Regenrückhaltebecken an der A8 bei Plieningen. Wo heute noch das Wasser von der Autobahn zusammenläuft, sollen von 2025 an Züge entlangjagen. Das Becken muss weg, seine Bewohner umziehen.

 

Eine Aufgabe für Nachteulen

Der Froschfang ist vor allem eine Sache für Nachteulen. „Wenn die ersten Sterne rauskommen, kann es losgehen“, sagt Schnabler, der für ein Karlsruher Ingenieurbüro arbeitet. Die Wartezeit auf das Heraufziehen der Nacht nutzt der Mann, um jenen Ort zu zeigen, wohin die eingefangenen Frösche übersiedeln. Dazu geht es ein Stück ostwärts bis der Ortsrand des Stuttgarter Stadtteils Plieningen in den Blick kommt. Zwischen Feldern, auf denen der Mais hoch steht, liegt eine ehemalige Wiese. Schon 2016 hat die Bahn diese in einen Weiher umgestaltet – in der Annahme, dass es mit dem Bahnbau auf den Fildern alsbald würde losgehen können.

Ein Rechtsstreit über die Pläne verhinderte dies. Erst im Juni 2020 gab das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig dem Vorhaben seinen abschließenden Segen. Da war der neue, bis heute noch namenlose, Teich schon einige Jahre alt – und unerwartet bewohnt. Die Frösche durften wegen der juristischen Unwägbarkeiten noch nicht umziehen, stattdessen fand Biologe Schnabler Fische und Schildkröten vor, die auf natürliche Weise nicht eingewandert sein können.

„Da wurden wohl Aquarien entleert“, sagt Immanuel Jähnchen, der bei der S-21-Projektgesellschaft im Fachbereich Umwelt arbeitet, und für die artenschutzrechtlichen Belange im Flughafenabschnitt des Milliardenvorhabens zuständig ist. Weil sich die ausgesetzten Tiere nicht mit den Amphibien vertragen, für die der Teich errichtet worden ist, wurden und werden sie bejagt. Ein Elektrofischer etwa lockt die Fische in seine Reusen. Und dann? „Zoos sind dankbare Abnehmer. Tiefgefroren sind die für Eisbären oder Fischotter als Futter geeignet“, sagt Schnabler ohne Anflug von Sentimentalität. Er hat eine nüchterne Einstellung zu den Vorgängen draußen. Dass der Reiher regelmäßig vorbeischaut und dies sicherlich nicht wegen der Idylle auf den Feldern kommentiert der Biologe mit einem „Das ist eben die Natur“.

150 000 Euro für den neuen See

Rund 150 000 Euro hat die Bahn in die neue Froschbleibe investiert, und wird vom Fachmann Schnabler gelobt. „Hier ist vieles richtig gemacht worden“. Auf dem 3600 Quadratmeter großen Areal steht eine 1000 Quadratmeter große Wasserfläche zur Verfügung. „Hier wurde viel Landhabitat geschaffen“, beschreibt Schnabler die wild wuchernde Wiese rings des kleinen Sees. Für die Amphibien seien die Rückzugsorte essenziell. Und die blühenden Wiesen würden reichlich Insekten anlocken, das Nahrungsangebot für Frosch und Co. stimme dadurch.

Der Biologe glaubt an den Erfolg der Umsiedlungsmaßnahme. Die Bahn sieht sich ihrerseits insbesondere im Blick auf das aufwendige Umsetzen von Eidechsen immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, dass die Tiere alsbald ihr neues Habitat wieder verlassen würden. An dem kleinen See, der bei Hochwasser durch den vorbeifließenden Rennebach gespeist wird, hätten sich die bereits umgesiedelten Frösche gut eingelebt. Auch wenn er sie nicht sieht, so hört Schnabler seine Schützlinge doch. „Wenn ich am Ufer entlang laufe macht es regelmäßig ,plopp’ wenn einer der Frösche vor mir ins Wasser gesprungen ist“. Und es mache häufig plopp bei seinen Besuchen. Angesiedelt werden der Teichfrosch, der Kleine Wasserfrosch und der Seefrosch. Dessen markantes Keckern ist zu hören, als Schnabler am Ufer des Sees über die geschützten Tiere referiert, die er seit Frühjahr des vergangenen Jahres dorthin verbracht hat. Platz bietet der See reichlich. „Die Wasserfrösche sind gesellig. Denen wird es hier nicht zu eng.“

Auch wenn weiterhin Nachschub rollt. Zurück ans Regenrückhaltebecken der A8, wo die restlichen Tiere sich noch ihres Froschdaseins erfreuen. Die Dämmerung bricht an, Schnabler und zwei Mitarbeiter pumpen ein Schlauchboot auf. Zunächst habe man versucht, vom Ufer aus der Tiere habhaft zu werden. „Aber die Seerosen und das Schilf haben denen perfekte Deckung geboten“, sagt Schnabler. „Eigentlich ist ein Regenrückhaltebecken ein technisches Bauwerk. Aber das hier hat sich zum Biotop gewandelt“. Mit der Konsequenz, dass sich allerlei Getier angesiedelt hat, das nun eine neue Heimat braucht.

Erwachsene Kröten sind dem See treu

Das gilt auch für die Erdkrötenpopulation, die aus einem mehr als anderthalb Kilometer entfernten Wald dorthin kommt, um Laich abzulegen. Damit sind die Tiere genau auf diese Wasserstelle geprägt. Ein Umsiedeln der erwachsenen Kröten wäre sinnlos, im nächsten Jahr würden sie den bisherigen See wieder aufsuchen. Als Ersatz entstehen nicht weit entfernt zwei neue Rückhaltebecken, eines für das Wasser der Autobahn und eines für die neue Bahnstrecke. Dort, so der Plan, sollen die erwachsenen Kröten in der Laichsaison ein Plätzchen finden. Die Bagger haben sich bereits ans Werk gemacht.

Unterdessen ist das Schlauchboot bereit, zu Wasser gelassen zu werden. Starke Lampen, ein Eimer, ein Kescher und ein Paddel ist alles, was Schnabler und sein Mitarbeiter mit an Bord nehmen. Eigentlich sei es noch zu hell, da die Frösche ihre Häscher wahrnehmen. In der Dunkelheit sehen die Tier die Menschen nicht mehr. Dass sie von den Lampen angeleuchtet werden, störe sie nicht.

Aber ihre Augen, so erklärt es der Fachmann, leuchteten dann wie die einer Katze und machten sie leicht zu finden. Jetzt in der Dämmerung funktioniert der Trick noch nicht richtig, gleichwohl landet Schnabler nach keinen 20 Minuten mit dem ersten Tier an. Nach kurzer Untersuchung identifiziert er es als männlichen Seefrosch. An Nahrung kann es auch im Regenrückhaltebecken nicht mangeln. Das Tier ist stattlich, wiewohl noch nicht ausgewachsen. „Der erlebt hier vielleicht gerade erst seinen zweiten Sommer“, konstatiert Schnabler. Am Ende gegen dreiviertel Elf werden es 16 Seefrösche sein, die ein neues Zuhause bekommen.

Das Frösche fangen neigt sich dem Ende zu

Die Zeit drängt. Östlich des Rückhaltebeckens nimmt die künftige Bahnstrecke Konturen an, von Westen arbeitet sich die Baustelle vom Fildertunnel kommend auf die kleine Wasserfläche zu. Druck von der Bahn, der der Inbetriebnahmetermin Ende 2025 im Nacken sitzt, verspürt der Biologe Schnabler aber nicht. Es sei ohnehin eine Illusion, dass man alle Tiere findet. Das letzte Wort über den Erfolg der Maßnahme hat die sogenannte umweltfachliche Bauüberwachung, erklärt Bahnmann Jähnchen. Solange kommt Schnabler regelmäßig wieder. Auch die nahe Autobahn stört ihn nicht. „Wenn die Sterne funkeln, ist es sogar hier schön“