Der russische Designer Artemy Lebedev vor einer Statue des ehemaligen nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung Foto: Foto: Art.-Lebedev-Studio

Artemy Lebedev macht die Technikwelt schöner - Er strotzt nur so vor Selbstbewusstsein.

München - Nur wenige Computerverrückte würden 1700 Euro für eine Tastatur ausgeben. Artemy Lebedev ist das egal. Er stellt seine Dienste sowieso nur Menschen zur Verfügung, die ihm in den Kram passen.

"Unser Studio ist der Mittelpunkt des Universums. Es hat seine eigene Flagge, Hymne und Logo", heißt es in Artikel 1 der Verfassung des Art. Lebedev Studios in Moskau. Unter dem Motto "Design Will Save The World" (Design wird die Welt retten) arbeitet hier der russische Industriedesigner Artemy Lebedev mit seinen Mitarbeitern. Und wenn Lebedev "Design" sagt, meint der Weltenretter vor allem sein eigenes Design.

Mit großem Sendungs- und Selbstbewusstsein, mit gezielten Provokationen und gefeierten Arbeiten hat es der 35-Jährige zu einem der weltweit renommiertesten Designer des Multimedia-Zeitalters gebracht. Sein Studio gestaltet Internetseiten, Benutzeroberflächen für Computer oder Navigationssysteme und Elektronikneuheiten von der Tastatur bis zur Maus. Die Entwürfe sind klar, kreativ und bisweilen radikal. "Wir sind die Besten. Und es gibt genug gute Gründe anzunehmen, dass in den nächsten Jahren keine Firma unseren Platz einnehmen kann", sagt der DesignRevolutionär, der "Spiegel online" bereits zu der Schlagzeile "Es wird eng für Apple" veranlasst hat.

Kaum 20 Jahre alt, gründete Lebedev 1995 das Art. Lebedev Studio, das mit rund 250 Mitarbeitern mittlerweile zu Russlands größtem Gestaltungsbüro aufgestiegen ist. Das Unternehmen wird mit Preisen überhäuft, aus denen sich der Chef angeblich nichts macht. "Alle Preise, die wir bekommen, enden bei uns auf dem Klo", behauptet Lebedev. Provokante Sätze sind typisch für den Russen. "Die Idiotie anderer Leute ist meine größte Inspiration", sagt er.

Weigerung mit Parteien oder Schwachköpfen zusammenzuarbeiten

Einfach macht es Lebedev niemandem - potenzielle Kundschaft ist da keine Ausnahme. Der Geschäftsmann weigert sich, mit Privatpersonen, Parteien, religiösen Organisationen, Schwachköpfen und Menschen zusammenzuarbeiten, "deren Ansichten mit unseren nicht übereinstimmen". Er liefert selten Konzepte ab, die mehr als eine ausgedruckte Seite umfassen, und macht kein Hehl aus seiner Verachtung für Konzernfloskeln wie "Geschäftsprozessoptimierung".

Doch so ruppig sich der Chef auch gibt, so voll sind seine Auftragsbücher. Denn wenn sich Lebedev doch einmal herablässt, die Arbeit aufzunehmen, stehen am Ende meist Produkte, die umwerfend einfach, schlicht und logisch wirken. Der Betrachter fragt sich fast immer: Warum ist in New York, London oder Paris bisher niemand auf diese Idee gekommen?

"Gutes Design ist einfach nur ein gelöstes Problem", beschreibt Artemy Lebedev seine Philosophie. Computertastaturen, die nur von Nutzern aus dem jeweiligen Kulturkreis bedient werden können, waren ihm ein Ärgernis. Also hat Lebedev die Tastatur Optimus Maximus erfunden, bei der jede einzelne Taste aus einem kleinen Bildschirm besteht. Damit lassen sich die Tasten je nach Bedarf mit den Buchstaben aus verschiedenen Alphabeten belegen - heute europäisch, morgen kyrillisch.

Mehrfachsteckdosen beleidigten das ästhetische Empfinden des Designers. Grund genug, die dreidimensionale Steckdose Rozetkus 3D zu kreieren. Eine Berührung mit dem Finger genügt, und aus der Steckdose in der Wand werden vier Anschlüsse. An Lastwagen störte den 35-Jährigen vor allem, dass den dahinter fahrenden Autofahrern der Blick nach vorne versperrt wird, was für eine erhöhte Unfallgefahr sorgt. Also hat sich Lebedev den Lkw Transparentius einfallen lassen. An der Front des Lasters ist eine Kamera installiert, die die Straße aufnimmt. Das Bild wird auf einen riesigen Monitor am Heck des Fahrzeugs übertragen. Das Hindernis wird damit quasi durchsichtig - Problem gelöst.

Transparenz-Lkw ist noch eine Studie

Lebedev sieht sich eher als Künstler denn als Geschäftsmann. So ist es schier unmöglich, seine Supertastatur zu wirtschaftlichen Konditionen herzustellen. Jahre nach dem Prototyp gibt es die Optimus Maximus zwar zu kaufen, als teuerste Tastatur der Welt ist sie mit einem Kaufpreis von knapp 1700 Euro aber nur für wenige Menschen erschwinglich. Auch der Transparenz-Lastwagen existiert bisher nur als Studie. Doch wenn Lebedev von einer Idee überzeugt ist, lässt er sich durch Kleinigkeiten wie viel zu hohe Kosten nicht beirren.

Dass er auch anders kann, zeigt er mit zahllosen kleinen Lebedev-Designs, die er in seinem Internethandel (www.store.artlebedev.com) betreibt. Hier gibt es Computermäuse, die aussehen wie der Mauspfeil auf dem Bildschirm, Delete-Radiergummis im Design der Entfernen-Taste auf der Tastatur und den Büro-Ventilator Quixot, der an den Romanhelden des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes erinnern soll. Don Quijotes Kampf gegen Windmühlen ist weltweit zum Sinnbild für aussichtslose Gefechte gegen einen eingebildeten Gegner geworden.

Lebedev muss selten kämpfen. Und damit das so bleibt, kommt für ihn ein Umzug in die Design-Metropolen der USA oder Westeuropas nicht infrage. Der Mann, der in seinen Arbeiten immer wieder mit russischen Schriftzeichen und anderen Elementen der russischen Kultur spielt, hält seine Heimat für den perfekten Standort: "Russland ist ideal für einen Designer, weil es hier kein Design gibt", sagt er. "Italien ist berühmt für seine Autos, seine Schuhe, seine Möbel. Russland ist ein großes leeres Feld, auf dem du alles erschaffen kannst." Wenn es nach Lebedev geht, sogar Design, das die Welt rettet.

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