Swinging-Architektur to go: In unserer Ausflugsserie spazieren wir an architektonisch herausragenden Gebäuden in der Stadt vorbei. Die dritte Route führt zu filigranen, geschwungenen und organischen Bauten des Stuttgarters Rolf Gutbrod.
Ein Spaziergang, der sich dem bedeutenden Architekten Rolf Gutbrod (1910-1999) widmet, sollte in der Gutbrodstraße am Gutbrod-Haus beginnen, möchte man meinen. Das kann man machen, aber die Straße wurde nach einem anderen Gutbrod benannt.
Sie trägt seit dem Jahr 1888 den Namen des ehemaligen Stuttgarter Bürgermeisters Georg Gottlob von Gutbrod (1791-1861). Er hat zwar keine Häuser gebaut, war aber in seiner 28-jährigen Amtszeit mit dem Ausbau der Infrastruktur der Stadt betraut.
Dem bedeutenden Nachkriegsarchitekten Rolf Gutbrod auf der Spur
Sein Namensvetter Rolf hat nach dem Zweiten Weltkrieg öffentliche Gebäude in der Stadt entworfen, die jeder Mensch in Stuttgart kennt. Allerdings sind sie in der ganzen Stadt verteilt, daher ist der Spaziergang auf seinen Spuren recht lang und eignet sich für Leute, die einmal die ganze Stadt durchlaufen möchten – oder die Tour mit dem Fahrrad unternehmen.
Wer dennoch auch das durchaus sehenswerte Gutbrod-Haus anschaut, geht von da weiter in Richtung Innenstadt, an der Ecke ist der hübsche Brotladen Grau, der neben Brezeln auch Getränke verkauft.
Empfehlenswert ist es, bei der Schwab/Bebelstraße-Haltestelle die Straße zu überqueren und stadteinwärts die etwas ruhigere Forststraße zu nehmen. Dabei kommt man am stylischen Radcafé „Fietsen“ (Silberburgstraße 84) vorbei, das aber auch Fußgängern Essen und Trinken, Kaffee und Kuchen serviert.
Die Liederhalle am Berliner Platz – Gutbrod Meisterwerk
Von da ist es zum Berliner Platz nicht weit – mit dem architektonischen It-Piece von Rolf Gutbrod. Gemeint ist die Liederhalle aus dem Jahr 1956. Gutbrod hat gemeinsam mit Adolf Abel das erste asymmetrische Konzerthaus der Welt entworfen, mit einer frei geschwungenen Grundrissform. Ein Meisterbeispiel für organisches Bauen, mit Hüftschwung, einer Mischung aus Beton- und Handwerkskunst, golden glitzernd am Abend.
Wer war da nicht schon im Konzert im Beethovensaal – in den 80er Jahren bei Simply Red oder in jüngster Zeit in einem der immer ausverkauften Klassikkonzerte des SWR-Dirigenten Theodor Currentzis – oder bei einer Lesung im kleineren Mozartsaal, wenn Stars wie Michel Houellebecq in der Stadt waren, reichte der Platz im benachbarten Literaturhaus ja nicht aus.
Trutziger Festsaal der Waldorfschule
Keine Ahnung, welche Musik oder Literatur Gutbrod bevorzugte, was aber bekannt ist: der Sohn des Arztes Theodor Gutbrod und dessen Frau Eugenie Sofie besuchte die Freie Waldorfschule Stuttgart auf der Uhlandshöhe, die erste Waldorfschule weltweit. Schon bei der Liederhalle zeigen sich anthroposophische Einflüsse.
Später entwarf er für die ehemalige Schule im Stuttgarter Osten ein Seminargebäude und mehrere Gebäude für die 1948 gegründete Waldorfschule Kräherwald in Stuttgart Nord, darunter diesen trutzigen Festsaal mit der mächtigen Dachkonstruktion, der 1968 nach zwei Jahren Bauzeit entstand.
Der Festsaal ist die nächste Station, jetzt geht es also wieder ordentlich bergauf bis zum Rudolf-Steiner-Weg 10. Der Marsch lohnt sich (wer abkürzt, fährt ab Berliner Platz mit dem 43er-Bus bis „Am Bismarckturm“), der inzwischen energetisch sanierte Festsaal beeindruckt noch heute.
Während der Baggerarbeiten stieß man auf die Ruine eines früheren Gebäudes, liest man auf der Homepage der Schule: „Das machte eine Tiefergründung um etwa 4 m erforderlich, die ,spontan’ genutzt wurden, im entstandenen Raum ein Schwimmbad einzubauen, welches ursprünglich nicht vorgesehen war.“ Das Bad wird auch von Vereinen genutzt.
Filigrane Milchbar auf dem Killesberg
Von hier aus bleibt man auf der Höhe und geht am Kräherwald entlang zum Killesbergpark (Fußmüde fahren mit dem 43er-Bus weiter bis zum „Höhenfreibad“). Wer sich unterwegs abkühlen will, geht ins Freibad. Picknickfreunde haben sich schon mit Decke und Proviant eingedeckt und machen im Park eine Pause.
In der Thomastraße 111 findet sich die im Jahr 1950 zur Deutschen Gartenschau gebaute Milchbar. Im Tal lag noch alles in Schutt und Asche, im Park entstand die filigrane überdachte Theke – die Milchbar. Zeichen einer neuen Zeit.
Die Kollegin Amber Sayah schrieb 1999 in ihrem Nachruf auf Rolf Gutbrod: „Dieses von einer leichten Stahlkonstruktion überdeckte, nach vorn verglaste, seitlich und hinten von massiven Natursteinwänden umschlossene Restaurant, das dem Architekten und einstigen Gutbrod-Schüler Hans Kammerer als ,Kultbau’ in Erinnerung geblieben ist, wirkte auf Gutbrods Kollegen im Trümmerfeld der Nachkriegsjahre verheißungsvoll wie ,ein großer farbiger Schmetterling’.“ Sanft in den Hang hineingesetzt, luftig und leicht. Heute noch wird die Bar gern von Festgesellschaften gemietet.
Auf dem langen Weg in den Osten – das ultramoderne Funkhaus
Pause beendet. Jetzt erreichen die Flaneure beim Vier-Kilometer-Gang durch den Stadtpark bis zu den Berger Sprudlern (dort gibt’s mit dem „Flora & Fauna“ eine nette Draußensitz-Station) bald schon das nächste Bauwerk. (Fußmüde steigen in die Stadtbahn Linie 13, Haltestelle „Maybachstraße“, steigen am Rosensteinplatz in die Linie 14 stadteinwärts ein und fahren bis zu den „Mineralbädern“ oder „Metzstraße“). Wer jetzt erst eine Schwimmpause einlegen will, hat das Leuze und das Bad Berg zur Auswahl.
Einen Steinwurf entfernt, in der Neckarstraße 230, findet sich Gutbrods Funkhaus für den SDR (Süddeutscher Rundfunk), wie der SWR vor seiner Fusion noch hieß. Als der Bau mit seiner kühlen, blau-silbernen Fassadenverkleidung 1976 stand, galt er als das modernste Funkhaus Europas. Heute steht er unter Denkmalschutz.
Der Meister des Absurden Samuel Beckett war beim SDR zu Gast. Die elendig lange Neckarstraße ist auch er entlang gegangen – doch um zur nächsten Station am Olgaeck zu kommen, nimmt man besser die kleineren Nebenstraßen.
Wohnhäuser aus Ruinen – Moserstraße
Spätestens ab dem Neckartor empfiehlt es sich, in die Urbanstraße einzubiegen und an der Kreuzung bei der Staatsgalerie links die herrliche neue John Cranko Ballettschule ganz kurz zu bestaunen, dann aber rechts in die Moserstraße zu gehen.
Da kann man nämlich auch noch Gutbrods erste Nachkriegswohnhäuser (Nr. 16 bis 28) mitnehmen – mit Beton, unter Verwendung von Trümmerschutt aus der Umgebung sind sie entstanden.
Mit auskragenden Balkonen und luftig schönen Balkonverkleidungen, aber auch mit „standardisierten Grundrissen, um Kosten zu sparen. Trotzdem gelang ihm mit Vor- und Rücksprüngen in der Fassade und prismatisch-schrägen Balkonen ein abwechslungsreiches Bild, dem die anthroposophische Handschrift noch anzusehen ist“, schrieb mein Kollege Heißenbüttel in unserer Zeitung.
Wer pausebedürftig ist, kehrt bei den Moserhäusern mittags ins „Esszimmer“ (Moser/Eugenstraße) ein und kann thailändisch oder schwäbisch essen, direkt gegenüber ist das Café „Silberknie“ (Moserstraße13), auch angenehm.
Das Loba-Haus in der Charlottenstraße – Stil der Leichtigkeit
Von der Moserstraße führt die Route weiter in die Werastraße, dann links hinauf zur Charlottenstraße 29. Das spielerisch leicht wirkende Gebäude für die Holzberufsgenossenschaft aus dem Jahr 1950 wurde wegen der enorm großen Werbung für Bohnerwachs an der Fassade auch Loba-Haus genannt und gilt als beispielhaft für die Nachkriegsarchitektur.
Vor einigen Jahren wurde das Doppelhaus (der andere Teil stammt von Paul Stohrer) denkmalgerecht saniert, neue Markisen inklusive – das frisch erstrahlte Gebäude macht sich feingliedrig und südlich sonnig gut an der Kurve (die Linie 15 fährt hier hinauf zur Waldau).
Bank-Gebäude am Schlossplatz
Als letzte Einkehrpause zur Finalstation bietet sich eine Zitronentarte im Weltcafé am Charlottenplatz an und ein bewunderndes „Oh“ angesichts der Markthalle von Architekt Martin Elsaesser.
Schon ist das finale Gebäude in Sicht – mitten in der Stadt: das Gebäude der Württembergischen Bank am Kleinen Schlossplatz. Ein Entwurf, der „sich redlich um eine plastische Fassade bemüht“, wie Kollegin Amber Sayah schrieb.
Das von 1963 bis 1968 entstandene Gebäude erhielt im Jahr 1972 den Paul-Bonatz-Preis, wurde in der Zwischenzeit saniert und aufgestockt. Die Fassade aus Natursteinelementen blieb aber erhalten.
Geschafft! Endlich ausruhen auf dem Schlossplatz (oder ins Kunstmuseum gehen), entweder mit Sandwich vom „San’s“ stärken oder bei einem kühlen Getränk im „Waranga“ oder beim Italiener „Oggi“ im Gutbrod-Bankhaus selbst.
Und auf dem Heimweg noch am Hahn-Haus vorbei
Wer beim Heimweg in Richtung Bahnhof unterwegs ist, bekommt noch ein Give-away-Geschenk mit dem Hahn-Hochhaus, eine Arbeit für die Firma VW Hahn in der Friedrichstraße (ganz in der Nähe der Uni, wo Gutbrod viele Jahre lehrte). Ein schlanker Bau von 1964, schade, dass unten in den Pavillons kein Café ist, das davon abhält, achtlos am Gebäude vorbei zu hasten.
Allerdings wurde der Glaskasten über dem Eingang wiederbelebt, der wie die Kanzel eines Luftschiffs ausschaut. Leider ist er nicht für alle nutzbar: Der Kasten dient inzwischen als Veranstaltungsort der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart, umgestaltet wurde er vom Büro Atelier Brückner und heißt jetzt „Gutbrod“.
Eine schöne Erinnerung immerhin an einen prominenten Architekten, dessen stilistisch recht unterschiedlichen Gebäude sich in ihrem ästhetischen Reiz manchmal gleich, manchmal erst auf den zweiten, dritten Blick erschließen. „Nicht das Fertige, sondern der Weg dahin war und ist mir wichtig“, soll Rolf Gutbrod über seine Arbeitsweise gesagt haben – irgendwie auch passend für diesen Architekturspaziergang.
Info
Strecke
Der Spaziergang ist 13,6 Kilometer lang. Zwischendrin kann auch mit dem VVS „abgekürzt“ werden.
An- und Abfahrt
Wer am Gutbrod-Haus im Stuttgarter Westen startet, fährt mit dem Bus 42 oder mit der Stadtbahn Linie 2, 29 oder 34 zur Haltestelle „Schwab/Bebelstraße“. Wer erst an der Liederhalle losgeht, fährt bis mit der Stadtbahnlinie 2, 14 oder 29 zum „Berliner Platz“. Vom Oberen Schlossplatz aus kommt man mit der Stadtbahnlinie 6, 7, 14, 15, 29 in verschiedene Richtungen.
Einkehren
Brotfreunde Grau (Bebelstraße 21), Die Metzgerei (Elisabethenstraße 30), Radcafé Fietsen (Silberburgstraße 84), Mandu (Fritz-Elsas-Straße 60), Flora & Fauna (Am Schwanenplatz 10), Thai Thaani Restaurant (Neckarstraße 246), Tokio Dining (Steubenstraße 12), Esszimmer (Moser/Eugenstraße), Café Silberknie (Moserstraße13), Weltcafé (Charlottenplatz 17), San’s (Kleiner Schlossplatz 13), Oggi Restaurant (Kleiner Schlossplatz 11), Waranga (Kleiner Schlossplatz 15), Kunstmuseum-Café (Kleiner Schlossplatz 1).
Geeignet für
Menschen, die auch finden, dass die Architektur der 50er und 60er Jahre einen besonderen Charme hat und die beim Design Mid Century Möbel schätzen und auf ihrem imaginären Design-Altar Bilder vom Ehepaar Eames stehen haben. Flaneure, die gern lange zu Fuß unterwegs sind, sich im Grünen ebenso wohlfühlen wie in der Innenstadt und die viel von der Stadt und ihren Rändern sehen wollen. Für Fahrradfahrer sowieso.