Eine originelle Architekturschau in der Raumgalerie dokumentiert den fotografischen Reiz einer besonderen Stuttgarter Baustelle – und stimuliert die Sinne.
Der geniale Entwurf, ein Meisterwerk, in kühnen Strichen aufs geduldig weiße Papier gezeichnet – das sind die klassischen Vorstellungen über die Entstehung großer architektonischer Bauten.
Doch einer muss es am Ende machen. Auf die Baustelle gehen und schauen, dass alles nach diesem großartigen Plan gebaut wird. Und einer reicht heute schon lange nicht mehr, angesichts der vielen Bauvorschriften und Fragen, die während der Entstehung eines Gebäudes oder eines Umbaus vor Ort aufkommen.
Architekturpläne präzise umsetzen
Man muss das schon auch mögen, den Dreck, den Staub, den Termindruck, die Handwerker, Techniker, Bauherren, Architekten – die zuweilen nicht immer dieselben Wünsche und Ziele verfolgen. Ernst2 Architekten aus Stuttgart sind so ein Büro, das sich seit seiner Gründung 1998 durch Markus und Stefan Ernst vor allem auf die Bauleitung, Objektüberwachung, Logistik, Qualitätssicherung bei Umbauten und Sanierungen größerer Projekte konzentriert.
Also auf alles außer diesem berühmten ersten genialen Strich. Mehr als 490 Mitarbeiter hat das Büro beschäftigt, das auch schon an vielen preisgekrönten Projekten beteiligt war, darunter ein neues Forschungsgebäude für die Quantenphysik an der Universität Stuttgart-Vaihingen, der Neu- und Umbau des Jugend- und Bürgerhauses Flamingoweg in Stuttgart-Neugereut und die Sanierung und der Umbau des Kulturbahnhofs KUBAA in Aalen.
Dass diese Aufgaben aber auch von einer gewissen Poesie geprägt sind, das zeigt die kleine, feine Ausstellung „Bau-Stelle. Die Ästhetik des Tuns – Ernst2 Architekten“ in der Raumgalerie im Stuttgarter Westen. Der Vorstellungskraft wird da ganz konkret charmant nachgeholfen. Der Computerbildschirm hält eine Sitzung von vielen Menschen fest, die an so einem Bauprojekt beteiligt sind.
Quietschentengelbe Baustellenhelme in Reih’ und Glied im Schaufenster, die Gummistiefel neben der Eingangstür sprechen von der Arbeit vor Ort. Und sie bilden dann doch einen ziemlichen Kontrast zu den bei Architekten oft gesehenen Nichtfarben Grau und Schwarz, die vielen eine ungeschriebene farbliche Kleidungsvorschrift zu sein scheint.
Gerüche von der Stuttgarter Baustelle
Und dann ist da noch ein besonderer Gabentisch. Selbst mit leichter Erkältung lässt sich hier der Duft der großen weiten Baustellenwelt erriechen. In verschlossenen Gläsern stecken orangegelbe Schäume, schwarze Ringe, graue Steine, weiße Pasten. Also lauter Materialien vom Bau: Bauschutt, Grundierungsfarbe, Asphalt, Mörtel, Erde, Gips, Isolierung, Dämmmaterial. Von neutral über modrig bis scharf die Nase reizend ist alles dabei.
Derart olfaktorisch beeindruckt wirken die Fotografien noch stärker: In Großformat sind Bilder von Konrad Zerbe und Simon Gerlinger von Stuttgarts nun schon seit Jahrzehnten umstrittenster Baustelle zu sehen, dem Hauptbahnhof, entworfen von Paul Bonatz.
Hell und licht und bis auf die Ziegel nackt schaut die eindrucksvolle Halle aus, von allen Einbauten, Läden, Bodenbelag befreit. Und doch stellt sich gerade dadurch erst wieder eine Erinnerung an den einst laufenden Betrieb ein: Wer ist nicht irgendwann einmal die lange Halle entlanggehastet, hat sich zwischen den anderen Wartenden einen Weg gebahnt, hat an einem der Kioske eine Zeitung, einen frisch gepressten Saft oder ein kitschiges Souvenir erstanden?
So großartig wirkt der Bau in seiner jetzigen Leere, als bewerbe er sich als Set für einen experimentellen Kunstfilm, Pasolini, Tarkowski, Herzog, Wenders hätten sicher Ideen dazu entwickelt. Von Staub leicht umflort ist all das, manche auch handfest – Achtung Baustelle – rufenden Szenerien finden sich da auch mit provisorisch befestigten Balken vor glaslosen Fenstern und in der Luft flatternden Plastikfolien.
Von welcher Poesie das Fertige irgendwann einmal zeugen wird, das ist vorerst nicht zu erfahren. Doch auch dann kommen die Fotografen wieder. In der Zwischenzeit lässt es sich schauen, schnuppern, staunen und träumen von großer Architektur wie sie einmal war und sein wird.
Ausstellung Die Schau „Bau-Stelle. Die Ästhetik des Tuns“ in der Raumgalerie (Ludwigstraße 73) im Stuttgarter Westen ist bis zum 15. Dezember zu sehen, jeweils montags bis donnerstags 11 bis 19 Uhr, freitags 14 bis 19 Uhr, samstags 13 bis 18 Uhr. Weitere Informationen auch unter https://www.derraumjournalist.net/tag/raumgalerie/