Die Stuttgarter Architekten Martin Bez und Thorsten Kock haben einen luftigen Pavillon für die Bundesgartenschau geplant – für Vögel, Fische und Menschen. Wie ist der Bau gelungen? Ein Besuch im Mannheimer Luisenpark.
Einer ist in Frankfurt geblieben. Der Liebe wegen. Der kleine Humboldt-Pinguin hat von seinem Exil in der großen Stadt nicht seinen Weg zurück nach Mannheim gefunden, um dort im Luisenpark seine neue Anlage zu inspizieren.
Deshalb hat er nun nicht zusammen mit seiner alten Gruppe Spaß an den neuen Wassersprudlern. Er erkundet nicht die Landzone mit der Wiese, den Kunstfelsen mit beheizbaren Nisthöhlen und der Anlandezone aus Granit, und er taucht dort auch nicht ins Wasser ab, um sich die Menschen, die dort unten an den Scheiben stehen, mal genauer anzuschauen.
Schickes Heim für Pinguine
Auch wenn der verliebte Pinguin nachvollziehbare Gründe hat: Er verpasst etwas. Denn das neue Gehege ist – wie auch der daran angrenzende Pavillon – von herausragender Architektur, die sowohl Mensch als auch Tier überzeugt. Und eine, die Martin Bez und sein Büro Bez + Kock Architekten aus Stuttgart vor Herausforderungen stellte.
„An dem Projekt war gar nichts gewöhnlich“, sagt Bez rückblickend. Denn der Pavillon, der zur Bundesgartenschau 2023 fertiggestellt sein musste, sollte ein Restaurant, eine Voliere, ein angrenzendes Pinguin-Gehege sowie ein Aquarium beherbergen. Da wird der Architekt – mit der Hilfe von sachkundigen Menschen vor Ort – auch ein bisschen zum Zoologen.
Baubeginn inmitten von schwierigen Zeiten
Ende 2018 gewann das Büro den Wettbewerb mit einem Entwurf, der eine Bauweise zeigte, „wie wir sie noch nie praktiziert haben. Wir sind normalerweise eher eckig unterwegs“, sagt Bez. Für den Pavillon habe man jedenfalls mit weichen, geschwungenen Linien operiert, mit einer organischen Form, die sich in die Natur einfügt. Damit steht der Bau quasi im Kontrast zur Quadratestadt Mannheim. „Uns ermöglichte es auch, dass wir um die Wege und die Mammutbäume herumtanzen konnten“, sagt Bez.
Ein Tanz über dem Abgrund war auch der Zeitplan: Grundsteinlegung war im Dezember 2021, inmitten von schwierigen Zeiten. Die Coronapandemie und der Ukraine-Krieg bremste die Baustelle aus. „Wir mussten teilweise auf Rohre ewig warten, sie sonst Lagerware sind“, sagt Bez.
Zunächst galt es, den alten Betriebshof, der zuvor an der Stelle des Pavillons war, abzureißen. Die Tiere mussten davor umquartiert werden – die Pinguine nach Frankfurt, die meisten anderen in eine Tennishalle. Die Lastwagen und Baustellenfahrzeuge mussten sich die Wege mit den Besuchern teilen, teils mussten extra Baustellenwege geschaffen werden: Zudem erschwerte die Logistik, dass mehrere Projekte gleichzeitig liefen und viele Planer und Baufirmen gleichzeitig und unter Zeitdruck arbeiten mussten.
„Es ist erstaunlich, wie viel trotzdem möglich war“, sagt Bez. Pünktlich zur Eröffnung der Bundesgartenschau am 14. April 2023, zu der auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kamen, war der Pavillon samt Restaurant fertig. Und auch die Vögel und Pinguine waren eingezogen.
Königsdisziplin Aquarium
Allein die Fische müssen bislang immer noch warten, denn die Unterwasserwelt mit 25 Aquarien, die unter dem Pavillon „fast wie eine Grotte“ im Erdreich liegt, ist noch nicht bezugsfertig. „Aquarien einzurichten gehört zu den Königsdisziplinen , sagen der Architekt und Bauherr Philipp Goldschmidt, der seit Frühling 2019 für die Stadtpark Mannheim GmbH in den Bereichen Neubau und Sanierung tätig ist.
Mit Goldschmidt hat sich die Stadtpark-Gesellschaft, die für den Luisen- und den Herzogenriedpark verantwortlich ist, jemanden mit Kenntnissen auf dem Gebiet Zoo-Architektur ins Boot geholt. Der Mannheimer war bereits als Kind oft im Luisenpark, mit seiner neuen Aufgabe sei 2019 ein Traum für ihn wahr geworden, sagt er.
Die Unterwasserwelt mit dem Motto „Mit 80 Schritten um die Welt“ wird in Kürze auch Fische von allen Kontinenten zeigen, vom Zitteraal bis zur Krake. Das größte Becken – das Australien-Aquarium – zeigt die meisten und die buntesten Fische. „Mich hat überrascht, dass das, was hinter den Besucherräumen liegt, noch viel größer ist“, sagt Bez.
Ein einladendes Konzept
Dort sind die Becken, Laufwege für die Pfleger und die ganze Wassertechnik zu finden, aber auch Büros und Mitarbeiterräume für die sechs Pfleger, die sich 365 Tage lang jeweils 24 Stunden täglich um das Wohl der Fische kümmern. „Bald werden wir die Unterwasserwelt für die Besucher öffnen, auch, wenn dann erst drei Becken bestückt sein werden. Vielleicht ist es aber auch interessant zu beobachten, wie so ein Aquarium eingerichtet wird“, sagt Goldschmidt.
Die Restaurantbesucher, die fürderhin quasi eine Etage höher den Fischen auf den Köpfen herumtanzen sollen, haben sich inzwischen eingefunden; die Gastronomie wurde von den mittlerweile mehr als eine Millionen Besuchern der Bundesgartenschau gut angenommen.
Dazu trägt sicherlich das offene und dadurch einladende Konzept bei: Das Restaurant liegt auf der Südseite des Pavillons, es hat eine große, fast rundum den Gastroraum verlaufende Terrasse und eine vollkommen verglaste Fassade. „Eigentlich besteht der Pavillon nur aus einem Dach“, sagt Bez. „Er will gar kein Haus sein.“
Tatsächlich liegt das Dach scheinbar auf der Glasfront auf und kragt noch weit über sie hinaus – als Schattenspender und Regenschutz. Im Inneren sind die Wände mit Eschenholz verkleidet, der Bodenbelag ist Terrazzo. „Das Besondere ist, dass die Fensterfront komplett aus gebogenen Glasscheiben besteht – sogar die Terrassentüren sind gebogen“, sagt Bez.
Verlässt man das Restaurant und geht am Pavillon entlang auf dem wegen der Unterwasserwelt um eineinhalb Meter erhöhten Gelände in Richtung Voliere, läuft man an einer grünbläulich changierenden glasierten Keramikfassade vorbei, mit im Wechsel konvex und konkav schwingenden Elementen aus gebrannter Erde.
In der Mitte des Pavillons macht sich das Dach frei vom Haus: Es spannt frei, getragen nur von einigen Pfeilern. Die Voliere schließt an, für sie ist quasi ein riesiges Loch aus der Decke des Pavillons herausgeschnitten worden. Drei 18 Meter lange Stützen, sogenannte Pylone, ragen in den Himmel, über sie ist ein filigranes und flexibles Netz gespannt, fast wie die Kuppel eines Zirkuszeltes.
Weitläufige Voliere
In der 1300 Quadratmeter großen begehbaren Freiflugvoliere sind Nimmersatt- oder Abdimstörche, Rote Sichler und Waldrappe auf einem Rundweg zu bewundern. Die Weitläufigkeit und Strukturierung der Voliere in verschiedene Bereiche bietet den Vögeln, die dort auch Nisthöhlen finden, ausreichend Rückzugsmöglichkeiten. Leicht abgesetzt vom Hauptdach liegt dann die 580 Quadratmeter große Pinguin-Anlage.
Beheizt wird der Pavillon allein durch den Abwasserkanal der Stadt Mannheim, der in einigen hundert Metern Entfernung verläuft. Dafür wurde einmal quer durch den Park gebuddelt – und sogar durch den Kutzerweiher –, um das Leitungsnetz einzubauen und den Wärmetauscher, der dem Wasser die Energie entzieht – ähnlich wie eine Wärmepumpe der Luft.
Boote sind zu kaufen
Ein Arm des Kutzerweiher liegt quasi zu Füßen des Pavillons, auf der unteren Ebene, nahe des Eingangs zur Unterwasserwelt. Hier kann man auch die kleinen gelben Boote besteigen, die auf einem Schienennetz befestigt, wie von allein über das Gewässer gleiten. Der Kahnfahrende kann indes die dicken Karpfen streicheln. „Die Boote, die noch von der Bundesgartenschau 1975 stammen, werden nun erstmals teilweise ersetzt – sie sind für Interessierte erhältlich“, sagt Goldschmidt.
Er erinnert sich auch noch gut daran erinnert, dass bei jener Bundesgartenschau die Seilbahn mit dem Bürgermeister darin stehen geblieben war. Auch in diesem Jahr kann man wieder per Gondel vom Luisenpark in den Spinelli-Park gelangen. Im Herbst wird die Bahn wieder abgebaut. Der Pavillon indes bleibt bestehen und bietet Menschen, Vögeln, Fischen und Pinguinen eine großartige Architektur. Nur einer wird sie leider nicht erleben. Hoffentlich turtelt er noch munter in Frankfurt.