Christian Hübner trägt am Dienstag ein Gerüst mit vier Magnetsonden über einen Acker zwischen Gingen und Süßen. Foto: / Giacinto Carlucci

Zwischen Gingen und Süßen standen vor rund 2000 Jahren in Sichtweite drei Herrenhöfe früher Siedler. Aufschlüsse über die Strukturen der Bauten und ihrer Bewohner erhofft sich die Kreisarchäologie von den Ergebnissen einer Begehung mit modernem Gerät.

Das mittlere Filstal war zu keltischer Zeit offenbar relativ dicht besiedelt. Diese Einschätzung des Kreisarchäologen Reinhard Rademacher untermauern Ergebnisse einer Untersuchung mit dem Magnetometer. Westlich vom heutigen Gingen stand vor mehr als 2000 Jahren eine keltische Viereckschanze. Sie war einer von drei Herrenhöfen, die in spätkeltischer Zeit in Sichtweite zwischen Süßen und Gingen lagen. Zwei Fundstätten wurden schon mit archäologischen Methoden untersucht; vor kurzem war der dritte Herrenhof dran, der einst am Ortsrand des heutigen Gingens lag.

 

Keramik ist schwer von Erde und Steinen zu unterscheiden

Etwa 20 Grad, leicht bewölkt, etwas Wind – das Wetter hätte auf dem Acker an diesem Dienstagvormittag deutlich unangenehmer sein können: Die Tropenhitze war weg, der Regen noch ferne. Also ein idealer Tag für die Forschung? Nicht ganz, erwidern Jean-Marie Mayer und Elias Gherbaoui, die beide Christian Hübner helfen, das Feld abzustecken. Hübner vom Freiburger Unternehmen „GGH Solutions in Geosciences“ wird bis um Nachmittag den etwa 1,3 Hektar großen Acker mit seiner Magnetsonde erkunden. Mayerund Gher - baoui haben die Seile ausgelegt, die Hübner in der Spur halten. Der staubige Ackerboden sei etwas zu trocken, berichtet der 19-jährige Gherbaoui. Er leistete bis Mitte des Jahres einen Bundesfreiwilligendienst (Bufdi) ab bei der Kreisarchäologie und will Politikwissenschaften studieren. Die Forscher sinken etwas ein, das erschwert das Gehen.

Zudem tauchen auf dem abgeernteten und umgepflügten Acker immer wieder Scherben auf, die archäologische Funde sein könnten. Weil aber alles von Staub bedeckt ist, sei Keramik schwer von Erde und Steinen zu unterscheiden, erläutert der 27-jährige Mayer, der 2016 als Bufdi für die Kreisarchäologie gearbeitet hat und jetzt in Tübingen Geschichtliche Landeskunde studiert. „Etwas Regen hätte geholfen, den Staub wegzuwaschen.“

Dass diese Fläche mit der Magnetsonde untersucht wird, ist kein blindes Stochern im Feld. Schon in den 80er Jahren hatten sich auf einer Luftaufnahme die Umrisse der keltischen Viereckschanze gezeigt, berichtet Rademacher. Der Kreisarchäologe möchte jetzt im Innern der Einfriedung nach Strukturen der Bebauung suchen. Womöglich zeichneten sich auch die Holztürme am Eingangstor, das nach Nordwesten zeigte, auf den Bildern der Sonde ab. „Ich hoffe auf Teile der Innenbebauung und Abfallgruben.“

Die Magnetsonde kann bis zu einem Meter Tiefe schichtweise Spuren ausmachen. Wenn auf der Fläche Bauten standen, haben sie das Erdreich und so das Magnetfeld verändert. Die Messdaten bereitete dann Hübners Unternehmen mit Analysesoftware auf.

Die Magnetsonde stößt auf auf Strukturen eines Gebäudes

Die Viereckschanze am östlichen Ortsrand von Süßen hat Christian Hübner bei klirrender Kälte Ende Dezember untersucht. Dort stieß die Magnetsonde im Innern des Herrensitzes, der zwischen dem dritten und ersten Jahrhundert vor Christus errichtet wurde, auf Strukturen eines Gebäudes. Zudem zeichneten sich außerhalb der Viereckschanze Siedlungsspuren ab. Der dritte Herrensitz liegt südlich von Gingen. Auf ihn stießen die Forscher, als der Barbarabach im Zuge des Neubaus der Bundesstraße 10 renaturiert wurde. Von diesem Großgehöft ist nur die Nordwestseite bekannt. Den Rest bedeckt eine Hangrutschung, berichtet Rademacher. Weil die keltische Anlage meterdick bedeckt ist, hilft das Magnetometer dort nicht weiter.

Erste Daten der Begehung vom Dienstag hat der Archäologe noch am Abend erhalten. Die Hoffnung, dass sich im Innern Grundrisse von Gebäuden nachweisen lassen, hat sich nicht erfüllt. Auch die Türme des Torhauses wurden nicht gefunden. Diese Gebäude müsse es gegeben haben, ist Rademacher überzeugt. Vermutlich sei früher in dem Bereich sehr tief gepflügt worden, was die Spuren zerstört hätte. Jedoch: „Der Graben und der Zugang kommen wunderbar zur Vorschau.“ Außerdem zeigten sich außerhalb der Schanze viele Hinweise auf Abfallgruben und Pfosten. Das unterstreicht die Vermutung, dass der Bereich zwischen Gingen, Süßen und Donzdorf einmal dicht besiedelt war. „Da haben Leute gewohnt“, ist Rademacher überzeugt.

Funde deuten auf dichte Besiedlung im Filstal hin

Siedlungen
 Drei Viereckschanzen in Sichtweite sind eine Besonderheit. Keramikfunde haben ergeben, dass sie alle gleichzeitig besiedelt waren. Der Archäologe Reinhard Rademacher nimmt an, dass die hiesigen Herrensitze zum Einzugsbereich des früheren Oppidum und Fürstensitzes Heidengraben bei Bad Urach gehörten.

Verbund
 Keramikfunde deuten darauf hin, dass das mittlere Filstal, durch das Fernhandelswege führten, in spätkeltischer Zeit dicht besiedelt war. In welcher Beziehung die drei Herrensitze zueinander standen, lässt sich nicht sagen. „Wir kennen die Familienstruktur nicht“, sagt Reinhard Rademacher.

Metallgewinnung
Er vermutet, dass die Bewohner der drei Viereckschanzen nicht verfeindet waren, sondern eine große Siedlungseinheit bildeten. Eisenverhüttung könnte nach Einschätzung des Kreisarchäologen die Grundlage für den relativen Wohlstand der Helvetier in spätkeltischer Zeit gewesen sein.