Archäologie im Strohgäu Der Hemminger Keltenfürst ruht im Acker

Von Klaus Wagner 

Besuch während des Ausstellungsaufbaus: Der Kurator Tiberius Bader erklärt ein Beil, das sich ein Steinzeitmensch als Werkzeug mühsam geschaffen hat. Foto: factum/Weise
Besuch während des Ausstellungsaufbaus: Der Kurator Tiberius Bader erklärt ein Beil, das sich ein Steinzeitmensch als Werkzeug mühsam geschaffen hat. Foto: factum/Weise

Fundstücke aus Hemmingen sind im Hochdorfer Keltenmuseum ausgestellt. Dessen früherer Leiter Tiberius Bader hat sie unter anderem vom Landesmuseum ausgeliehen. Ein Herrscher der Kelten muss aber noch geborgen werden.

Hemmingen - Tiberius Bader ist begeisterter Archäologe und Forscher – er kann stundenlang erzählen von Gewandspangen und Grabhügeln, von verschiedenen Lebenszeiten der Menschen und von dem, was von ihrer Kultur geblieben ist. Der 80-Jährige, gebürtig aus Siebenbürgen, wohnt seit mehr als 25 Jahren in Hemmingen. Er ist begeistert von den Kelten, die vor 2500 Jahren auch auf dem Gebiet des heutigen Hemmingen siedelten. Vieles von ihnen wurde bei Ausgrabungen entdeckt – aber nie zusammen gezeigt. Nun sind im Keltenmuseum bei der Schau „Von der Steinzeit zu den Alamannen“ viele Funde aus Hemmingen zu sehen. Einer aber fehlt noch: Der „Keltenfürst von Hemmingen“. Bader ist davon überzeugt, dass es ihn gibt. Er weiß auch, wo sein Grab ist. Der Forscher leitete das Keltenmuseumvon 1990 bis 2005.

Baders Vorfahren wanderten 1736 mit einem Schiff, Ulmer Schachtel genannt, aus Oberschwaben über die Donau nach Siebenbürgen aus, dem heutigen Rumänien. Generationen später kam Tiberius Bader, Jahrgang 1938 – dort zum Archäologen, Wissenschaftler und Museumsleiter geworden – im Herbst 1987 für ein Stipendium nach Deutschland. Er blieb hier, wurde beim Landesdenkmalamt angestellt und wissenschaftlicher Leiter der Münsterplatz-Ausgrabung in Ulm. „Mit 30 bis 40 Leuten haben wir drei Jahre lang geschafft“, berichtet der knitze 80-Jährige während des Ausstellungsaufbaus.

Anschließend wurde er 1990 der Leiter des neuen Keltenmuseums in Hochdorf, und er baute nebenan ein kleines Dorf, wie es zur Zeit der Kelten ausgesehen haben könnte – mit Strohdächern.

51 Fundstellen in Hemmingen

Wo und wie die Kelten in der Hemminger Gegend siedelten, wurde erstmals im frühen 19. Jahrhundert bekannt. Seitdem wurden 51 Fundstellen ausgemacht, nur wenige sind ausgegraben. Dazu gehört im Unteren Schauchert ein Feld mit 54 Gräbern, die 1965/66 erforscht wurden. „Wir kennen auch sechs Gruppen von Grabhügeln“, sagt Bader. Zwei davon seien Gräber von damaligen Herrschern, mit Durchmessern von 42 und 50 Metern. Sie liegen östlich des Birkle-Waldes. Über den Finder ist wenig bekannt, er unterschrieb 1928 einen Vermerk mit „Müller-Zuffenhausen“.

In den 1960er-Jahren wurde einer der Grabhügel beim Bau des Bürkle-Hofes teilweise überdeckt. Der zweite, seine höchste Stelle befand sich 1,30 Meter über dem Boden, ist auf freiem Ackergelände. Laut Bader werde man dort Ähnliches finden wie in Hochdorf: Einen Toten und jede Menge Grabbeigaben. 1985 unternahmen zwei Geologen an dieser Stelle Probebohrungen. Dabei hätten sie aus dem Erdreich kleinere Fundstücke geborgen und die Grabkammer aus Holzbohlen angeschnitten, berichtet Bader, während Mitarbeiterinnen des Landesmuseums Fibeln und andere Ausstellungsstücke für die Vitrinen richten.

Bader ist überzeugt davon, dass es einen „Keltenfürsten von Hemmingen“ gibt – der unter diesem Acker nahe des Bürkle-Hofs ruhe. „Was man finden wird, liegt einen halben bis drei Meter unter der Oberfläche.“ Man müsse nur eine wissenschaftliche Grabung unternehmen. Ob er sie leiten würde? Bader lacht. „Ich schaff’ bis zum Schluss, meine Mutter wurde 90.“ Er brauche 50 000 oder ein paar mehr Euro, dann könne es losgehen.

Schäfer ist stolz auf die Funde

Der Hemminger Bürgermeister Thomas Schäfer ist über zwei Dinge sehr froh: Zum einen, dass die Ausstellung zustande gekommen ist, auch dank Tiberius Bader. Zum anderen auch, dass sie unter professionellen Bedingungen im Keltenmuseum gezeigt werden kann – gleich im Nachbarort. In Hemmingen wäre dies so nicht umsetzbar gewesen. Der historisch interessierte Rathauschef ist stolz darauf, dass es bedeutende Funde auf der heutigen Markung der Gemeinde gibt, die mehr als 2000 Jahre alt sind. Daran will er die Bevölkerung mit der Schau erinnern – auch an Grabhügel, einzelne Fundstücke oder ein römisches Landhaus. Deshalb hat sich Schäfer auch dafür stark gemacht, dass die Gemeinde die Ausstellung mit 10 000 Euro unterstützt.

Die Inhalte der Hochdorfer Ausstellung wie von vorangegangenen Vorträgen sind zusammengefasst in dem Buch „Hemmingen in der Vor- und Frühgeschichte“. Dieses ist als Heft 79 der „Archäologischen Informationen aus Baden-Württemberg“ vom Landesamt für Denkmalpflege herausgegeben worden und im Keltenmuseum erhältlich.

Rund um die Ausstellung

Vernissage
Die Schau „Von der Steinzeit zu den Alamannen“ mit archäologischen Funden aus Hemmingen wird am Sonntag, 9. September, um 18 Uhr im Keltenmuseum Hochdorf eröffnet. Sie läuft bis zum 25. November 2018.

Öffnungszeiten
Das Museum in Eberdingen Hochdorf, Keltenstraße 2, ist geöffnet dienstags bis freitags von 9.30 bis 12 Uhr und von 13.30 bis 17 Uhr, samstags, sonn- und feiertags von 10 bis 17 Uhr durchgehend.

Führungen
Das Museum bietet Führungen für Familien, Gruppen und Schulklassen nach Absprache an (Telefon 0 70 42/7 89 11). Die nächsten öffentlichen Abendführungen sind am Freitag, 5. Oktober, um 19.30 Uhr sowie am Sonntag, 4. November, um 17.15 Uhr.

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