Vor allem Migranten haben sich vom ambulanten Pflegedienst der Göppinger Arbeiterwohlfahrt versorgen lassen. Warum jetzt das Rote Kreuz übernimmt.
Ständiges Desinfizieren, Arbeiten mit FFP-2-Maske, ein enger Terminplan und hochbetagte, durch den Lockdown einsame Patientinnen und Patienten – die Corona-Pandemie war für die Fachkräfte der ambulanten Pflegedienste ein Kraftakt, der viele an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gebracht hat.
Die Folgen der Pandemie und die Auswirkungen der Inflation spüren vor allem kleine ambulante Pflegedienste inzwischen verstärkt. „Durch Corona haben wir viele Kunden verloren, die verstorben oder wieder in ihre Heimatländer gegangen sind“, erklärte Sonja Elser, Geschäftsführerin des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Göppingen. „Hinzu kamen dann die Energiekrise, die Auswirkungen der Inflation und die enormen Preisanstiege bei Hygieneprodukten“, zählte sie auf. „Als kleiner Pflegedienst konnten wir das alles nicht mehr stemmen“, fügte Elser hinzu.
Der Tariflohn ist nicht mehr attraktiv genug
Viele Pflegefachkräfte seien während und nach der Corona-Pandemie in andere Branchen gewechselt. Hinzu komme die Reform der Pflege im Jahr 2021, sagte Elser. „Die Tarifbindung galt damit auch für uns“. Dies habe eine Steigerung der Lohnkosten zur Folge gehabt. „Allerdings ist die Situation am Arbeitsmarkt inzwischen so angespannt, dass man fast keine Mitarbeitenden findet, die für den normalen Tariflohn arbeiten.“ Gleichzeitig basierten die Zuschüsse, die von der Pflegekasse je nach Pflegegrad übernommen würden, allerdings auf eben diesen Tariflöhnen. „Derzeit werden teilweise bis zu 4000 Euro für die Vermittlung einer Pflegefachkraft bezahlt“, weiß Elser zu berichten.
In dieser Situation wurde die Entscheidung getroffen, dass in Göppingen das Deutsche Rote Kreuz (DRK) den Pflegedienst von der Awo übernimmt. Der Göppinger DRK-Kreisverband hatte erst im Vorjahr einen weiteren Standort des ambulanten Pflegedienstes in Süßen eröffnet. „Eine weitere Expansion in Göppingen war nicht geplant. Aber als die Awo auf uns zukam, haben wir die Chance gesehen, das Pflegeangebot der Awo zu sichern und gleichzeitig unsere Aktivitäten weiter auszubauen“, erklärte Alexander Sparhuber, der Kreisgeschäftsführer des DRK Göppingen. „In der ambulanten Pflege gibt es eine hohe Nachfrage“, sagt er.
Alle Mitarbeiter und Kunden werden übernommen
Sonja Elster ist überzeugt, dass „kleine Träger im Pflegebereich immer mehr Schwierigkeiten haben werden, zu überleben.“ Diese Problematik sieht Sparhuber für den DRK-Kreisverband nicht: „Unser Pflegedienst arbeitet kostendeckend. Eine Quersubventionierung aus anderen Bereichen ist nicht erforderlich. Klar ist aber auch, dass die aktuelle wirtschaftliche Situation mit hoher Kostensteigerung für das DRK, ebenso wie für alle anderen Akteure im Gesundheitswesen, sehr herausfordernd ist.“
Bei der Übergabe des Geschäftsfelds an das DRK war der Awo-Geschäftsführerin wichtig, „dass alle Kundinnen und Kunden mit wechseln können und auch die Mitarbeitenden übernommen werden“. Dadurch könne sichergestellt werden, „dass die vertrauten Bezugspersonen erhalten bleiben“, sagte Elser. Zum 1. April wird der Pflegedienst des Awo-Kreisverbandes seine Trägerschaft wechseln.
Die Awo wurde mehrfach ausgezeichnet
Über Jahre hinweg hat sich der ambulante Pflegedienst der Awo auf den Bereich der kultursensiblen Pflege spezialisiert und ist dafür auch mehrfach ausgezeichnet worden. Vor allem von Patienten mit ausländischen Wurzeln wird er gewählt und geschätzt. Viele der Pflegefachkräfte sprechen neben Deutsch noch andere Sprachen, manche haben selbst einen Migrationshintergrund.
„Wir haben Mitarbeitende und Patienten verschiedenster Herkunft und gewinnen durch die Übernahme des Awo-Pflegedienstes eben solche Kollegen und Kunden hinzu“, betonte DRK-Chef Alexander Sparhuber. „Wir bemühen uns, stets auf die besonderen Anforderungen unsere Kundinnen und Kunden einzugehen und sind sicher, dass die Awo-Mitarbeitenden gerade auch in dieser Hinsicht eine Bereicherung für unseren Pflegedienst sein werden“, fügte der DRK-Geschäftsführer noch hinzu.
Mit dem DRK sei ein Träger gefunden, der alleine schon aufgrund seiner Größe „Strukturen hat, die den Mitarbeitenden langfristige Perspektiven – auch in der Aus- und Weiterbildung – bieten können“, so unterstrich die Geschäftsführerin der Göppinger Awo, Sonja Elser.
Der DRK-Pflegedienst zieht um
Standorte
Neben dem 2022 eröffneten Standort in Süßen hat der ambulante Pflegedienst des Deutschen Roten Kreuzes im Kreis Göppingen seit 2011 seinen Standort am Schillerplatz in Göppingen.
Größe
Bisher betreut der DRK-Pflegedienst – er ist dreimal größer als der der Awo – 250 Kundinnen und Kunden im gesamten Landkreis Göppingen. Zum 1. April übernimmt er die Trägerschaft des Awo-Dienstes..
Räume
Geplant ist jetzt, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter demnächst in neuere und großzügigere Räume in der Göppinger Stadtmitte umziehen, um dem Wachstum gerecht zu werden.