Nur eins von vielen tollen Fotomotiven: Pinguine - im Hintergrund ist das Expeditionsschiff „MS Fram“ zu sehen. Foto: Birgit-Cathrin Duval

Jenseits des antarktischen Polarkreises verschmelzen Gletscher, Eisberge und Vulkangebirge zu betörenden Landschaftsgebilden. Eine Reise mit der „MS Fram“ führt durch traumhafte Welten.

Ein eisiger Wind wirbelt Schneeflocken wie gefrostete Cornflakes über das Schiffsdeck der „MS Fram“. Einige Frühaufsteher trotzen den Elementen. Dick vermummt, Kameras im Anschlag, stehen sie am Bug und blicken in das Blaugrau aus Himmel und Wellen, aus dem sich Eisberge wie riesenhafte Märchenschlösser erheben. Der Anblick des ersten Eisberges ist auf eigenartige Weise surreal. Mit einem Mal wird einem bewusst, dass dies kein Traum ist, sondern der Auftakt einer Reise zum weißen Kontinent. Bilder, die es sonst nur im Fernsehen, Internet und in Reiseprospekten zu sehen gibt, ziehen live vor dem eigenen Auge vorbei.

Vor 48 Stunden lichtete die „MS Fram“ in Ushuaia, Feuerland, der südlichsten Stadt der Erde, den Anker. Das Expeditionsschiff der norwegischen Hurtigruten-Flotte nimmt Kurs auf den 66. Breitengrad Süd, den antarktischen Polarkreis. An Bord befinden sich 220 Reisende aus aller Welt und 70 Crewmitglieder. Das kleinste Schiff der Flotte ist für Expeditionen in derartige Eisregionen ausgelegt. Eine Fahrt in die unzugängliche antarktische Halbinsel ist nur während einer kurzen Zeit im Hochsommer möglich - und auch nur dann, wenn das Treibeis es zulässt. Das allerdings bereitet Kapitän Rune Andreassen, der die „Fram“ in seiner neunten Saison steuert, schlaflose Nächte. Wind, Meeresströmungen und Temperaturen zwischen plus und minus 5 Grad Celsius mixen einen unberechenbaren Wettercocktail. Innerhalb weniger Minuten driftet gefährliches Treibeis wie aus dem Nichts heran und könnte die ohnehin engen Passagen zwischen den vereisten Archipelen und Inseln blockieren. Das 113 Meter lange Kreuzfahrtschiff kann durch bis zu 60 Zentimeter dicke Eisschichten fahren, aber: „Sie ist kein Eisbrecher“, sagt der Kapitän.

Die Abenteuer der Expedition

Während die Passagiere in ihren Kabinen schlummern, herrscht auf der Brücke höchste Konzentration. Die vielen Instrumente erinnern an das Cockpit der Raumschiff Enterprise, die Fahrt durch das Nachtdunkel mutet an wie ein Flug durch die Weiten des Alls. Der Kapitän manövriert das Schiff mit einem Finger - per Joystick. Im Licht der Scheinwerfer tauchen Eisschollen auf. Ächzende, dumpfe Laute ertönen, wenn der Bug auf eine Scholle trifft. Das Schiff hebt und senkt sich mit den Wellen, die aufspritzende Gischt mischt sich mit Schneefall, der geisterhaft an die Scheiben klatscht. Es mutet an wie eine Szene, in der die Enterprise durch einen Meteoritensturm steuert. Um 4 Uhr früh übergibt Andreassen das Kommando seinem Steuermann. Ob wir unser Ziel, den südlichen Polarkreis, erreichen? Der 48-jährige Norweger hält sich bedeckt, ein Blick auf die Karte zeigt rote Markierungen: Treibeis. Am Nachmittag ist das Einheitsgrau verschwunden. Über der „Fram“ spannt sich ein tiefblauer Himmel, das Eismeer ist still wie ein See und rund um das Schiff blitzen schneeweiße Eisberge aus dem Wasser, als sende die Antarktis den Neuankömmlingen einen Willkommensgruß. Expeditionsleiterin Line Overgaard und Assistentin Ina Johannsen vollbringen in den kommenden Tagen ein logistisches Meisterwerk. Sie koordinieren mit zehn Mitarbeitern Anlandungen und Exkursionen und überwachen, ob die Auflagen zum Schutz der fragilen Landschaft und Tierwelt eingehalten werden.

In Bootsgruppen aufgeteilt steigen die Passagiere, ausgestattet mit Gummistiefeln und Rettungswesten, in die Polarcirkel-Boote, die sie zur Halbmondinsel bringen. Auf der felsigen Insel leben Tausende Zügelpinguine, die mit der Aufzucht ihres Nachwuchses beschäftigt sind. Mit ihrem krächzenden Geschnatter klingen sie wie heisere Möwen. Von den Besuchern in den blauen „Fram“-Regenjacken sind sie wenig beeindruckt. Für die Neuankömmlinge gilt: fünf Meter Mindestabstand zu den Pinguinen einhalten, wobei die gerne näherkommen, wenn der Fotograf ruhig auf dem Boden sitzt. So viel Weite, so viel Eis, so viele Pinguine und Robben. Gegen Abend sind nicht nur Speicherkarten und Akkus erschöpft, auch die Augen haben sich sattgesehen. Zeit zum Verdauen der Eindrücke bleibt kaum, am nächsten Tag gibt es neue, atemberaubende Welten zu entdecken. Wie den Lemaire-Kanal, durch dessen Meeresenge sich die „Fram“ zeitlupenartig bewegt. Rechter und linker Hand ragen schneebedeckte Gebirge hervor, deren Gletscherzungen mit dicken Krusten steil ins Meer abfallen. Das letzte Sonnenlicht taucht die Berge, die sich im Wasser spiegeln, in ein schier unwirkliches Farbspektrum. Eisbrocken tanzen wie Schaumflocken auf der Oberfläche, Bild und Abbild verschmelzen in ein einzigartiges surreales Gemälde. Zwischen den Landgängen stehen naturwissenschaftliche Vorträge auf dem Programm. Die Cruise-Teilnehmer könnten aber auch im Fitness-Studio schwitzen oder vom Whirlpool aus auf die Gletscher blicken.

Weitere Sensationen

Eine Wanderung führt auf einem gesicherten Trail eine steile Bergflanke hinauf. Von dort geht der Blick hinab auf die Bucht, in der die „MS Fram“ ankert - traumhaft! Kajaktouren und Ausflüge mit Polarcirkel-Booten führen dicht heran an Eisschollen, auf denen sich Robben in der Sonne aalen. In einer der Forschungsstationen aus den 50er Jahren stapeln sich ungeöffnete Konservendosen, auf den Tischen liegen Aufzeichnungen und Instrumente, als kehrten die Forscher jeden Augenblick zurück. Mit etwas Glück zählt man zu den Auserwählten, die eine Nacht im Zelt auf einem Inselarchipel verbringen dürfen - umringt von gurrenden Pinguinen und dem grollenden Donner, den es zu hören gibt, wenn Teile eines Eisbergs abbrechen und ins Meer stürzen. Erlebnisse, mit denen kein Fünf-Sterne-Hotel aufwarten kann. Und, auch das ist einmalig: Als einziges Kreuzfahrtschiff in diesem Jahr steuert die „Fram“ die britische Forschungsstation Rotera an.

Die Wissenschaftler geben Einblicke in ihren Alltag und führen durch die Labore. Danach nimmt das Schiff Kurs auf Marguerite Bay. 66 Grad 33 Minuten, die magische Linie ist erreicht. Eiskalt erwischt es diejenigen, die eine Polartaufe über sich ergehen lassen: Ein verkleideter Offizier spielt Neptun, kippt mit einem Suppenlöffel Eiswasser über Kopf und Rücken der Täuflinge. Kapitän Andreassen hat es geschafft. Geschickt hat er in den vergangenen Tagen das Eis ausgetrickst. Jetzt parkt er die „Fram“ am Rand des Packeises. Bei 68 Grad 14 Minuten ist der südlichste Punkt der Reise erreicht. Alle Passagiere stehen an der Reling und blicken in eine Welt, als wäre die „Fram“ eben in der Eiszeit gelandet. Das Schiffshorn bläst wie zum Gruß. Die Antwort kommt prompt: Auf einen Schlag trifft orkanartiger Fallwind von den Gletschern das Schiff, bringt Eisschollen zum Wanken, rüttelt an Mensch und Material. Es ist ein eindrücklicher Wendepunkt der Reise. Der Kapitän lässt die Motoren aufheulen, wendet und steuert volle Kraft voraus, bevor sich die Krallen des ewigen Eises um das Schiff legen.

Infos zur Antarktis

Antarktis

Anreise

Von Frankfurt nach Buenos Aires, z. B. mit Lufthansa (www.lufthansa.com). Inlandsflug mit Latam nach Ushuaia (www.latam.com)

Expeditionskreuzfahrten

Die „Fram“ läuft von Ende Oktober bis Ende Februar zu 14- bis 20-tägigen Antarktis-Expeditionen aus. Die beschriebene Reise kostet ab 6996 Euro pro Person in der Doppelkabine mit Vollpension.
An- und Abreisepaket mit Linienflug, Transfers und Hotelübernachtung ab 1720 Euro. Im Preis enthalten sind alle Landausflüge. Kajaktouren, Zeltübernachtung und Ausfahrt mit dem Polarcirkel-Boot können an Bord gebucht werden. www.hurtigruten.de
Auch die „Hanseatic“ und die „Bremen“ von Hapag-Lloyd Cruises unternehmen Expeditionen ins ewige Eis. Preisbeispiel: 19 Tage Seereise auf der „Bremen“ Ende November ab 9890 Euro, www.hl-cruises.de

Was Sie tun und lassen sollten

Eine Nacht im Zelt, warm eingepackt im Polarschlafsack und in der Ferne das Donnern des Eises hören zählt zu den eindrücklichsten Erlebnissen. Der Toilettengang in freier Natur ist verboten, dafür gibt es eigens ein mitgebrachtes Camping-Klo.

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