Kann man sich beim Griff an Haltestangen oder Schlaufen in der U-Bahn oder im Bus mit dem Coronavirus infizieren? Nach Ansicht von Experten ist das Risiko gering. Foto: imago/Christoph Hardt/shock

Beinahe täglich gibt es neue Erkenntnisse zum Coronavirus. Worauf sollte man beim Nutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln achten? Was gilt für Allergiker? Und was genau steckt eigentlich hinter der Zahl der Corona-Todesfälle? Ein Überblick.

Stuttgart - Wissenschaftler in aller Welt forschen in diesen Tagen intensiv daran, neue Erkenntnisse über das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 zu gewinnen. Ein Überblick mit Antworten auf neue Fragen.

 

Ist eine Virusübertragung über die Luft oder beim Sport im Freien möglich?

Das Fazit einer aktuellen Studie von Forschern der Universitäten Leuven und Eindhoven in Belgien und den Niederlanden ist nicht gerade beruhigend: Zwei Meter Abstand seien nicht ausreichend, schreiben die Aerodynamiker, wenn man im Windschatten etwa eines Radfahrers oder Joggers unterwegs sei. Tröpfchen, die ausgeatmet werden und vielleicht Viruspartikel enthalten, würden dann mehr Zeit benötigen, bis sie zu Boden sinken. Auch andere Studien haben sich bereits mit der Übertragung der Coronaviren über sogenannte Aerosole befasst – also über winzige Schwebeteilchen in der Luft. Unter Laborbedingungen, schreiben US-Wissenschaftler etwa im „New England Journal of Medicine“, seien die Viren drei Stunden lang in Aerosolen nachweisbar gewesen. Vor Kurzem erregte darüber hinaus eine Meldung aus den USA Aufsehen: Nach einer Chorprobe in Mount Vernon im Bundesstaat Washington sind Medienberichten zufolge inzwischen Dutzende positiv getestet, zwei der über 60 Chormitglieder starben an Covid-19. Und das, obwohl die Mitglieder bei der Probe Mitte März vorsorglich Abstand voneinander hielten.

Wie sind diese Erkenntnisse zu bewerten?

Der Virologe Christian Drosten sagte in seinem täglichen Podcast dazu, dass Viren insbesondere über größere Tröpfchen transportiert werden, die wiederum schnell zu Boden sinken beziehungsweise schnell trocknen. Aber er sagte auch: Es gebe den Übertragungsweg über die noch kleineren Aerosole. Auch das Robert-Koch-Institut schreibt, eine Übertragung des Coronavirus über Aerosole sei „unter gewissen Umständen möglich“. Daher könne es durchaus etwas bewirken, wenn infizierte Personen Masken tragen, sagt Drosten. So werde verhindert, dass kleinste Tröpfchen überhaupt erst in die Luft gelangen.

Wie riskant ist es in diesen Tagen, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen?

Stadtbahnen, Busse und Züge fahren – und häufig sind sie dieser Tage relativ leer. Wer sich an gewisse Regeln hält, hat dort nach Ansicht von Experten ein geringes Infektionsrisiko. „Das Risiko, sich anzustecken, ist überall ähnlich, wo sich Menschen nahe kommen“, sagt Florian Hölzl vom Stuttgarter Gesundheitsamt. „Deswegen ist Abstand das Wichtigste, um das Risiko zu senken.“ Doch was ist etwa mit Haltestangen oder Sitzflächen in öffentlichen Verkehrsmitteln? „Die Virusübertragung durch Berühren von kontaminierten Gegenständen oder Oberflächen ist dann unwahrscheinlich, wenn man sich regelmäßig die Hände gründlich wäscht und darauf achtet, sich nicht ins Gesicht zu fassen“, sagt Lisa-Marie Käser, Oberärztin im Klinikum Stuttgart, Institut für Krankenhaushygiene. Das gelte für Einkaufswägen ebenso wie für Haltestangen.

Warum sind Schmierinfektionen etwa über Haltegriffe unwahrscheinlich?

Der wichtigste Übertragungsweg für das Virus sind Tröpfcheninfektionen, etwa durch Niesen oder Husten. Ganz ausgeschlossen sind Schmierinfektionen allerdings nicht: Wenn etwa eine infizierte Person direkt in die Hand niest, dann auf einen Haltegriff in Bus oder Bahn greift und jemand anderes gleich darauf ebenfalls an diesen Griff fasst und danach die eigenen Schleimhäute berührt, könnte es zu einer Übertragung kommen. „Aufgrund der relativ geringen Stabilität von Coronaviren in der Umwelt ist dies nur in einem kurzen Zeitraum nach der Kontamination wahrscheinlich“, urteilt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Im Allgemeinen seien humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen.

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Das sowieso schon geringe Risiko einer solchen Ansteckung kann weiter gesenkt werden, wenn die Hygieneregeln beachtet werden. Auch das Tragen von Alltagsmasken in öffentlichen Verkehrsmitteln kann dabei helfen, dass sich infizierte Tröpfchen nicht in der Luft verteilen – oder verhindern, dass man sich ins Gesicht fasst. „Wir schützen uns gegenseitig, wenn wir solch einen Mund-Nasen-Schutz tragen“, sagt Florian Hölzl. „Wenn jeder auf Hustenetikette, Abstand und Bedeckung achtet, hilft das viel.“

Welche Rolle spielen Kinder bei den Infektionen?

Erste Datenanalysen weisen darauf hin, dass Kinder weniger vom Coronavirus Sars-CoV-2 betroffen sind als Erwachsene. Forscher aus Reykjavik hatten bei bevölkerungsbezogenen Tests rund 13 000 Personen untersucht. Bei Kindern unter 10 Jahren gab es keinen einzigen positiven Befund, bei Menschen ab 10 waren es 0,8 Prozent, heißt es im Magazin „New England Journal of Medicine“. Auch die EU-Gesundheitsbehörde ECDC berichtet, dass Kinder unter den erfassten Covid-19-Fällen nur einen sehr kleinen Anteil hätten. Rund ein Prozent der Fälle seien Kindern unter 10 Jahren, vier Prozent 10- bis 19-Jährige.

Das bedeutet: Kinder scheinen zwar genauso wahrscheinlich infiziert zu werden wie Erwachsene, haben aber ein wesentlich geringeres Risiko als Erwachsene, Symptome zu entwickeln oder ernsthaft zu erkranken. Unsicherheiten gebe es laut der EU-Gesundheitsbehörde noch bei der Frage, in welchem Ausmaß infizierte Kinder andere Menschen anstecken können. In einem Vergleich von Covid-19 und Influenza schrieb die Weltgesundheitsorganisation im März, dass Kinder bei der Corona-Pandemie anders als bei der Grippe wohl keine bedeutsamen Treiber für Übertragungen seien. Vorläufige Daten ließen annehmen, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken, Erwachsene aber möglicherweise kaum bei Kindern.

Gibt es neue Erkenntnisse über das Risiko von Menschen mit Pollenallergien?

Pollenallergiker sind in der Corona-Pandemie neuen Angaben von Experten zufolge nicht stärker gefährdet als andere Menschen. „Die Reaktion auf Pollen führt zu einer Überreaktion des Immunsystems, das Immunsystem ist nicht geschwächt“, sagt Berthold Jany, der ehemalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Bislang zeigen vor allem jene Menschen schwere Verläufe einer Covid-19-Erkrankung, die ein geschwächtes Immunsystem haben – etwa durch Vorerkrankungen. Für Menschen mit Allergien oder Überempfindlichkeitsreaktionen besteht Jany zufolge auch in der aktuellen Blütezeit weder ein erhöhtes Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken noch, im Fall einer Infektion, stärkere Symptome zu entwickeln. Der Experte rät Betroffenen dazu, ihre Medikamente weiter wie gewohnt einzunehmen.

Wie genau kommt eigentlich die Zahl der Corona-Toten zustande?

Tatsächlich ist es nicht ganz leicht zu sagen, ob jemand mit einer Corona-Infektion oder an einer solchen gestorben ist. Bei den vom Robert-Koch-Institut genannten Coronavirus-Todesfällen handelt es sich um Menschen, bei denen eine bestätigte Infektion mit Sars-CoV-2 vorlag. Auch das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg verwendet diese Definition: „Berichtet werden Todesfälle, die mit und an Sars-CoV-2 verstorben sind“, sagt eine Sprecherin. Darunter fallen also auch Personen, die zwar mit einer Virusinfektion, aber letztlich aufgrund anderer Ursachen verstorben sind. „Eine Differenzierung wird bislang vor allem aufgrund der derzeitigen Datenlage zur Pathogenese des Sars-CoV-2-Virus nicht durchgeführt“, heißt es beim Landesgesundheitsamt. Gemeint ist damit, dass bislang wenig über die Entwicklung der durch das Virus ausgelösten Erkrankung Covid-19 bekannt ist und über den Verlauf.

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Denn: In Einzelfällen sei die Virusinfektion erst nach dem Tod festgestellt worden. Und: Bei vielen Fällen, in denen eine schwere Grunderkrankung vorlag, sei es gar nicht immer möglich zu sagen, ob die Corona-Infektion ursächlich zum Tod geführt oder zumindest dazu beigetragen habe – oder eben nicht. „Ein Teil der Personen verstirbt ohne typische Krankheitszeichen, obwohl Defekte im Lungenepithel vorliegen können“, so die Sprecherin des Landesgesundheitsamtes. Solche Defekte könnte nur bei einer Obduktion genauer erfasst werden.

Warum wird nicht ganz grundsätzlich eine Obduktion gemacht?

Eine Autopsie werde in der Regel „nur bei unklaren beziehungsweise ungewöhnlichen Todesfällen durchgeführt“. Der Aufwand für die Untersuchung aller Fälle wäre wohl immens. Weil man eine Untererfassung vermeiden will, werden daher alle an und mit SarsS-CoV-2 Verstorbenen registriert. Maßgeblich dafür sind laut Landesgesundheitsamt in der Regel die Angaben auf dem Leichenschauschein, der von dem Arzt ausgestellt wird, der den Tod eines Menschen feststellt.