Vereine aus dem Kreis Böblingen „flüchten“ in den neuen Bezirk Nordschwarzwald. Foto: Klemm/Kartendaten: Mapcreator.io/OSM.org

Mit einer solch hohen Zahl hatte keiner gerechnet: 13 Fußball-Vereine aus dem Kreis Böblingen wollen in den künftigen Bezirk Nordschwarzwald. Die Angst geht um.

Es ist sozusagen der Notausstieg: Vor allem im Süden des Landkreises Böblingen ist der Widerstand gegen die geplante Strukturreform des Württembergischen Fußballverbands groß. Sie sieht vor, im kommenden Jahr die Zahl der Bezirke in Württemberg von 16 auf 12 zu reduzieren und damit den Bezirk Böblingen/Calw auseinanderzureißen. Die Calwer Hälfte wird sich dann mit dem Bezirk Nördlicher Schwarzwald vereinigen, während die Böblinger Hälfte an Stuttgart angeschlossen wird. Vertreter aus dem Kreis Böblingen versuchten von Anfang an, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

 

Kompass notwendig?

Dahinter steckt vor allem die Ablehnung von Auswärtsspielen in Stuttgart – denn zu unübersichtlich ist ihnen die Fußball-Landkarte der Landeshauptstadt. "Da braucht man ja einen Kompass, um die Sportplätze zu finden", sagte einst etwa Richard Armbruster, der bis 2021 Vorsitzender des Bezirks Böblingen/Calw war. Befürchtet werden auch lange Staus auf der Autobahn, ausfallende S-Bahnen durch die Dauerbaustelle Stuttgart 21 und Chaos rund um VfB-Heimspiele, wodurch Auswärtsspiele in Stuttgart zur Weltreise werden könnten.

Nun machten 13 Vereine aus dem Kreis Böblingen Nägel mit Köpfen und stellten einen Antrag beim wfv, in den Kreis Calw zu wechseln. Damit würden sie nicht zum künftigen Bezirk 1 (Stuttgart/Böblingen), sondern zum Bezirk 10 (Nordschwarzwald) gehören.

Wenig überraschend kommen alle 13 Vereine aus dem Süden des Landkreises Böblingen und sind – zumindest in den meisten Fällen – nicht weit entfernt von der Grenze zum Kreis Calw. Konkret handelt es sich um den SV Deckenpfronn, den SV Mötzingen, den VfL Oberjettingen, den FC Unterjettingen, den SV Bondorf, den TSV Kuppingen, den TSV Öschelbronn, den TSV Tailfingen, den TV Nebringen, den SV Nufringen und den SV Rohrau.

Der wfv bestätigt gegenüber unserer Redaktion, dass diese 13 Vereine rechtzeitig vor Ablauf der Frist am 31. Dezember einen Antrag gestellt haben, den künftigen Bezirk wechseln zu wollen. "Eine Entscheidung werden die zuständigen Gremien höchstwahrscheinlich im Laufe des März treffen", sagt wfv-Pressesprecher Heiner Baumeister zum weiteren Vorgehen. Die Erfolgsaussichten könne er allerdings nicht einschätzen – "zumal jeder Antrag für sich steht und die Begründungen individuell aufgebaut sind."

Treffen in Hochdorf

Doch noch bevor der wfv im März eine Entscheidung fällen wird, steht ein weiterer wichtiger Termin im Kalender: Am Freitag, 24. Februar, findet in Hochdorf ein gemeinsamer Staffeltag des Bezirks Nördlicher Schwarzwald mit den Vereinen aus dem Landkreis Calw statt – also dem künftigen Bezirk Nordschwarzwald. Geht es nach Roland Ungericht, Vorsitzender des Bezirks Böblingen/Calw und designierter Vorsitzender des künftigen Bezirks Nordschwarzwald, werden zu diesem Treffen auch die 13 wechselwilligen Vereine aus dem Kreis Böblingen eingeladen – zumindest als Gäste.

SV Mötzingen

Mötzingen ist die zweitsüdlichste Gemeinde im Landkreis Böblingen, direkt gelegen vor den Toren von Nagold, wo seit Jahrzehnten viele Mötzinger zur Schule gehen. Keine Überraschung also, dass der SVM in den Kreis Calw wechseln möchte. In dem Antrag an den wfv, der unserer Redaktion vorliegt, heißt es daher, dass "ein enormer Mehraufwand" auf alle Mannschaften und Altersklassen zukomme, "den wir absolut nicht bewältigen können".

Weiter schreibt der SV Mötzingen an den wfv: "Keinem Elternteil möchten wir zumuten, samstagnachmittags zu einem Spiel nach Stuttgart zu

fahren, womöglich noch bei einem VfB-Heimspiel. Vielleicht machen das einige Eltern mit. Die Frage ist nur: Wie lange? Wir sind der Auffassung, dass bei vielen Jugendspielern die Lust am Fußball verloren geht und Sie wissen ja auch, wie es vor allem in den unterklassigen Mannschaften um den Jugendfußball steht. Die Gefahr, weitere Spieler zu verlieren, ist uns einfach zu hoch."

Zudem weist der Verein darauf hin, dass im Herrenbereich nicht nur in der Bezirksliga Fahrten nach Stuttgart drohen. Schon jetzt habe der B-Ligist mit dem SV Althengstett II eine Mannschaft aus einem anderen Landkreis in der Liga. "Im Bezirkspokal ist die Wahrscheinlichkeit, auf einen Stuttgarter Verein zu treffen, noch höher. Die meisten Spiele finden unter der Woche statt. Hier stößt man bei der Anfahrt direkt in den Berufsverkehr. Das ist für alle Beteiligten absolut nicht zumutbar", heißt es weiter in dem Antrag, der mit den Worten endet: "Wir fahren lieber 40 Kilometer nach Möttlingen als 35 Kilometer durch den Stuttgarter Berufs- und Stadtverkehr."

Zu den Erfolgsaussichten sagt der SVM-Vorsitzende Michael Landenberger gegenüber unserer Redaktion: "Wir hoffen natürlich, dass unserem Antrag zugestimmt wird, denn sonst wird es für Vereine, wie wir einer sind, noch schwerer, ein Gerüst aus der Jugend aufzubauen, was eh schon schwer genug ist mit den umliegenden großen Vereinen. Sollte der Antrag abgelehnt werden, müssen wir uns etwas mit den anderen Vereinen überlegen. Wir gehen mit gewissem Optimismus in die Entscheidungen des wfv und hoffen, dass auch mal die kleinen Vereine dem Verband wichtig sind."

VfL Oberjettingen

Der VfL Oberjettingen hat den Antrag, in den Kreis Calw wechseln zu wollen, gemeinsam mit dem FC Unterjettingen gestellt, zumal beide Vereine eine gemeinsame Fußballjugend haben. "Deshalb können wir gar nicht auseinandergerissen werden", verdeutlicht Marcus Ruß, Leiter der Oberjettinger Fußball-Abteilung. Sein Hauptargument gegen den Zusammenschluss mit Stuttgart: "Die ungewissen Fahrzeiten. Wir haben als Beispiel mal Baiersbronn und Untertürkheim genommen. Das sind jeweils 45 Minuten Fahrt. Durch die Autobahn sind es nach Untertürkheim aber sehr ungewisse 45 Minuten."

Russ hadert aber auch generell mit der Entscheidung, den Bezirk Böblingen/Calw aufzulösen. "Meine persönliche Meinung ist: Warum reißt man einen funktionierenden Bezirk auseinander, der genug Mannschaften hat? Das verstehe ich einfach nicht", meint der Abteilungsleiter, der sich mehr Initiative von wfv-Präsident Matthias Schöck gewünscht hätte: "Er kommt ja aus unserem Nachbarort Mötzingen. Ich hatte mir eine Zusammenkunft mit ihm an einem Tisch gewünscht, aber die kam leider nicht zustande."

Allerdings muss Ruß auch zugeben: Mehr Dialog hätte im Vorfeld wohl auch nichts gebracht. "Wir können nichts dagegen machen, dass der Bezirk Böblingen/Calw aufgelöst wird. Das war längst entschieden", bedauert der Oberjettinger und erinnert an die wfv-Versammlung: "Unser Bezirk mit seinen wenigen Deligierten kann gar nichts machen gegen einen Bezirk wie Stuttgart, der viel mehr Deligierte hat, weil da auch der VfB dazugehört."

SV Deckenpfronn

Deckenpfronn gehörte bis 1972 zum Landkreis Calw, ehe die Gemeinde im Zuge der Kommunalreform dem Landkreis Böblingen zugeschlagen wurde. Nun möchte der SV Deckenpfronn zumnindest fußballtechnisch zurück in den Kreis Calw und stellte beim wfv einen Antrag auf Wechsel. "Die Kreisgrenze beginnt gleich hinter unserem Schützenhaus", begründet Alexander Boch, Leiter der Fußball-Abteilung des SV Deckenpfronn, den Antrag. Er unterstreicht: "Wir waren immer auch in Richtung Calw orientiert und haben zu den Vereinen dort eine Verbindung. Wir fühlen uns zum Kreis Calw hingezogen."

Vor allem eines ist für Boch aber entscheidend: "Wir sind hier auf dem Land und leben stark von der SVD-Familie. Vom Zusammenspiel von Spielern, Funktionären und Fans. Ältere Zuschauer werden auswärts nach Stuttgart nicht mehr mitfahren. Die trauen es sich nicht zu, in eine Großstadt zu fahren. Die fahren lieber 50 Kilometer nach Freudenstadt. Ein Problem ist auch die Situation auf der Autobahn, wie man ja gerade an der Baustelle sieht."

Zudem weist der Abteilungsleiter auf die wachsende Zahl an Spielgemeinschaften – auch im Männerbereich – hin: "Bis jetzt stehen wir gut da. Aber ich bin ehrlich: Wenn wir Stuttgart zugeteilt werden, werden wir nicht mehr in der Lage sein, zwei Mannschaften zu stellen."

Die Erfolgschancen, dass dem Antrag auf Wechsel entsprochen wird, schätzt Boch auf 50 Prozent ein. "Ich kann nur an den wfv appellieren, im Sinne der Vereine zu handeln", sagt er und gibt zu bedenken: "Es sind 13 Vereine. Das ist schon eine ganz schöne Stückzahl."

Bezirk Böblingen/Calw

Roland Ungericht ist Vorsitzender des Fußballbezirks Böblingen/Calw – und er möchte dieses Amt auch im künftigen Bezirk Nordschwarzwald bekleiden. Dass nun 13 Vereine von seinem alten in seinen womöglich neuen Bezirk wechseln wollen, kommt ihm daher nicht ganz ungelegen. "Jeder Verein, der in unseren neuen Bezirk 10 kommt, tut uns gut", argumentiert Ungericht, der lange Jahre Bezirksjugendleiter war. Er hat deshalb vor allem eine Zahl im Blick: "Der künftige Bezirk 1 hat doppelt so viele A-Jugend-Mannschaften wie unser künftiger Bezirk 10. Da sieht man, wo es hinläuft." Daher freue man sich über jeden Verein mit einer funktionierenden Jugendarbeit, der in den Bezirk Nordschwarzwald komme.

Überrascht ist der aus Rotfelden kommende Ungericht jedoch, wie viele Vereine vom Kreis Böblingen in den Kreis Calw wechseln wollen: "Mit zehn Vereinen hatte ich schon gerechnet, aber 13 hätte ich nicht gedacht." Wie viele davon wirklich den Wechsel schaffen werden, mag der Bezirksvorsitzende nicht einzuschätzen: "Man hatte ursprünglich gesagt, dass die Vereine wechseln können, die direkt an der Kreisgrenze liegen. Aber zu den Erfolgsaussichten kann ich nichts sagen."