Walter Meisenbacher, Ute und Hugo Kutschera, Siggi Pöttner (von links) mit einer der zahlreichen Heilige-Birma-Katzen in ihrem Wohnzimmer Foto: © sichtlichmensch/Andy Reiner/Andy Reiner

Sie teilen ihr Zuhause und im Urlaub auch das Wohnmobil. Ute und Hugo Kutschera aus Jettingen haben vor vielen Jahre zwei psychisch versehrte Männer bei sich aufgenommen. Aus den vieren ist eine Wahlfamilie geworden.

Im Sommer waren sie wieder zwei Wochen mit dem Wohnmobil unterwegs. Radebeul, Dresden, Berlin. Ute und Hugo Kutschera schlafen dann im Doppelbett, Siggi Pöttner links auf dem Sofa, Walter Meisenbacher rechts auf einer Matratze. Dazwischen wächst der Kratzbaum von Sorgenkind Valentino bis zur Decke. Der weiße Langhaarkater muss mit in den Urlaub, weil er Tabletten gegen sein Asthma nimmt. Und natürlich ist auch der hibbelige Wolfsspitz Jaro dabei.

 

Wenn sie abends am Klapptisch vor ihrem beigen Caravan sitzen, spekulieren die anderen Camper, wie die vier zusammengehören: das bodenständige Paar Ende 60, der schweigsame Walter und Siggi mit den tunnelgroßen Ohrlöchern. „Sind das Ihre Söhne?“, wird Ute Kutschera manchmal gefragt. „Nein“, sagt sie dann. Aber so etwas Ähnliches vielleicht schon.

Walter hört Stimmen, wenn er keine Medikamente nimmt

Ein gutes Viertel ihres Leben verbringen Meisenbacher (47) und Pöttner (58) schon mit den Kutscheras. Walter, der Stimmen hört, wenn er keine Medikamente nimmt. Und Siggi, dem die vielen Drogen das Gedächtnis kaputt gemacht haben. Ihrer beider Wege verliefen in Volten, jeder auf seine Weise. Im an Mobiliar und Menschlichem prallen Zuhause der Kutscheras, zwischen einem Rudel Heilige-Birma-Katzen, Kläffer Jaro und drei stoischen Geckos, wurden daraus geregelte Bahnen.

An diesem Januarnachmittag sitzen die vier am Esstisch in Jettingen (Kreis Böblingen). Ute Kutschera krault routiniert zwei Miezen in wechselnder Besetzung durch. Ihr Mann drückt, flankiert von Walter und Siggi, auf der Eckbank die Fernbedienung. Über den Smart-TV laufen Bilder ihrer vergangenen Reise: vom Karl-May-Double in Radebeul, von der himmlischen Kuppel der Dresdner Frauenkirche, von einer nächtlichen Straße mit leuchtenden Cafés.

Siggi isst alles, was Ute kocht

„Ah, das war Walters Fressgasse!“, sagt Hugo Kutschera. Dort habe der Hähnchenspieße gegessen, wenn es in der Wohnmobilküche wieder vegetarisch zuging. Ohne Fleisch sei es für Walter kein richtiges Essen. „Ja!“, bestätigt der und grinst verlegen. Siggi ist weniger heikel. Er isst alles, was Ute kocht.

Begleitetes Wohnen in Familien nennt sich das Angebot der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva) für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die nicht allein leben können oder wollen.

In das Wort Familie passen viele Leben

Die Kutscheras sind eine Gastfamilie – und man könnte es nicht besser in einen Begriff fassen. „Wir sind schon Gäste hier“, sagt Siggi Pöttner. „Aber das ist auch mein Zuhause.“ Er hat keinen Kontakt mehr zu seinen Verwandten, Walter Meisenbachers Eltern sind schon tot. In das Wort Familie passen eben viele Leben.

Ute und Hugo Kutschera sind zwei, die einander Konstante sind, auch wenn die Gefüge um sie sich ändern. Beide Jahrgang 1955, wachsen sie in Stuttgart-Giebel auf, einem Stadtteil, der nach dem Zweiten Weltkrieg für Heimatlose entstand. In Hugos Familie wird nie über die Flucht aus dem Sudetenland gesprochen. Im Körper seines Vaters wandert ein verborgener Granatsplitter der Russen umher.

Die Fluchterfahrung prägt die Familie

In Utes Familie ist das neue Leben voller alter Leerstellen. Zehn Minuten hatten sie Zeit, den schlesischen Hof, auf dem der Großvater Melker war, zu verlassen und alle Tiere dort mit ihm. Der Vater kam aus der Gefangenschaft versehrt zurück. Als junge Frau will Ute keine Kinder. Jederzeit könnte ja wieder so ein Unglück passieren, der Mann fort müssen in den Krieg. Trotzdem heiratet sie 1976 ihre Jugendliebe Hugo. 1977 kommt Sohn Torsten, 1979 Tochter Kerstin zur Welt. Und die einst verlorenen Tiere ziehen nach und nach wieder ein.

Hugo Kutschera wird Konditor, dann Vertreter für eine Backmittelfirma. Später fährt er Müllautos durch den Kreis Böblingen, arbeitet zuletzt in der Verwaltung der Abfallwirtschaft. Seine Frau ist daheim und schafft stundenweise beim Steuerberater. Eine Zeit lang haben die Kutscheras nebenher eine Sauna in Holzgerlingen gepachtet.

Der erste Gast blieb bis zu seinem Tod

Es ist vielleicht diese Mischung aus Pragmatismus und Zugewandtheit, die ihnen auch jene ins Haus bringt, die anderswo schwer ihren Platz finden. Ehemalige Straßenkatzen ebenso wie Siggi Pöttner und Walter Meisenbacher. 2010 und 2012 ziehen die beiden ein. Die Kinder der Kutscheras sind längst aus dem Haus, der erste Stock mit zwei Schlafzimmern, Bad, einem kleinen Wohnzimmer und Balkon steht leer.

Zuvor lebte hier als erster Gast ein älterer Herr. Ein pensionierter Finanzbeamter im gehobenen Dienst mit schweren Depressionen. Er blieb bei den Kutscheras bis zu seinem Tod.

Walter Meisenbacher ist Kunstmaler

Jetzt sind die beiden Männer eine kleine WG ohne Ablaufdatum. Der ordentliche Siggi Pöttner, in dessen Zimmer die Zippo-, Steine- und Messersammlungen so akkurat in Vitrinen und auf Tischen liegen wie in einer Museumsschau. Und der kreative Meisenbacher, der als Kunstmaler schon Ausstellungen hatte und Kataloge veröffentlichte. „Schöne Rosen“, „Roter Wurm“, „Schnapstasse“ , „Die erfundene Stadt“ heißen seine mal abstrakten, mal gegenständlichen Gemälde zum Beispiel. In seinem Zimmer hängt keines davon. Zu groß sind die Formate dafür.

Der Sindelfinger lebte zuvor in Psychiatrien und Wohnheimen. In der Jugend brach eine Psychose aus, er hörte Stimmen, die „alles durcheinanderbrachten“. Heute arbeitet er täglich acht Stunden in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung in Herrenberg, klebt Tüten und Schachteln. Siggi Pöttner baut in einer Nagolder Werkstatt Zylinder für einen Autozulieferer zusammen. Er arbeitet gern mit den Händen, hilft Hugo Kutschera auch im Haus. Früher drehte sich Siggis Leben nur ums Heroin. Mit zehn fing er zu kiffen an, bald „junkte“ er, lebte auf der Straße und bei seiner alten Mutter in Sindelfingen. Irgendwann entzog er kalt im Jugendzimmer aus eigenem Antrieb. Aber da hatten die Drogen schon sein Gehirn brüchig gemacht.

Siggi Pöttners Erinnerungen sind brüchig

Sein Erinnerungsvermögen ist unberechenbar und erratisch. Jeden Morgen pünktlich das Haus zur Arbeit verlassen, das schafft er, andere Termine vergisst er direkt. Er erinnert sich an den Bärentöter im Karl-May-Museum, aber das erste Treffen mit den Gasteltern? Davon gibt es kein Bild mehr, nur ein Gefühl: dass er sich in diesem Haus gleich wohlgefühlt hat. Er mag Tiere und Dokus über sie. Sein Lieblingskater ist Ratte, auch ein Ex-Streuner. Der sei so frei und lasse sich nichts sagen.

Siggi Pöttner durch den Tag zu lotsen ist eine Aufgabe der Kutscheras. Bei Walter Meisenbacher ist Ordnung halten ein großes Thema. Den kaputten Fernseher und die Tüten mit Altkleidern in seinem Zimmer bekommt er schon seit Wochen nicht entsorgt. Außerdem kocht, wäscht und putzt Ute Kutschera für alle. Dafür bekommt das Paar Miete, eine Unkostenpauschale und Geld für die Betreuung. Unterm Strich bleiben weniger als 1000 Euro übrig. Um rechtliche und finanzielle Dinge kümmert sich eine amtliche Betreuerin. Von der Eva schaut Sozialarbeiterin Iris Groß regelmäßig vorbei. Auch sie gehört schon fast zur Familie, ist bei Fragen oder Problemen immer ansprechbar. Sind die Kutscheras mal ein paar Tage weg, springt oft Sohn Torsten ein.

Zu viert ins Theater und in den Urlaub

Aber meist sind sie sowieso zu viert unterwegs. Sie gehen ins Stuttgarter Varieté, ins Theaterhaus, in Museen. Auf der Bregenzer Seebühne sahen sie die Oper „Carmen“. Und wenn das Paar bei Freunden eingeladen ist, sind es Walter und Siggi auch. Die gemeinsame Zeit ist kein Muss, aber ein ehrliches Angebot an die zwei.

Auch beim Urlaub ist das so. Flugreisen zum Beispiel – da macht Walter Meisenbacher nicht mit. Auch die Tulpen in Holland wollte er nicht sehen. Aber ins französische Ferienhaus, nach Irland, Sizilien, Mallorca und an den Gardasee kommt er gern mit. Und Siggi Pöttner sowieso. Familienurlaub, das kannte er zuvor gar nicht.

Es ist Abend geworden im Esszimmer dieser Familie, die eine Mischung aus individueller Tragik, Empathie und institutioneller Weitsicht zu einer Schicksalsgemeinschaft werden ließ. Wie sie da so sitzen, die Männer lustigerweise alle in Kapuzenpullis, könnten sie vieles sein: Kollegen beim Stammtisch, Freunde beim Foto-Abend, Verwandte an der Geburtstagstafel. Nur wenn die Gastmutter Walter Meisenbacher ein bisschen streng auffordert, doch mal die letzten Reiseziele zu nennen, wird klar, dass es hier auch feste Rollen gibt.

Wo beginnen die Projektionen?

Über den Fernseher laufen noch immer die Bilder aus Dresden, Ansichten der Stadtschönheit im nächtlichen Regenfall. Das gefällt den vieren gut, wie sich die festen Konturen der Gebäude in den Pfützen brechen. Da weiß man auch nicht so genau, wo das Normale endet und die Projektionen beginnen.

Im Sommer wollen sie nach Norwegen. Dreieinhalb Wochen diesmal. Sie reisen mit Auto und Zelt. Das Ferienhaus ist schon gebucht. Manche, die ihnen begegnen, fragen sich dann vielleicht wieder, wie das alles zusammenpasst. Na ja, es passt halt einfach.

Begleitetes Wohnen in Familien

Konzept
Das Angebot der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart (Eva) richtet sich an psychisch erkrankte Erwachsene in Stuttgart und in den Landkreisen Esslingen, Böblingen sowie Göppingen. Die Gäste können sich ein eigenständiges Leben momentan nicht vorstellen und wünschen sich, im Alltag unterstützt und begleitet zu werden. Der Eva-Fachdienst steht in engem Kontakt zu den Gastfamilien und ihren Gästen, auch bei Fragen und Problemen. Sowohl Familien und Lebensgemeinschaften als auch Einzelpersonen können einen psychisch erkrankten Menschen aufnehmen.

Geld
Die Gastfamilien erhalten eine wohnortabhängige Miete, Aufwandsentschädigung sowie Betreuungsgeld. Informationen unter https://www.eva-stuttgart.de/unsere-angebote/angebot/betreutes-wohnen-in-familien