Die Stadt Stuttgart setzt in ihren Kitas digitale Medien in der Bildungsarbeit ein. Das Linksbündnis fragt sich, ob kleine Kinder schon am Tablet hängen sollten und verweist auf Kritik von Wissenschaftlern an dem Konzept.
Ein Kindergartenkind, das ein Tablet vor eine Pflanze im Garten hält, um per App ihren Namen zu bestimmen. Eine gemalte Bildergeschichte von einem Dino, der einen Vulkanausbruch beobachtet. Ein Foto einer tausendfach vergrößerten Teppichfaser. Ein kurzer Stop Motion Film, in dem eine gebastelte Gurke einer Tomate erzählt, wie aus ihren Samen noch mehr Tomaten werden.
Julia Tietz hat den Mitgliedern des Jugendhilfeausschusses solche Beispiele mitgebracht, um zu zeigen, wie digitale Medien in städtischen Kitas mit Kindern ab drei Jahren derzeit verwendet werden. Und um sie gleich mal zu beruhigen: „Wir setzen die Kinder nicht vors Tablet und lassen sie Filme gucken“, sagt die Qualitätsbeauftragte für den Bereich Medien und Digitalisierung des Jugendamtes der Stadt. Vielmehr würden die Geräte in der Bildungsarbeit eingesetzt.
Wie hoch sind die Kosten?
Braucht es überhaupt Tablets in Kitas? Das war die Frage, die sich die Rätinnen und Räte in ihrer letzten Ausschusssitzung des Jahres stellten. Aufgeworfen hatte sie eine Anfrage des Linksbündnisses an die Stadt. In zwölf Unterpunkten fordern die Mitglieder von Der Fraktion, der Linken, SÖS, Piraten und der Tierschutzpartei darin Informationen zum „Konzept zur praktischen Medienarbeit in städtischen Kindertageseinrichtungen“, das 2022 überarbeitet wurde und auch den Einsatz von Tablets empfiehlt.
Unter anderem will das Bündnis wissen, wie hoch die Kosten für die Anschaffung der Geräte ist, vor allem aber, warum diese überhaupt im Kindergartenbereich eingesetzt werden. Immerhin gebe es zahlreiche Expertinnen und Experten, die vor einem zu frühen Gebrauch digitaler Medien warnen.
Negative Folgen für Entwicklung
In der Anfrage wird auf mehrere Studien verwiesen, unter anderem auf die aktuelle „Leitlinie zur Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend“, die unter anderem von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin herausgegeben wurde. Die Leitlinie rät von einem frühen Bildschirmgebrauch ab, weil ein unregulierter Gebrauch „negative Folgen“ unter anderem auf die Entwicklung von Motorik, Kognition und Sprache von Kindern haben könne.
Außerdem nimmt das Linksbündnis Bezug auf das „Bündnis für humane Bildung“. Das ist eine Initiative verschiedener Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, unter anderem der Medienpädagogin Paula Bleckmann von der Hochschule Bonn sowie des Psychiaters und Neurowissenschaftlers Manfred Spitzer von der Universität Ulm. Das Bündnis fordert unter anderem, vor dem zwölften Lebensjahr keine Bildschirmmedien in der Erziehung einzusetzen.
Gutachten kritisiert das Konzept der Stadt
Im November 2023 hat das Bündnis außerdem in einem 48-seitigen Gutachten das Stuttgarter Digital-Konzept für Kitas kritisiert, weil es nach Ansicht der Autoren entwicklungspsychologische Erkenntnisse nicht berücksichtige. Sie unterstellen der Stadt der Logik der Digital-Wirtschaft zu folgen, die Kinder möglichst früh mit digitalen Geräten und Inhalten in Kontakt bringen will. In dem Gutachten wird unter anderem ein vergleichendes Forschungsprojekt zu dem Thema in Stuttgarter Kitas vorgeschlagen, sowie ein Symposium, das auch Kita-Fachkräften offen stehen sollte. Bis dahin sollte der Einsatz digitaler Geräte ausgesetzt werden, empfehlen die Autoren.
Im Ausschuss begegneten nun die Vertreterinnen des Jugendamtes dieser Kritik. Kinder kämen heute im Privaten immer früher mit digitalen Medien in Kontakt, sagte Julia Tietz. Diese Entwicklung gelte es in den Einrichtungen aufzunehmen. „Wir zeigen, dass man mit einem Tablet mehr machen kann als nur zu daddeln“, sagt Tietz. Dass man mit ihnen lernen und kreativ sein könne. Zum Beispiel, wenn man ein Tablet als Mikroskop nutzt oder damit einen kleinen Erklärfilm dreht, für den die Kinder sich sowohl die Geschichte als auch die Figuren ausdenken, sie erst einmal zeichnen und basteln dürfen.
Kinder nutzen Tablets „nie allein“
Beate Streicher-Kieltsch, die Leiterin Abteilung Kita/Schulkind, betonte, dass die Kinder die Tablets nie allein nutzen würden und die Arbeit damit in ein medienpädagogisches Konzept eingebunden sei. Dessen Adressaten seien auch die Eltern, die man über einen sinnvollen Umgang mit digitalen Medien aufklären wolle.
Zu den Studienergebnissen gab Beate Streicher-Kieltsch zu bedenken, dass diese sich vor allem mit den Folgen des Konsums digitaler Medien beschäftigten, aber nicht damit, wie das kreative, bildungsorientierte Arbeiten sich auswirke.
Elternvertreter: Kein „Ruhigstellen“
Die Ausschussmitglieder waren von den Beispielen angetan, die Tietz und Streicher-Kieltsch mitgebracht hatten. Jasmin Meergans von der SPD sagte zum Beispiel: „Digitale Medien sind Teil der Lebenswelt von Kindern. Es ist umso wichtiger, dass sie einen guten Umgang damit einüben.“ FDP-Stadträtin Doris Höh betonte, dass es „Regeln und Begrenzung“ für die Nutzung in Kitas geben müsse. Und der Elternvertreter im Rat, Sebastian Wiese, sagte, es sei wichtig, dass die Eltern aufgeklärt würden und die Tablets nicht zum „Ruhigstellen“ der Kinder dienten.
Auch Luigi Pantisano vom Linksbündnis fand „gut, was wir gesehen haben“. Allerdings fragt er sich, ob man nicht jeweils auch analoge Alternativen finden könnte. Eine Pflanze ließe sich doch auch mit einem Lexikon bestimmen. Außerdem mahnte Pantisano eine ausführliche, schriftliche Beantwortung der Anfrage seiner Fraktion beim Jugendamt an. Die zuständige Bürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) versprach, dass diese bald zugestellt würde.
Konzept der Stadt
Konzept
2022 hat die Stadt ihr Konzept zur praktischen Medienarbeit in städtischen Kindertageseinrichtungen überarbeitet. Sie geht davon aus, dass Kinder ein Recht auf Medienbildung haben und diese zur Bildungschancengerechtigkeit beiträgt.
Leitlinien
Unter anderem nach folgenden Leitlinien sollen Fachkräfte Tablets in der Arbeit einsetzen: „Digital ersetzt nicht analog, sondern ergänzt, unterstützt und bereichert.“ – „Die Nutzung von digitalen Medien darf Kindern nicht schaden.“ – „Medienerziehung wird als gemeinsame Aufgabe von Familien und Kitas verstanden.“ – „Die Qualität der medienpädagogischen Arbeit wird fortlaufend evaluiert und begleitet durch das Qualitätsmanagement der Fachabteilung.“ Medienbildung
Tablets werden als Teil der Medienbildung eingesetzt, die sich auch auf analoge Medien wie Zeitungen bezieht. Auch die Aufklärung der Eltern und die Sensibilisierung der Fachkräfte gehört für die Stadt unter anderem dazu.