Vielerorts im Kreis engagieren Ehrenamtliche sich derzeit während der Amphibienwanderungen. Kein Thema sorgt dabei für so viel Zündstoff wie die Krötenschranke zwischen Grafenau und Aidlingen.
Dienstagabend, kurz vor halb sieben. Dunkelheit legt sich über das Würmtal. Für Februar ist es recht mild, trotzdem zieht der Mitarbeiter der Security-Firma den Reißverschluss seiner Jacke schon einmal ganz nach oben. Schließlich wird er die ganze Nacht hier verbringen. Hier, das ist die Amphibienschranke am Abzweig Lehenweiler auf der K 1063. Es wird wohl wieder eine ungemütliche Nacht für ihn und seinen Kollegen drüben am Dätzinger Ortsausgang werden – und das nicht nur wegen der kühlen Temperaturen.
Die „Krötenschranke“ wird teils leidenschaftlich gehasst
Dieser Teil der Kreisstraße zwischen Aidlingen und Grafenau war zuletzt wegen Laichwanderungen gesperrt. Weil das hügelige Gelände sich nicht für Amphibienzäune oder eine Untertunnelung eignet, gibt es dort seit 2013 diese Absperrung, die in der Bevölkerung „Krötenschranke“ genannt und teils leidenschaftlich gehasst wird. Zuvor waren hier jeweils rund 600 der 1800 Amphibien, die jedes Jahr die Straße überqueren, unter die Räder gekommen. So berichten das die Ehrenamtlichen, die dort bisher in frostfreien Frühlingsnächten Erdkröten, Grasfrösche und andere zum Teil akut vom Aussterben bedrohte Arten gezählt und gerettet hatten.
Ehrenamtliche ziehen sich nach Bedrohungen zurück
Damit ist es seit 2023 vorbei. Weil Autofahrer immer feindseliger und verständnisloser auf die Sperrung reagiert hatten, zogen sich die Mitglieder der Ortsgruppe Aidlingen/Grafenau von diesem Streckenabschnitt zurück. „Wir sind aber weiterhin aktiv auf der Straße, die hoch nach Lehenweiler führt“, sagt eine der Helferinnen. Seit letztem Jahr gehen die Tiere auf der Kreisstraße ohne menschliche Begleitung auf Hochzeitsreise. Die Zählung übernimmt die örtliche Helfergruppe erst bei der Rückwanderung. Um den Abschnitt kümmert sich laut Landratsamt nur noch ein einzelner Ehrenamtlicher, der die Strecke regelmäßig mit dem Fahrrad abfahre.
Wilde Szenen zur Schließzeit
Immer wieder kam und kommt es zu Vandalismus gegen die Schranken. Zuletzt waren beide nicht einsatzfähig. Anstelle des Schlagbaums platziert die Straßenmeisterei Leonberg deshalb Absperrgitter an beiden Enden des gesperrten Abschnitts. Seit 2017 setzt das für die Schranke zuständige Landratsamt in Böblingen sogar Sicherheitspersonal vor Ort ein. Zwar sind die Helferteams mittlerweile aus der Schusslinie, aber man muss nur zur Schließzeit um 18.30 Uhr vor Ort sein, um zu kapieren, warum die Wachmänner weiter dort stehen: Keine halbe Minute nachdem die Mitarbeiter der Straßenmeisterei die Strecke dichtgemacht haben, fahren aus Richtung Aidlingen schon die ersten Autos heran, rollen auf die Sperrgitter zu und machen dann mit zum Teil quietschenden Reifen eine 180-Grad-Wende.
Diese Szene wiederholt sich danach beinahe im Minutentakt. Offenbar haben viele die Sperrung nicht auf dem Schirm oder hatten gehofft, sie könnten noch schnell durchhuschen. Einmal lässt ein Fahrer sein Seitenfenster herunter und ruft etwas in die Richtung des Security-Mannes. „Wie gut, dass wir dafür Steuern zahlen“, schimpft er. „Hauptsache, du hast einen Job“, schickt er hinterher, tappt dann kräftig aufs Gaspedal und prescht mit aufheulendem Motor davon.
Sicherheitsdienst kostet rund 15 000 Euro im Jahr
Auf der Dätzinger Seite zieht sein Kollege an einer Zigarette. Auch hier macht ein Auto nach dem anderen vor der Absperrung kehrt. Zumindest für den Moment läuft alles recht zivilisiert ab. „Das sieht manchmal aber ganz anders aus“, sagt der junge Mann. Er berichtet von Autofahrern, die provozierend mit Aufblendlicht und hoher Geschwindigkeit auf ihn zurasen, nachts wütend an sein Autofenster klopfen oder versuchen, sich an den Schranken zu schaffen machen. Es sei auch schon zum Angriff auf einen Kollegen gekommen und bei einem aggressiven Fahrmanöver sei einmal eine Helferin fast überfahren worden.
Rund 15 000 Euro kostet die Überwachung der Schranke jedes Jahr. „Es zeichnet kein schönes Bild der Gesellschaft, dass wir einen Sicherheitsdienst brauchen, wo Menschen sich ehrenamtlich für den Arten- und Naturschutz engagieren“, sagt Landkreispressesprecherin Simone Hotz. „Dabei geht es doch lediglich darum, sich für wenige Tage an eine Umleitung zu halten.“
Ortswechsel: Die Kreisstraße zwischen Ehningen und Hildrizhausen, halb acht am Freitagmorgen. Das Thermometer zeigt frostige drei Grad. Claudia Stotz und Ulrike Müller laufen in Signalwesten gekleidet und mit Eimern bewaffnet den Amphibienzaun ab, den es hier auf ihre Initiative hin gibt. „Unsere Kinder waren in einer Beziehung und weil sie noch nicht Auto fahren durften, haben wir sie gefahren“, erzählt die Gärtringerin Claudia Stotz. An einem regnerischen Frühlingsabend vor rund sieben Jahren übernahm die Altdorferin Ulrike Müller das Elterntaxi. Kurz vor dem Modellflugplatz war die Straße regelrecht mit Kröten übersäht.
Die Hauptwanderzeit ist wohl schon vorbei
Die beiden Mütter wollten helfen und fragten bei der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt nach. Mittlerweile zieht sich ein rund zwei Kilometern langer Zaun entlang der Straße, den das Helferteam um Claudia Stotz regelmäßig abläuft.
Bis auf einen Bergmolch und einige Erdkröten („lauter Mädle“, wie die Frauen fachkundig erkennen) bleiben viele Eimer leer. Nach den milden Tagen ist die Hauptwanderzeit offenbar schon vorbei. „Außerdem war es wohl schon zu kalt letzte Nacht“, meint Claudia Stotz. Aus diesem Grund ist auch der Abschnitt Dätzingen/Lehenweiler bis auf Weiteres wieder geöffnet.
Die Schließzeiten stehen auf der Homepage des Landratsamts: www.lrabb.de/schranke