Reiskocher? Überflüssig! Das Linden-Museum erkundet in der Schau „Chapter Germany“ den deutschen Uni-Alltag von Studierenden aus China – und nutzt die Aussagekraft des Anekdotischen.
Stuttgart - Mao mag Kartoffeln und andere Klassiker hiesiger Hausmannskost. Umso größer war die Enttäuschung der jungen Chinesin bei der Ankunft in Deutschland. „Es gibt auf der Straße nur türkische Imbisse“, sagt die Medienwissenschaftlerin, die an der Universität Tübingen ihren Master macht. Mao ist nicht allein mit ihrem interkulturellen Erlebnis: Woanders ist es immer anders, als man denkt.
Das Tübinger Institut für Empirische Kulturwissenschaft hat die Alltagserlebnisse von Chinesinnen und Chinesen im Hochschulkontext unter die Lupe genommen. Aus dem Projekt ist nun eine Ausstellung im Stuttgarter Linden-Museum hervorgegangen, die den Titel „Chapter Germany“ trägt. Ein Deutschlandkapitel im Lebenslauf macht sich in Peking immer gut.
Bis zu den ikonischen Essstäbchen
Bei Videochats, Ausflügen und Kochabenden mit den Gaststudenten erprobten die Kulturwissenschaftler die Methode der teilnehmenden Beobachtung. Das wussten auch die Beobachteten zu schätzten. Nach langem Lockdown und zahlreichen Online-Seminaren, so Siyao Li, habe sie es genossen, beim gemeinsamen Picknick im Park „Fische zu streicheln“ (eine chinesische Redensart für Faulenzen).
Visuell bietet die Schau überwiegend private Objekte aus dem Alltag der chinesischen Diaspora: von Postkarten aus der Heimat über Lehrbücher bis zu den ikonischen Essstäbchen. Zum Leben erwachen die Dinge durch die Berichte der Studierenden, die sowohl in Videos und auf Wandtafeln präsentiert werden als auch im Katalog. Der Besucher fühlt sich dabei ungefähr so, als hätte er ein paar spannende neue Twitter-Accounts entdeckt. Schließlich basiert die interkulturelle Feldforschung vor allem auf der unterschätzten Aussagekraft des Anekdotischen.
Die eine grübelt, warum sie am Sonntag nicht einkaufen kann, der andere vermisst die Bettdecke im Wohnheim. Obendrein erhält man noch brauchbare Tipps fürs eigene Auslandssemester. Auch wenn er bereits wisse, wo es langgehe, verrät Wirtschaftsstudent Hongkun im Katalog, frage er immer nach dem Weg. Das trainiere die Kommunikationskompetenz.
Reiskocher? Überflüssig!
Zu den Schattenseiten des akademischen Gastdaseins gehört der Rassismus, den Yuchen Liu erfuhr, als er in einem Supermarkt mit Desinfektionsmittel besprüht wurde. „Man fühlt sich, als sei man ein giftiger Körper“, sagt er. Englischstudentin Yu dagegen bereut nur, beim Kofferpacken auf ihre Eltern gehört zu haben. Die drängten sie nämlich, einen Reiskocher mitzuschleppen, der sich als überflüssig erwies. Denn nach einem langen universitären Lerntag weiß auch der chinesische Bauch die schnellen Vorzüge von Pizza oder Spaghetti zu schätzen.
Obschon die Globalisierung viele kulinarische Stereotype abgeschliffen hat, erweist sich der Austausch über Essensgewohnheiten als ein perfekter Einstieg, um über System- und Kulturgrenzen nachzudenken. Diesen Gedanken illustriert das Fotostillleben eines appetitlich gedeckten Tischs, auf dem Flammkuchen neben gedämpftem Pak Choi bereitsteht. Willkommen zum eurasischen Festmahl in der Tübinger WG!
Chapter Germany, Linden-Museum, bis 1. Mai, Di–Sa 10–17, So bis 18 Uhr