Der Stuttgarter Andrea Portale beim Finale zur Wahl des Gentleman 2021. Foto: Florian Reimann für GQ Germany

Männlichkeit hat viele Gesichter. Andrea Portale führt es vor. Der Stuttgarter ist der erste offen schwule Kandidat, der es bei der GQ-Wahl zum Gentleman 2021 aufs Siegertreppchen geschafft hat. Was sagt er zu Mode, Diversität und Stil?

Stuttgart - Braucht die Welt noch Machos? Andrea Portale ist vom Macho meilenweit entfernt. „Das Wort Macho hat einen negativen Aspekt“, findet der 34-Jährige, „das Wort steht für Menschen, die was vertuschen wollen – durch ihre Art oder Aussagen.“

Vertuschen will der Stuttgarter mit sizilianischen Wurzeln nichts. Ganz im Gegenteil. Offen sein, stolz zu dem stehen, was man ist – und dabei Lebenslust ausstrahlen! Damit ist der Teamleiter der Holy AG bei der Wahl zum Gentleman des Jahres 2021 des Magazins „GQ Germany“ als erster offen schwuler Kandidat angetreten – und hat es unter 6000 Bewerbern weit nach oben geschafft.

Das Mann-Sein wird vielfältiger

Eine neue Generation von Gentlemen will die Herzen erobern, ganz egal welchen Geschlechts. Auf Platz eins kam Long Nguyen, ein Vietnamese, der in Deutschland aufgewachsen ist. Mit Andrea Portale, einem selbstbewussten Vertreter des queeren Teils der Bevölkerung, steht fest: Das Finale in Baden-Baden, das mit einer prominent besetzen Jury wegen Corona ohne Publikum stattfand, war ein Sieg der Diversität – ein Signal dafür, wie die Begeisterung für Vielfalt die Gesellschaft voranbringt.

Die Idee vom Mann steckte lange in Schablonen fest. Ist ein Mann das Produkt seiner Umgebung oder der Erwartungen, die man an ihm stellt? Die alten Geschlechterrollen sind ins Wanken geraten. Das Mann-Sein wird vielfältiger. Beim Gedanken an den Gentleman, der charmant, stilsicher, ein Kavalier und formvollendet im Umgang mit seinen Mitmenschen sein sollte, leuchtet nicht sofort der Regenbogen auf. Doch im Zeitalter der Diversität und der Toleranz ist vieles anders. Über seinen dritten Platz freut sich der Stuttgarter „mega“ für sich, „aber vor allem für die Community“.

Wer Andreas Stilheld ist? Sein Papa!

Portale ist Italiener, eines von fünf Kindern eines Gastarbeiterpaars aus Sizilien, das mittlerweile in seine Heimat zurückgezogen ist. „Als ich 20 war, haben mich meine Geschwister geoutet“, erzählt er, „meine Eltern haben toll darauf reagiert.“

Familie ist ihm sehr wichtig. Da wundert es nicht, dass er auf die Frage von „GQ“, wer sein Stilheld sei, ruck, zuck geantwortet hat: „Mein Papa!“ Mit 50 Jahren habe sich der Vater dazu entschlossen, nur noch Anzughosen zu tragen und mit Poloshirts zu kombinieren. Seinen eigenen Weg finden, sich von der Masse abheben, das gefällt dem Sohn, der modelt, seit er 22 Jahre alt ist, etwa auf der Fashion-Week in Berlin.

Die unbeschwerte Leichtigkeit des Lebens ist dahin

Seinen persönlichen Stil beschreibt er so: „Klassisch-sportlich mit einem Hauch italienischem Flair.“ Normalerweise gibt er im Monat 300 bis 400 Euro für Kleidung aus. Coronabedingt hat sich das reduziert.

Das Virus hat vieles verändert. Die unbeschwerte Leichtigkeit des Lebens ist dahin. Früher hat der Single über Grindr, der Tinder-Version für Schwule, gedatet. „Die Community ist vorsichtig geworden“, sagt er. Die Pandemie ist schwer zu durchschauen, wie er selbst weiß.

Im September war Portale erkrankt mit Fieber und Geschmacksverlust. Der PCR-Test fiel negativ aus. Weil er stets Ende des Jahres ein großes Blutbild machen lässt, bat er den Arzt darum, ihn auch auf Covid-Antikörper zu testen – es waren sehr viele! Er hatte also Corona. Ein Gentleman, sagt er, achtet auf andere, aber auch auf sich selbst und auf die eigene Gesundheit.

„Ich bin eher der Typ Lauch“

Lange hat es gedauert, bis sich der 34-Jährige zur Bewerbung bei der Gentleman-Wahl entschlossen hat. „Die ,GQ‘ stand früher nicht gerade für Diversity, sondern eher fürs klassische Männerbild“, sagt er. Eine Standardschönheit mit Muckis sei er nicht. „Ich bin eher der Typ Lauch.“ Als André Pollmann, der Markenchef des Magazins, Fotos auf dem Instagram-Profil andreaportale_ des Stuttgarters gelikt hat, war für ihn das „ein Zeichen aus dem Universum“. Beworben hat er sich, um zu zeigen, dass viele Vorurteile über sexuelle Orientierung, die noch immer verbreitet sind, falsch sind. Schwule Männer seien „ganz normale Männer“, nicht alle seien extrovertiert und könnten sich drei Wochen lang von Prosecco ernähren.

Auf seine Sexualität will er sich nicht reduzieren lassen

Wenn er hört, was Frauen mitunter sagen, Homos seien hübscher als Heteros und würden mehr Wert auf Äußerliches legen, widerspricht er: „Stimmt nicht.“ Und die Frage, wer die Frau in einer Männerbeziehung sei, zeuge von Unkenntnis. Eine schwule Beziehung bestehe aus zwei Männern. Punktum.

Auf seine Sexualität will sich der 34-Jährige nicht reduzieren lassen. Das Leben ist mehr. Siehe da: Gentlemen sind keine Machos mehr. Und Diversität ist zum Zauberwort in der Wirtschaft geworden, weil Veränderung ganz oft Kreativität und innovativen Ideen hervorbringen kann.

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