Anastacia (Mitte) in Madrid bei der „Night of Cadena 100“ mit zwei Musikern der spanischen Band Auryn Foto: dpa

Sängerin Anastacia ist seit 16 Jahren erfolgreich zwischen Soul, Pop und Rock unterwegs. An diesem Freitag gastiert sie mit ihrer „Ultimate Collection Tour“ in der Liederhalle. Ein Gespräch über „männliche“ und „weibliche“ Songs, Internetmusik und Krisen.

Anastacia, auf Ihrem Album „It’s a man’s World“ von 2012 haben Sie Kompositionen von männlichen Songwritern wie Jimmy Page und Robert Plant, den Guns’N Roses-Jungs oder Bono gecovert. Könnten Sie sich ein solches Album auch mit Liedern aus weiblicher Feder vorstellen?
Ich bewundere Kolleginnen wie Tina Turner, Aretha Franklin, Annie Lennox oder Barbra Streisand – aber irgendwie käme ich mir blöd vor und fände es unangemessen, deren Lieder zu singen. Ich denke, das liegt vor allem an der Perspektive: Wenn ein Mann einen Song für oder über eine Frau schreibt, dann kann man dessen Haltung einnehmen und die Frau, um die es geht, ist eine dritte Person. Das ist leichter, als wenn man einen Song von einer Frau singt – dann befindet man sich ja meist in der Ich-Perspektive. Vielleicht kommt auch noch eine unterbewusste Konkurrenzsituation hinzu. Einzelne Songs zu covern wäre kein Problem, aber ein komplettes Album mit „weiblichen“ Liedern zu machen, würde mir schwer fallen.
Wie sehen Sie die aktuelle Musikergeneration? Es gibt viele Dancerockpop-Musikerinnen, die alle sehr ähnlich klingen, aber einzigartige Stimmen wie Amy Winehouse sind doch sehr selten.
Es gibt einen bestimmten Sound derzeit, und viele der jungen Popgirls klingen sehr ähnlich. Das Internet spielt dabei eine große Rolle. Es hat die Musikbranche stark verändert. Es ist der Ruhm, der im Internet zählt, aber nicht in erster Linie die Musik. Vieles, was dort passiert, ist nicht besonders nachhaltig ... Ich meine, wir erlauben es Leuten, berühmt zu werden, die nicht mal richtig singen können. Viele Internet-Acts können eine tolle, lippensynchrone Playback-Show abliefern, aber mit Musik machen hat das häufig nicht viel zu tun.
Genügt es heutzutage eigentlich noch, „nur“ Musikerin, Sängerin zu sein? Oder muss man auch unbedingt eine Star und eine Online-Persönlichkeit sein, die in den Klatschmedien und in der digitalen Welt präsent ist?
Unglücklicherweise ist das so. Und zugegeben: Es hilft ja auch, wenn man einen bestimmten Look hat, ein Image. Als ich anfing, trug ich auch meine Sonnenbrillen – allerdings für mich selbst und nicht, um damit aufzufallen oder erkannt zu werden. Ich hatte nie die Illusion, dass man mir wegen meiner Sonnenbrillen einen Plattenvertrag anbieten würde. Aber soziale Medien zum Beispiel sind heutzutage enorm wichtig, um einen direkten Draht zu seinem Publikum zu haben. Auch ich habe inzwischen meine eigene App. Da können meine Fans abstimmen, welche Songs sie in einem bestimmten Konzert gerne hören möchten – die drei beliebtesten davon spielen wir dann abends bei der Show. Es ist immer wieder eine Überraschung, für welche Songs die Leute sich entscheiden.
Nach Ihren Krebserkrankungen stehen Sie jetzt wieder im Fokus der Öffentlichkeit – wann wurden Sie denn zuletzt in einem Interview nicht nach Ihrer Brustkrebserkrankung gefragt?

Oh je ... es stimmt schon: Oft komme ich mir wirklich in erster Linie als eine Person vor, die eine Brustkrebserkrankung überlebt hat und erst dann als Sängerin, Musikerin. Und es ist ja auch ein Geschenk, Brustkrebs überlebt zu haben. Diese Position will ich nutzen, um Menschen Mut zu machen. Ich gehe damit offensiv um, spreche dieses Thema auch von selbst an. Krebs verändert das Leben nun mal grundlegend.

Entsteht wahre Kunst erst dann, wenn es einem schlecht geht? Muss man leiden, um Großes zu schaffen?
Nun ja, ich habe auch manchen Mist produziert in meiner Karriere. Ich weiß nicht, wie alles gekommen wäre, wenn mein Leben völlig sorgenfrei verlaufen wäre. Vielleicht wäre ich wie Taylor Swift geworden und hätte in jungen Jahren ausschließlich nette, fröhliche Musik gemacht. Sie hat übrigens einen Wandel hinter sich, den ich sehr respektiere, hat sich Zeit genommen, erwachsen zu werden und ihre Erfahrungen gemacht. Das hört man ihrer Musik an.
Stilistisch bewegen Sie sich zwischen Soul, Rock und zeitgenössischem Rhythm & Blues. Wollen Sie sich nicht festlegen oder hilft Ihnen das, musikalisch beweglich zu bleiben?
Ich bin weder eine reine Soulsängerin noch eine Rockmusikerin und habe mich immer für eine Fülle unterschiedlicher Stile interessiert. Ich habe daraus meinen eigenen Musikkosmos gemacht. Ich sage immer: Ich spiele Sprock – eine Mischung aus Soul, Pop und Rock.
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