Die Waldorfschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe ist die erste weltweit gewesen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Während der Pandemie war die Aufmerksamkeit für Masken- und Impf-Gegner an Waldorfschulen besonders groß. Hat sie das Vertrauen gekostet? Was Waldorf-Eltern und Schülerzahlen aus der Region Stuttgart verraten – und mit welchem langfristigen Problem Waldorf kämpft.

„Es war eine anstrengende Zeit“, sagt Birke Bähr. Den Unterricht im Analogland Deutschland ins Digitale verlegen, Maskenpflicht durchsetzen, Ansteckungen in kleinen Klassenzimmern verhindern – die Pandemie hat alle Schulen belastet. Als Teil der Geschäftsführung der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Baden-Württembergs stand Bähr aber vor speziellen Herausforderungen.

 

Waldorfschulen im Land suchten bei ihr Hilfe, wie sich gesetzliche Vorgaben auch in Schulfächern wie der Eurythmie, der anthroposophischen Bewegungskunst, umsetzen lassen. Und die Schulen klagten über Auseinandersetzungen mit einzelnen Eltern, die sich gegen Masken und andere Maßnahmen sperrten.

Waldorf wurde in Zusammenhang mit Querdenkern gestellt

„Mit solchen Eltern hatten auch öffentliche Schulen zu tun. Aber im freien Schulwesen tummeln sich wahrscheinlich mehr“, sagt Bähr. Groß war auch die öffentliche Aufmerksamkeit für Maßnahmengegner aus den Waldorf-Reihen. Immer wieder wurden in klassischen und sozialen Medien „Impfverweigerer“, „Maskengegner“ und „Querdenker“ in einen Zusammenhang mit Waldorf gestellt – ob es um Fälle ging, in denen Waldorf-Eltern gegen die Corona-Maßnahmen an Schulen protestierten oder sich Waldorf-Vertreter explizit von Impfgegnern distanzierten.

Aus der Region Stuttgart stand eine Göppinger Waldorfschule im Fokus, weil manche Eltern dort die Corona-Schutzmaßnahmen als „Verbrechen gegen die Menschheit “ betitelten und sich an Verschwörungstheorien orientierten. Die Schule kündigte ihnen. Auch über eine Waldorfschule in Backnang wurde berichtet, weil Eltern 28 Kinder per Attest von der Maskenpflicht befreien wollten – was die Schule mit Ausnahme von drei Fällen ablehnte.

Hat Waldorf bei Stuttgarter Eltern an Vertrauen verloren?

„Die Corona-Zeit hat dem generellen Ruf der Waldorfschulen sicherlich geschadet“, sagt der Erziehungswissenschaftler Professor Heiner Ullrich – auch wenn die Schulen selbst den Widerstand gegen Schutzmaßnahmen überwiegend bedauert hätten und jede Schule anders sei. Dabei geht es nicht nur um einen Imageschaden außerhalb der Waldorf-Gemeinschaft.

Zwar seien Impfverweigerer vermutlich unter den Eltern der Waldorfschulen gehäuft zu finden gewesen, ebenso habe es aber Waldorf-Eltern gegeben, die Verweigerer und Verharmloser unter ihnen kritisiert hätten, so Ullrich.

Hat Waldorf auch bei Stuttgarter Eltern an Vertrauen verloren?

Leichter Knick während Pandemiejahren sichtbar

Tatsächlich zeigt die amtliche Schulstatistik einen leichten Einbruch der Schülerzahlen während der Hochphase der Pandemie an den Waldorfschulen des Regierungsbezirks Stuttgart. Der Bezirk umfasst neben den Stuttgarter Waldorfschulen auch jene im Stadtkreis Heilbronn und in den Landkreisen Böblingen, Esslingen, Göppingen, Heidenheim, Heilbronn, Hohenlohekreis, Ludwigsburg, Main-Tauber-Kreis, Ostalbkreis, Rems-Murr-Kreis und Schwäbisch Hall.

So besuchten im Oktober 2019 noch 9 524 Schülerinnen und Schüler im Regierungsbezirk Stuttgart eine Waldorfschule. Nach knapp zwei Jahren Pandemie waren es im Oktober 2021 dann 269 Schüler weniger. Das entspricht einem Rückgang von etwa 2,8 Prozent.

Aber hat dieser Schülerschwund mit einem schlechten Image seit Corona zu tun, handelt es sich um eine zufällige Schwankung, oder liegt ein anderer Grund vor?

Waldorf-Zahlen sanken überdurchschnittlich stark

Einen Hinweis geben Schülerzahlen an anderen Schularten. Im Oktober 2021 besuchten laut amtlicher Schulstatistik auch insgesamt weniger Kinder und Jugendliche im Regierungsbezirk Stuttgart eine Schule (410 586) als im Oktober 2019 (411 820). Die Gesamtschülerzahl ist aber nur um 0,3 Prozent zurückgegangen. Das spiegelt sich im leichten Rückgang von Schülern an öffentlichen Schulen wider (-0,5 Prozent). An den Waldorfschulen ist die Schülerzahl während der Corona-Jahre also überdurchschnittlich stark gesunken.

Auffällig ist, dass sich die Waldorf-Zahlen in der Pandemie gegenläufig zu den Schülerzahlen an anderen privaten Schulen entwickelten. Insgesamt konnten die Privatschulen im Regierungsbezirk nämlich zulegen: Im Oktober 2021 waren dort 991 Schüler mehr registriert als noch zwei Jahre zuvor. Das ist ein Plus von gut drei Prozent.

Stuttgarter Schule: Klassen nicht voll bekommen

„Es gab zwei Klassen unmittelbar in der Corona-Zeit, in denen wir die Klassengröße von 30 Kindern nicht ganz voll machen konnten“, sagt Sebastian Stroh vom Vorstand der Stuttgarter Waldorfschule am Kräherwald. Ansonsten hätten sich die Zahlen an der Schule zuletzt aber wenig verändert. Vielleicht, sagt Stroh, hätten sich bei diesen zwei Klassen damals Zeitungsberichte und Querdenker-Ruf ausgewirkt. „Daraus ist aber kein Trend erwachsen. Aktuell merken wir nichts mehr“, so Stroh.

Im gesamten Regierungsbezirk hatten sich bereits zum Start des Schuljahrs 2022/23 die Zahlen der Waldorfschulen leicht erholt , wenn sie auch immer noch niedriger waren als vor der Pandemie. Von einem temporären „Corona-Knick“ will man an Stuttgarts größter Waldorfschule nichts wissen. „Die Anmeldungen an unserer Schule schwanken immer“ schreibt Christoph Kühl von der Waldorfschule Uhlandshöhe. Ein Zusammenhang mit Corona oder negativer Berichterstattung ließe sich nicht feststellen. „Bei uns sind die Anmeldezahlen für die erste Klasse seit Jahren stabil“, sagt auch Svenja Zeuch, Geschäftsführerin der Stuttgarter Waldorfschule Silberwald.

Unterschiede zwischen Primar- und Oberstufe

Dass stabile Anmeldezahlen in den ersten Klassen nicht unbedingt in einem Widerspruch zu einem möglichen Corona-Knick stehen, zeigen die Zahlen des Stuttgarter Regierungspräsidiums, die nach Grundschul- und weiterführenden Klassen aufschlüsseln. Demnach ist der Knick in den Pandemiejahren bei den Waldorfschulen in den Klassen fünf bis zwölf deutlich größer als in den Klassen eins bis vier: Während sich die Klassen eins bis vier zwischen Oktober 2019 und Oktober 2021 um etwa 1,4 Prozent verkleinerten, schrumpften die Klassen fünf bis zwölf um 7,4 Prozent.*

Das könnte darauf hindeuten, dass langjährige Waldorfeltern ihre Kinder während der Pandemie angesichts der Debatte um Waldorf vermehrt von den Schulen genommen haben. Dem widerspricht Birke Bähr von der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen Baden-Württembergs: „Wir haben immer wieder danach gefragt, aber es gab keine Rückmeldungen, dass Eltern wegen Corona-Maßnahmen oder schlechter Öffentlichkeit für Waldorf abgesprungen sind.“ Umgekehrt habe es Fälle gegeben, in denen sich „Waldorfschulen von einzelnen Elternhäusern getrennt haben“, weil die sich nicht an die Regeln halten wollten, so Bähr.

Mutter: Spannungen zwischen Waldorf-Eltern während Pandemie

Einzelne Eltern, die ihren Widerstand gegen gesetzliche Corona-Maßnahmen demonstrativ zur Schau stellten, hat auch Elena Haber (Name geändert) beobachtet. Habers Kinder besuchen eine Stuttgarter Waldorfschule. Solche Querulanten hätten ihrer Meinung nach dem Ruf aller Schulen geschadet: „Man hat sich bei neuen Leuten kaum noch getraut zu sagen, dass die Kinder auf die Waldorfschule gehen.“ Gespalten hat Haber die Elternschaft an der Schule wahrgenommen: „Es gab, glaube ich, immer wieder Spannungen zwischen den Eltern.“

Dabei sei die Schule ihrer Meinung nach gut mit der Situation umgegangen: „Das war natürlich ein krasser Aufwand, auch für die Eltern. Aber die Schule hat versucht, alle Regeln einzuhalten.“ Trotzdem habe sie mögliche Anzeichen für einen Schülermangel beobachtet. „In der Zeit sind über die Schulpost und an den Elternabenden Flyer verteilt worden, die wir Eltern weitergeben sollten. Vermutlich, weil die Zahlen zurückgehen.“

Den Gedanken, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, hatte Haber selbst nie. „Wir haben für unsere Kinder tolle Klassenlehrerinnen und sie fühlen sich so wohl, dass ich stolz bin, dass sie auf der Waldorfschule sind. Ich habe auch nicht mitbekommen, dass jemand anderes sich in Zusammenhang mit Corona abgemeldet oder gar nicht erst angemeldet hat.“

Professor zweifelt an Effekt des „Schwurbler-Rufs“

Dass der leichte Schülerschwund während der Pandemie nichts mit einer Verbindung zwischen Waldorf und Querdenkertum zu tun hat, glaubt Erziehungswissenschaftler Professor Jost Schieren von der privaten Alanus Hochschule bei Bonn, an der auch Waldorfpädagogik studiert werden kann: „Läge es wirklich am Schwurbler-Ruf, hätten auch die Anmeldezahlen in der Primarstufe der Waldorfschule bereits kippen müssen.“

Die älteren Schüler, die während Corona vermehrt die Waldorfschulen verließen, könnten vielmehr Ausdruck eines langjährigen Trends sein, vermutet Schieren: „Die Oberstufe von Waldorfschulen hat weltweit und nicht erst seit Corona ein Problem.“ In den Kindergärten und Grundschulklassen seien die Schulen gefragt. „Sobald es Richtung Abschlüsse geht, entsteht bei vielen Eltern Sorge, ob die Waldorfschule ihre Kinder für den weiteren Karriereweg gut vorbereitet, auch wenn die Abiturergebnisse an Waldorfschulen durchweg überdurchschnittlich sind.“

Hinzu kämen geringere Wahlmöglichkeiten an den kleinen Oberstufenzweigen der Waldorfschulen, ein oft noch schlechterer Stand in Sachen Digitalisierung und schärferer Lehrermangel als bereits an den öffentlichen Schulen. All das könne Waldorfeltern besorgen – die selbst überdurchschnittlich hoch gebildet seien.

Manche Waldorfschüler wechselten deshalb nach der Grundschulzeit, wie Schieren sagt – ob das nun eine öffentliche oder private Schule mit Regelsystem bedeute.

Waldorf-Oberstufe schrumpft in Stuttgart seit Jahren

Auch die Waldorfschulen rund um Stuttgart leiden nicht erst seit Corona an sinkenden Zahlen. In der amtlichen Schulstatistik werden die Schüler an Waldorfschulen im Bezirk Stuttgart bereits seit 2011 immer weniger. Zwar hat auch die Schülerzahl insgesamt seitdem abgenommen, aber weniger stark als an den Waldorfschulen. In der Aufschlüsselung des Regierungspräsidiums zeigt sich auch im langfristigen Trend, dass es vor allem die weiterführenden Waldorfklassen sind, die Einbußen verzeichnen.

In den Coronajahren sind die Rückgänge an den Waldorfschulen im Regierungsbezirk aber stärker als sonst. Während der Pandemie habe es „eine große Verunsicherung über Lernen und Lernerfolge“ bei allen Eltern gegeben, so Schieren. „Ich kann nur vermuten. Aber vielleicht haben in dieser Zeit Sicherheitsbedürfnisse stärker gegriffen, sodass mehr Waldorf-Eltern als ohnehin ihre Kinder in der Oberstufe ins Regelschulsystem wechseln ließen.“

* Die Abweichung in den Schülerzahlen zwischen der amtlichen Schulstatistik und der des Regierungspräsidiums – die Zahlen des Regierungspräsidiums zeigen einen deutlicheren Knick während der Corona-Jahre – könnte laut Präsidium auf unterschiedliche Erfassungszeitpunkte oder Verzögerungen in der Übermittlung von Zahlen durch die Schulen zurückzuführen sein. Zwischenzeitliche Umzüge, Ummeldungen aus einer anderen Schulart und ähnliche Gründe könnten sich damit auswirken.