Aus einem Gewerbegebiet in Münchingen werden Amazon-Pakete unter Weihnachtsbäume in Stuttgart und den Kreis Ludwigsburg verschickt. Ein Blick hinter die Kulissen.
Als Yasin Gökmen seinen Freunden und Familie von seinem neuen Job bei Amazon berichtete, waren die erst einmal geschockt. „Die dachten, dass die Arbeitsbedingungen bei Amazon total schlecht sind“, sagt Gökmen und winkt ab. Mittlerweile arbeitet er seit drei Monaten im Verteilzentrum in Korntal-Münchingen und ist begeistert. Im Vergleich zu seinen vergangenen Tätigkeiten als Maler und Lackierer und in der Produktion eines Autobauers sei sein Amazon-Job deutlich freier und weniger durchgetaktet. „Hier kann man mal durchatmen und aufs Klo gehen, ohne Sorge zu haben, dass dann gleich die ganze Produktion stillsteht.“
Von einem unscheinbaren Trakt in einem Gewerbegebiet Korntal-Münchingen werden in den nächsten Wochen Tausende Amazon-Pakete unter Christbäume in den Stuttgarter Norden und den Kreis Ludwigsburg geschickt. Ein Rundgang am frühen Morgen zeigt, dass der Anstieg an Paketen kein Plus an Stress bedeuten muss – und dass zumindest einigen Vorurteilen gegen den Branchenriesen etwas Stereotypes anhaftet.
Das System „Verteilzentrum“
Um 2 Uhr am Morgen beginnt im Verteilzentrum „DBW3“ die Arbeit. Rund 40 Mitarbeiter stehen an einer 50 Meter langen Rollenbahn, auf der Hunderte Pakete entlanggleiten. Auf Bildschirmen flimmern motivierende Sätze wie „Liebe Nachtschicht, danke für eure tolle Arbeit“, und aus Lautsprechern schallt Pop-Musik, die sich die Angestellten gewünscht haben.
„Eigentlich ist es simpel, die Pakete kommen rein und gehen am Ende wieder raus“, erklärt der Standortleiter Manuel Bschaden das Verteilzentrum. Jeden Tag kommen in Münchingen sieben bis 15 Sattelschlepper aus einem der Amazon-Logistikzentren im Südwesten an. Diese Umschlagplätze sind die Herzkammern des Händlers. 20 davon gibt es in Deutschland, jedes hat im Schnitt eine Fläche von sechs Fußballfeldern.
Die Verteilzentren wie das in Münchingen sind deutlich kleiner. Hier werden die Pakete entladen, etikettiert und entlang der Rollenbahn in sogenannte Versandtaschen gepackt. Die Taschen werde so zusammengestellt und für „die letzte Meile“ auf die Transporter verladen, dass die Zusteller möglichst schnelle Route fahren können und nicht bei jeder Adresse nach dem passenden Paket suchen müssen.
Yasin Gökmen mag die Rollenbahn und verteilt gerne die Pakete in die Taschen. Da sei man für sich, und könne in Ruhe arbeiten. „Es ist ein bisschen wie Tetris spielen.“ Mit geübtem Auge nimmt er die passenden Pakete von der Rollenbahn und in seinen Bereich auf. Mit dem Scanner an seinem Finger zielt er auf das Etikett des Pakets und schon leuchtet die passende Tasche in seinem Arbeitsbereich auf. Das System zeigt also automatisch, welches Päckchen in welche Tasche muss. Das spart Zeit und Laufwege.
Amazon ist der größte und mächtigste Onlinehändler Deutschlands, der seinen Kunden sogar ein Lieferversprechen gibt. Ein unheimlicher Druck, oder? „Wir kennen alle Vorurteile“, sagt Amazon-Sprecher Oliver Kentschke. Er könne nachvollziehen, dass manch einer denkt, die Arbeit bei Amazon müsse purer Stress sein – doch das stimme nicht. „Klar, wir versuchen ständig unsere Effizienz zu steigern und sind zahlengetrieben, aber nicht auf Kosten der Mitarbeiter.“
Effizienz werde nicht in Tempo gedacht, sondern in Abläufen, sagt Standortleiter Manuel Bschaden. Die Prozesse seien so ausgefeilt, dass selbst zur Weihnachtszeit keiner hetzen oder die Pause streichen müsse. „Alles läuft ineinander über wie im Ballett. Wir bezeichnen das als Flow“, sagt Bschaden.
20 Prozent über Leiharbeitsfirmen angestellt
Auch das Verteilzentrum Münchingen scheint im Flow, die Mitarbeiter haben Zeit, die eigene Arbeit zu kontrollieren und ab und zu mit ihren Kollegen zu quatschen. 14 Euro verdienen Amazon-Logistiker ohne Qualifikation pro Stunde beim Einstieg. 80 Prozent der Belegschaft sind fest bei Amazon angestellt, 20 über Leiharbeitsfirmen. „Die haben aber eine garantierte Stundenzahl“, schiebt Bschaden flugs hinterher.
Variabel eingesetzte Arbeitskräfte, denen auch mal am Abend für den kommenden Arbeitstag abgesagt wird, gebe es bei Amazon mittlerweile nicht mehr. „Wir wollen eine starke Stammbelegschaft“, sagt der Bschaden – sonst sei der Flow in Gefahr, von dem bei Amazon so viel abhänge.
Um 9 Uhr bricht die Musik aus den Lautsprechern plötzlich ab, die Nachtschicht hat Feierabend. Am Vormittag wird die Frühschicht erst die Transporter beladen, dann geht es wieder an die Rollenbahn. „Das Arbeitstempo ist voll in Ordnung, selbst jetzt vor Weihnachten“, sagt Gökmen noch. Für ihn ist klar, dass er bei Amazon bleiben will.
Verdi kritisiert Arbeitsbedingungen bei Amazon-Subunternehmen
Kritik der Gewerkschaft
Die hiesige Gewerkschaft Verdi hat aktuell keine Erkenntnisse über schlechte Arbeitsbedingungen in Verteilzentren. Kritisch sei die Lage bei den Zustellern, sagt Verdi-Bereichsleiterin Beata Phangthong. Amazon arbeite bei der Zustellung mit Subunternehmen zusammen, von denen einigen „mafiöse Strukturen“ hätten. Es komme vor, dass Fahrer nur acht Stunden bezahlt bekommen, obwohl sie deutlich länger arbeiten. Zudem müssen sich laut Verdi einige Zusteller an der Versicherung der Transporter beteiligen. Einige wenige Arbeiter hätten zudem gemeldet, dass Krankheitstage nicht bezahlt worden wären. Auch wenn sich Amazon von unseriösen Subunternehmer distanziere, finde immer noch eine starke Ausbeutung der Arbeitskräfte statt, sagt Phangthong. Eine Direkteinstellung bei Amazon würden die Situation der ZustellerInnen deutlich verbessern.
Antwort von Amazon
Amazon-Sprecher Oliver Kentschke kontert die Kritik an der Zustellung. Aktuell wolle Amazon am System mit den Subunternehmern festhalten, die größtenteils lokale und zuverlässige Partner seien. Amazon prüfe regelmäßig, ob die vereinbarten Vorgaben wie der Mindestlohn, Sozialleistungen und Arbeitszeiten eingehalten werden. Über eine Fahrer-Hotline können sich die Zusteller zudem direkt an Amazon wenden. „Wenn es schwarze Schafe gibt, lösen wir Verträge auch auf.“