Japans Wirtschaft ist seit zwei Jahrzehnten nicht gewachsen. In diesem Jahr wird sie voraussichtlich von Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt abgelöst. Trotzdem dient die Entwicklung des ostasiatischen Landes nicht nur als Mahnmal für alternde Gesellschaften.
Die Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) ist unlängst in Japan eingeschlagen wie ein Blitz. „Japans Wirtschaft wird auf Platz vier der Welt zurückfallen“, titelte die Tageszeitung Asahi Shimbun. „Japans Bruttoinlandsprodukt wird 2023 von Deutschland überholt“, ergänzte das Wirtschaftsblatt Nikkei. Und die Nachrichtenagentur Kyodo schrieb: „Zwischen 2026 und 2028 wird Japan wohl nur noch die fünftgrößte Volkswirtschaft sein.“ Auch Indien werde das ostasiatische Land dann überholt haben. Der Tenor: Die Zeiten, als Japans Wirtschaft die Welt eroberte, sind vorbei, kommen nicht zurück.
Dabei ist die Schätzung, die der IWF kürzlich vorgelegt hat, nicht nur für Japan relevant. Denn es geht um mehr als darum, dass die drittgrößte Volkswirtschaft hinter den USA und China fortan Deutschland sein wird. Japan dient nämlich als Blick in die Zukunft für alle Länder, in denen früher oder später ein Prozess einsetzt, der in dem ostasiatischen Land schon vor Jahrzehnten begonnen hat: die demografische Alterung, bedingt durch eine steigende Lebenserwartung, niedrige Kindersterblichkeit und eine Geburtenrate unterhalb des Reproduktionsniveaus.
Seit fast 25 Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt nicht gewachsen
Während dies Merkmale steigenden Wohlstands sind, halten sie neue Herausforderungen bereit. Wo eine Bevölkerung nicht nur altert, sondern bis auf Weiteres auch schrumpft, nimmt die Zahl von Produzentinnen und Konsumenten ab, was künftiges Wirtschaftswachstum tendenziell schwieriger macht. Dies ist der treibende Grund, warum Japans Volkswirtschaft in absoluten Zahlen schon länger zurückfällt. 2022 betrug die Summe der produzierten Güter und Dienstleistungen umgerechnet 4,23 Billionen US-Dollar. 1999 waren es noch 4,64 Billionen.
Seit fast einem Vierteljahrhundert ist Japans Bruttoinlandsprodukt (Bip) – trotz teils deutlicher Schwankungen innerhalb dieses Zeitraums – also nicht gewachsen. Dagegen hat sich die Volkswirtschaft Deutschlands, die nun den dritten Platz der größten Wirtschaftsmächte des Planeten einnehmen wird, vergrößert: Von 2,19 Billionen US-Dollar im Jahr 1999 stieg sie bis 2022 auf 4,07 Billionen auf, ehe sie jene Japans im Jahr 2023 wohl überholen wird.
Japans Bevölkerung schrumpft, Deutschlands Bevölkerung wächst
Ein wichtiger Grund für diese Ablöse ist dabei der derzeit schwache Yen, da Japans Zentralbank im Unterschied zu anderen Notenbanken zuletzt keine Leitzinserhöhungen beschlossen hat. Durch Japans lockere Geldpolitik hat der Yen über die vergangenen zehn Jahre rund die Hälfte seines Werts gegenüber Euro und US-Dollar verloren. Seit Russlands neuerlicher Invasion in der Ukraine im Februar 2022 fiel der Yen wegen ausbleibender Zinsanpassungen in Japan noch einmal deutlich. Zudem ist Japan, anders als etwa Deutschland, nicht Teil einer Wirtschaftszone wie der EU. Das macht den Außenhandel kostenintensiver.
Aber als entscheidenden Langzeittrend erwähnen Ökonomen immer wieder die demografische Entwicklung: Japans Bevölkerung schrumpft seit 2011, als es mit gut 128 Millionen seinen Höchststand erreichte – heute sind es noch gut 124 Millionen. Deutschland ist im selben Zeitraum um gut vier Millionen auf 84,4 Millionen gewachsen. Seit Ende der 1990er Jahre schrumpft zudem Japans Arbeitsbevölkerung.
Aufhalten ließe sich das demografische Altern und Schrumpfen durch massive Einwanderung sowie eine aktivierende Arbeitsmarktpolitik. In beidem bemüht sich Japans Regierung seit einiger Zeit, allerdings in kleinen Schritten: Mitte des vergangenen Jahrzehnts trat der damalige Premierminister Shinzo Abe eine Maßnahme los, um die Erwerbstätigkeit von Frauen zu erhöhen, die aber hinter den Möglichkeiten zurückbleibt. Denn noch immer werden Frauen gerade dann diskriminiert, wenn es um Familienplanung geht. Dies ist auch ein Hindernis für ein Steigern der Geburtenrate.
Hohe Hürden für Einwanderer
Ähnlich sieht es bei der Migrationspolitik aus, wo Japan bisher vor allem durch hohe Hürden aufgefallen ist. Obwohl das Land akut unter Arbeitskräftemangel leidet, erteilte es auch qualifizierten Personen aus dem Ausland bisher meist nur Zeitverträge zu schlechten Bedingungen. So hat sich der Anteil der Bevölkerung mit einem ausländischen Pass seit 2000 zwar annähernd verdoppelt, beträgt aber weiterhin nur 2,2 Prozent. In Deutschland liegt dieser Wert bei gut 14 Prozent. Japan will seit kurzem aktiver für ausländische Hochqualifizierte werben. Ob dies gelingt, muss sich noch zeigen.
So gilt kann Japan für andere Länder, in denen sich ähnliche demografische Trends abzeichnen, zwar meist als mahnendes Beispiel: Denn wo es nicht gelingt, die Gesamt- und Arbeitsbevölkerung in halbwegs konstanter Größe zu halten, wird eine Volkswirtschaft insgesamt kaum weiterhin wachsen. Dennoch sieht Japan – je nach Perspektive – nicht wie ein Land aus, das von allen anderen überholt wird. Vergleicht man etwa die Entwicklung des Bip über die vergangenen Jahre im Verhältnis zur Größe der Arbeitsbevölkerung, steht das Land ähnlich da wie andere reiche Volkswirtschaften.
In Japan arbeiten die Menschen bis weit über den Rentenantritt hinaus
In Sachen Bip pro Kopf und je Arbeitsstunde bleibt Japan auf dem gleichen Niveau wie die übrigen G-7-Staaten. Dass eine alternde Gesellschaft mit schrumpfender Arbeitsbevölkerung also automatisch an Dynamik und Potenzial verliert, wird zwar oft vermutet, zeigt sich im Pionierland der demografischen Alterung aber nicht.
Je größer der Rentneranteil ist, desto teurer wird der Lebensabend der Älteren für den jüngeren Rest der Bevölkerung. In dieser Sache dient Japan aber auch als Vorbild: Im Schnitt arbeiten die Menschen in Japan noch fünf bis sieben Jahre über den offiziellen Rentenantritt hinaus. Kaum irgendwo bleiben die Menschen im Schnitt so lange erwerbsmäßig aktiv, wodurch ein Großteil des Wohlstands im Land erhalten wird. Wobei ein etwas früherer Ruhestand wohl möglich wäre – wenn sich das Land mit etwas mehr Immigration anfreunden könnte.