Der Westflügel reicht bis zu dem Zwischenbau mit der großen Fensterfront. Dieser Teil wird abgerissen. Foto: Alexandra Kratz

Die Stuttgarter Evangelische Gesellschaft (Eva) will den Westflügel des Wichernhauses in Kaltental abreißen lassen und dort einen Neubau errichten.

Kaltental - Das Wichernhaus an der Freudenstädter Straße ist ein besonderes Pflegeheim. Dort finden pflegebedürftige Menschen ein Zuhause, die arm, sozial isoliert, zum Teil verwahrlost oder chronisch suchtkrank sind. 1978 wurde das Haus eröffnet. Mittlerweile ist es in die Jahre gekommen. Doppelzimmer und Gemeinschaftsbäder in einem Pflegeheim sind nicht mehr zeitgemäß. Das zeigt sich zum einem im Alltag, steht zum anderen aber auch in der Landesheim-Bauverordnung. Darum will und muss die Evangelische Gesellschaft (Eva) handeln. Der Westflügel des Wichernhauses an der Freudenstädter Straße in Kaltental wird abgerissen, ein Neubau soll entstehen.

Es gehe aber nicht nur um die Landesheim-Bauverordnung, sagt Gerhard Schröder. Er ist der Leiter der Dienste für ältere Menschen bei der Eva und ergänzt: „Uns geht es vor allem darum, dass sich unsere Bewohner wohlfühlen und darum, dass unsere Mitarbeiter akzeptable Arbeitsbedingungen vorfinden.“ Gemeint ist damit zum Beispiel, dass der Westflügel nicht barrierefrei ist. Die Pflegekräfte müssen Rollstühle immer wieder über kleinere Schwellen hieven. Und auch für die Bewohner stellen diese gefährliche Stolperfallen dar.

Künftig gibt es im Wichernhaus nur noch Einzelzimmer

Natürlich habe die Eva auch erwogen, den Gebäudetrakt zu sanieren, sagt Schröder. Doch verschiedene Argumente sprechen dagegen. So sei beispielsweise die Gebäudehülle in die Jahre gekommen. Und im Inneren seien die Zuschnitte der Zimmer so schlecht, dass sich kaum was machen lasse.

Künftig gibt es im Wichernhaus nur noch Einzelzimmer, und maximal zwei Bewohner teilen sich ein Bad. Zudem sollen den Menschen im Wichernhaus mehr Aufenthaltsflächen beziehungsweise Gemeinschaftsräume zur Verfügung stehen. Die Zahl der Heimplätze erhöht sich aber nicht. Parallel zum Neubau des Westflügels möchte die Eva auch den Speisesaal vergrößern. Zwar wurde dieser bereits vor ein paar Jahren erweitert, allerdings nur minimal. Die Fläche reicht nicht, denn mittlerweile sind viele der Bewohner auf einen Rollator angewiesen oder sie sitzen im Rollstuhl. Und diese brauchen Platz.

Einfach wird der Bauablauf nicht. Schließlich ist der Westflügel direkt mit dem Haupthaus verbunden. Heike Schmid-Mühlig schaut dennoch optimistisch in die Zukunft. Die Leiterin des Sozialdienstes sagt: „Es wird sicher Lärm und Dreck geben. Aber das bekommen wir schon hin.“ Schmerzlich sei allerdings, dass mit dem Neubau der Garten kleiner werde. Ob es den liebevoll angelegten Teich künftig noch geben werde, sei fraglich.

Nach einem Jahr soll der Neubau fertig sein

Bis die Abrissbagger anrollen, wird aber noch einige Zeit vergehen. Zunächst müssen die Pläne mit verschiedenen Stellen abgestimmt werden wie zum Beispiel mit dem Kommunalverband Jugend und Soziales, der die Wirtschaftlichkeit prüft. Dann braucht die Eva eine Baugenehmigung, bevor sie die Arbeiten ausschrieben darf. „Wir rechnen damit, dass wir im Frühjahr 2017 zum Spatenstich einladen können“, sagt Schröder. Nach einem Jahr soll der Neubau dann fertig sein. Ob während der Bauzeit ein Interimsbau aufgestellt werden muss oder ob die Zahl der Plätze im Wichernhaus vorübergehend reduziert wird, steht noch nicht fest.

Die Eva schätzt die Kosten für den Abriss und den Neubau auf 3,262 Millionen Euro. Die Willy-Körner-Stiftung hat eine finanzielle Unterstützung zugesagt. Außerdem gibt es einen Investitionszuschuss vom Deutschen Hilfswerk. Den Rest muss die Eva selbst finanzieren.

Gerhard Schröder ist sich sicher, dass sich der Aufwand lohnt. Weitere Bauprojekte seien aktuell nicht geplant. „Aber wir müssen schauen, was die Zukunft bringt. Vielleicht sieht die Heimaufsicht noch den einen oder anderen Anpassungsbedarf.“ Viel drängender sei das Personalproblem. „Wir suchen Pflegefachkräfte“, sagt Schröder und ergänzt: „Weil die Bewohner des Wichernhauses ein wenig anders sind, müssten auch die Mitarbeiter ein wenig anders sein.“ Schmid-Mühlig bringt die Sache auf den Punkt: „Wer bei uns arbeitet, darf keine Vorurteile und keine Berührungsängste haben. Und weil man bei uns mit allerlei konfrontiert wird, sollte man selbst eine stabile Persönlichkeit mitbringen.“

Die Leiterin des Sozialdienstes sucht außerdem ehrenamtliche Helfer, die bereit sind, den Menschen im Wichernhaus Zeit zu schenken. „Es geht um den Besuchsdienst, um Hilfe bei Veranstaltungen oder darum, die Pflegebedürftigen bei Ausflügen zu begleiten“, erklärt Schmid-Mühlig.

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