Alte Ansichtskarten aus Stuttgart Schöne Grüße von früher

Von Uwe Bogen 

Alte Grußkarten verraten, auf was die Stuttgarter einstmals stolz waren. Wibke Wieczorek sammelt Raritäten – die schönsten Seiten der Stadt seit 1900. Für das Stuttgart-Album hat sie ihre Schatzkiste geöffnet. Schöne Grüße von früher.

Stuttgart - Die Autostadt lässt grüßen. Auf der Karte von 1964 ist das Stuttgarter Wappentier an der unteren Bildseite abgebildet – das Rössle. Doch in diese Zeit, so wird bei dieser Stadtansicht sofort klar, gehört ein Heilix Blechle auf vier Rädern in das Stadtwappen. Denn das Auto regiert die City.

Vor dem Bahnhof gibt’s viele Parkplätze und wenige Bäume – sogar zwischen den vier Fahrstreifen der Heilbronner Straße parken die Käfer. An Radfahrer hat keiner gedacht. Man sieht auch so gut wie keine Fußgänger.

Auf der Facebook-Seite des Stuttgart-Album hat der „Gruß aus Stuttgart“ von 1964 in kurzer Zeit für 15 000 Besuche und Dutzende von Kommentaren gesorgt. Freunde des alten Bahnhofs geraten ins Schwärmen. Der Historiker Harald Schuhkraft ist beim Anblick des Nordflügels „fassungslos“, wie er schreibt, über „die Verstümmelung, die man dem Bauwerk angetan hat“. Ein anderer Kommentator rühmt die „traumhaften Autos“, die auf der alten Karte entdeckt.

Bis 1905 gehörte die Kartenrückseite allein der Adresse

Grußkarten sind Zeugnisse ihrer Zeit. Seit ihrer Kindheit sammelt die Erzieherin Wibke Wieczorek. Allein aus Stuttgart besitzt die 52-Jährige mittlerweile 2600 Karten – etwa 400 sind doppelt. Die älteste Grußkarte von 1901 glänzt mit einer Goldprägung. Damals war es üblich, dass man die Karte auf der Bildseite beschrieben hat. Bis 1905 gehörte die Rückseite allein der Adresse. Dann wurde in Deutschland die hintere Seite einer Karte geteilt, wobei die linke Seite fortan Mitteilungen vorbehalten war und man vorne auf die Bildseite nichts mehr schrieb.

Beliebtes Motiv seit den Anfängen des Postkartedrucks war die Kessellage der zu lobenden Stadt, ob von der Karlshöhe aus betrachtet im Jahr 1902 oder „Stuttgart bei Nacht“ vom Jahr 1955. Gern wurden Bauwerke gezeigt, auf die die Menschen damals stolz waren (oder auch noch heute sind): etwa der Tagblattturm, der Bahnhofsturm und das alte Rathaus.

Der Fernsehturm war noch frei zugänglich, der Hauptbahnhof nicht flügellahm und auf der Königstraße herrschte reger Strampe-Verkehr. Die Facebook-Besucher des Stuttgart-Albums besprechen, wie echt einige Grußkarten sind. Michael Groß hält „gefälscht“ für das „falsche Wort“: Seinerzeit sei viel „geschönt“ und „retuschiert“ worden, damit die Stadtansichten noch besser aussehen. Die Postkartenserie, lobt er, gewähre „Einblicke in Epochen, die viel Altersgruppen wie ich nicht hatten“.

Stuttgarts Vergangenheit grüßt die Welt.

Weitere Fotos unter www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Silberburg-Verlag gibt’s zwei Bücher zu unserer Serie „Stuttgart-Album“.

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