Die Landwirtin Lena Eckert-Henne hat die Kuh Wally extra fürs Foto herausgeputzt. Wally gilt unter Kuhexperten als Schönheit. Foto: Stefanie Schlecht

Das Bauernpaar Henne hat mit einer seiner Kühe am bundesweiten Zuchtwettbewerb German Dairy Show teilgenommen. Auch wenn es vordergründig um Schönheitskriterien geht, steckt mehr dahinter.

Im Stall der Bauernfamilie Henne stehen 62 Kühe. Sie kauen im immer gleichen Rhythmus ihr Futter, eine lässt sich von der Kratzbürste den Kopf massieren, eine leckt am Geländer, eine andere schleckt der Nachbarskuh ausgiebig den Hals. Für den ungeübten Betrachter sehen alle gleich aus: braun-weiß gefleckt, große Segelohren, dicke Bäuche.

 

Und doch sticht eine Kuh heraus. Wally ist blitzeblank, ohne die üblichen Fladenspritzer an Hintern und Beinen, und sie hat das sonst buschige Fell am Hinterkopf sowie den gesamten Körper mitsamt Euter und Schwanz kurz rasiert. Gut sieht sie aus. Bauer Jürgen Henne nimmt sie am Strick und führt sie für ein Foto aus dem Stall heraus. Die anderen „Mädels“, wie Henne seine Kuhdamen nennt, versammeln sich am Zaun und gucken, was da passiert.

Die Jungkuh tritt in der Kategorie „Fleckvieh“ an

Wally ist die Schönste von ihnen. Sie wurde vom bayerischen Zuchtverband Wertingen, dem die Bauernfamilie Henne angehört, ausgewählt, um im Juni im hessischen Alsfeld an der German Dairy Show teilzunehmen, einem bundesweiten Wettbewerb von Kühen aller deutschen Milch- und Zweinutzungsrassen. Die knapp drei Jahre alte Jungkuh aus Altdorf trat in der jüngsten Altersgruppe der Rasse „Fleckvieh“ an. Im Wettstreit mit ihren acht Konkurrentinnen hat sie den letzten Platz belegt, doch es sei knapp gewesen, sagt Henne und fügt hinzu: „Dass wir da rauffahren durften, war schon ein Gewinn.“ Denn nur wenige Kühe genügten den Kriterien, um antreten zu dürfen.

Übungseinheiten auf der Weide wie bei Laufsteg-Models

An regionalen Schauen haben Lena Eckert-Henne und Jürgen Henne schon früher teilgenommen, nun war es zum ersten Mal ein Bundeswettbewerb. „Wir haben extra auf der Wiese und dem Reitplatz geübt, damit sich Wally am Halfter führen lässt“, sagt Lena Eckert-Henne, die Agrarwirtschaft studiert hat. Wie bei Laufstegmodels hätte sie mit Wally geübt: Kopf hoch, mehr Ausdruck. Auch Musik und lautes Klatschen hätten sie imitiert, um Wally zu wappnen. Im Wettbewerb lief es dann prima: „Ich habe geschwitzt, aber sie war sehr cool.“ Was nicht selbstverständlich ist, eine Mitkonkurrentin beispielsweise ist nicht angetreten, weil sie partout nicht laufen wollte.

Schönheit, Gesundheit und ein hohes Alter gehen Hand in Hand

Bei der Schau guckte sich der Richter an, wie die Beckenneigung der Kühe ist, ob die Beine steil oder leicht angewinkelt sind, ob sie eine X- oder O-Stellung haben, wie Rumpf und Rücken aussehen, wie die Muskeln sind, wie das Euter geformt und wie es am Übergang zum Bauch aufgehängt ist, wie dick und wie lang die Striche (so heißen in der Fachsprache die Zitzen) sind, ob sie nach außen stehen und gleichmäßig platziert sind. „Das sind Nuancen“, sagt Jürgen Henne.

Doch warum tut man einer Kuh so eine Reise an? Es sei ein komfortabler Hänger gewesen, betont Eckert-Henne. „Und es war eine Bestätigung, dass wir mit unserer Zucht auf einem guten Weg sind.“ Denn auch wenn es bei der Tierschau vordergründig um Schönheit gehe, stecke mehr dahinter. Jedes äußerliche Merkmal hänge mit der Gesundheit der Kuh zusammen.

„Schönheit geht mit Milch einher“, erklärt Lena Eckert-Henne. Je nach dem, wie ein Euter beschaffen ist, ist auch die Milchleistung der Kuh. Genauso beim Rumpf: Je nach Form kann die Kuh mehr oder weniger fressen, wovon auch wieder abhängt, wie viel Milch sie geben kann. Und auch die Beinstellung ist mehr als ein Schönheitsmerkmal. „Wenn das Fahrgestell nicht mehr passt, frisst die Kuh weniger und gibt keine Milch mehr“, sagt Jürgen Henne. „Wenn du eine alte Kuh haben willst, brauchst du die richtige Beinstellung.“

Und genau darum geht es dem Bauernpaar: „Wir möchten, dass unsere Kühe gesund sind und alt werden.“ Auch wirtschaftliche Gründe spielen mit hinein: Es ist günstiger, von einer alten Kuh noch viel Milch zu bekommen, statt eine junge großzuziehen, die anfangs gar keine Milch gibt. Aber es geht der Bauernfamilie auch um Respekt vor den Tieren und um deren Wertschätzung. „Wir haben Zahlen im Kopf, aber auch die Ethik“, sagt Lena Eckert-Henne. Zuchtwerte, in die Kühe klassifiziert werden, würden nur die Richtung vorgeben, „aber sie sind trotzdem Lebewesen, haben einen Charakter und bringen Stärken und Schwächen mit“, sagt die Landwirtin. „Das muss man akzeptieren und damit leben und arbeiten, sonst bräuchte man Kühe aus dem 3-D-Drucker.“

Geschichte der Zucht

Historie
Dass Milchkühe gezüchtet werden, hat eine jahrhundertealte Tradition. „Wenn man gute Kühe hatte, hat man versucht, sie zu vermehren“, sagt der Altdorfer Bauer Jürgen Henne über seine Vorfahren. Sein Vater Bernhard ergänzt: „Früher hat jede Gemeinde einen Bullen eingekauft. Zucht war eine staatliche Aufgabe und jede Gemeinde war zur Vatertierhaltung verpflichtet, auch bei Schweinen und Ziegen.“ Erst in den 1970er Jahren sei die künstliche Besamung aufgekommen. Neben der Inzuchtgefahr hätten vor allem Geschlechtskrankheiten, die sich unter den Tieren breitgemacht hätten, den Ausschlag gegeben, sagt Jürgen Henne.

Rassen
Dass Jürgen Henne und Lena Eckert-Henne mit Wally und ihren anderen Kühen auf Fleckvieh setzen, hat einen Grund: Es ist eine Zweinutzungsrasse, was im Unterschied zu reinen Milchrassen bedeutet, dass sie sowohl viel Milch geben als auch gut Fleisch ansetzen. „Andere Zuchtorganisationen setzen nur auf die Milchleistung. Das ist nicht die Richtung, in die wir wollen“, sagt Jürgen Henne.