Sie sind zwei der prägendsten Spielerinnen von Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart – und das seit sechs Jahren. Im Interview erklären Krystal Rivers und Roosa Koskelo, warum sie ein siebtes Jahr bleiben. Und warum sie Stuttgart lieben gelernt haben.
Die Erfolgsgeschichte von Allianz MTV Stuttgart ist auch mit ihren Namen eng verknüpft: Krystal Rivers und Roosa Koskelo. Die Diagonalangreiferin und die Libera kämpfen ab Samstag (17.10 Uhr beim SSC Schwerin/Sport 1) mit dem MTV um den Meistertitel – und haben jüngst bestätigt, ein siebtes Jahr in Stuttgart zu spielen. Warum, erklärt das Duo im Interview.
Frau Rivers, Frau Koskelo, wir haben um ein Treffen an einem Ihrer Lieblingsplätze in Stuttgart gebeten. Nun sitzen wir in der Calwer Passage – warum?
Rivers: Als die Frage nach einem Lieblingsort kam, habe lange überlegt – und mich dann eben für die Calwer Passage und die Calwer Straße entscheiden. Wir gehen gerne brunchen oder einfach mal einen Kaffee trinken, hier haben wir auf engem Raum einige Möglichkeiten – also habe ich diesen Ort vorgeschlagen. Und natürlich wegen der Zimtschnecken. (lacht)
Koskelo: Genau, die Zimtschnecken. Ich liebe sie – und bin daher ziemlich wählerisch. Es ist nicht leicht, gute zu finden. Aber diese hier sind wirklich sehr gut.
Vergleichbar mit denen in Ihrer finnischen Heimat?
Koskelo: Ja, doch. Sie kommen ihnen zumindest am nächsten.
Gibt es weitere Lieblingsplätze nach sechs Jahren in Stuttgart – außer der Scharrena, in der sie mit Ihrem Team die Heimspiele austragen?
Rivers: Es gibt einige Restaurants, in die wir gerne gehen. Ein Steakhouse, ein Italiener . . . wie Sie sehen, dreht sich bei uns sehr viel ums Essen. (lacht)
Trainieren, Essen, Schlafen – das Leben einer Profisportlerin . . .
Rivers: Ganz genau. Aber im Ernst: Die Scharrena mit den Menschen des Clubs und den vielen Fans, das ist für uns natürlich ein sehr spezieller Ort.
Für Volleyballerinnen ist es alles andere als normal, dass sie mehrere Jahre lang für einen Verein spielen. Was haben Sie beide erwartet, als Sie 2018 nach Stuttgart gekommen sind?
Koskelo: Dass ich hier ein Jahr spiele und dann weiterziehe. Doch dann wurde mein Vertrag relativ schnell um ein weiteres Jahr verlängert – und ich habe mich gleich heimisch gefühlt. Dass ich aber so lange hier bleibe, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Rivers: Ich wollte ebenfalls ein Jahr für Allianz MTV spielen – und dann meine Karriere beenden.
Koskelo: Und jetzt sitzen wir hier sechs Jahre später – und du spielst immer noch. (lacht)
Nach einem Jahr in Stuttgart wollte Krystal Rivers aufhören
Sie wollten wirklich nach einem Jahr in Stuttgart aufhören?
Rivers: Ja, das war der Plan. Ich wollte wieder studieren, habe dann aber schon nach einigen Monaten festgestellt: Das hier ist genau der richtige Ort für mich.
Was ist passiert in diesen ersten Wochen?
Rivers: Ich bin einfach sehr warmherzig aufgenommen worden. Vom Club, im Team, von den Menschen, den Fans. Ich habe mich sehr schnell wie Zuhause gefühlt.
Koskelo: So war es auch bei mir. Es gab im damaligen Team einige Spielerinnen, die ebenfalls schon länger in Stuttgart waren. Und die haben es mir sehr leicht gemacht, mich schnell in die Mannschaft zu integrieren. Und die Verantwortlichen waren wirklich von Beginn an immer für uns da. So, wie hier alles zusammenpasst, das habe ich sonst nirgendwo erlebt.
Was bedeutet Stuttgart nach sechs Jahren hier für Sie?
Koskelo: Wenn ich den Ort, an dem ich aufgewachsen bin, mal weglasse, dann ist Stuttgart der Ort, an dem ich die längste Zeit meines bisherigen Lebens verbracht habe. Ich fühle mich abseits meiner Heimatstadt hier so sehr zuhause wie in keiner anderen Stadt sonst – auch nicht in irgendeiner finnischen. Und das, obwohl die Größe Stuttgarts für mich anfangs eher ein Problem war.
Wieso das?
Koskelo: Ich war es einfach nicht gewöhnt in einer Stadt dieser Größe zu leben. Nun aber, nach sechs Jahren, kann ich es mir fast nicht mehr anders vorstellen.
Rivers: Ich habe schon an einigen speziellen Orten gelebt – aber eben noch nie so lange wie in Stuttgart. Und es geht ja noch weiter.
Im Volleyball steht dennoch jedes Jahr aufs Neue die Entscheidung an: Gehen oder Bleiben? Wie oft haben Sie daran gedacht, trotz allem weiterzuziehen?
Koskelo: Für mich war es in den vergangenen Jahren weniger die Frage, ob ich für einen anderen Verein spiele. Sondern eher, ob ich meine Karriere beende. Auch nach dieser Saison wollte ich eigentlich Schluss machen. So, wie Krystal übrigens auch. (lacht)
Rivers: Stimmt. Aber ich fühlte mich in den vergangenen Jahren immer wohl und hatte auch den Eindruck, dass man hier besonders auf mich achtet, mir hilft. Dazu kommt: Die Bundesliga ist nicht ganz so herausfordernd wie etwa die Ligen in der Türkei oder in Italien. Alles allem kann ich also sagen: Stuttgart hat mir geholfen, meine Karriere zu verlängern. Ich spiele schon viel länger als ich gedacht habe, auf dem Feld stehen zu können. Unter anderen Umständen hätte ich meine Karriere sicher schon vor drei Jahren beenden müssen.
Werden Sie beide irgendwann das letzte Spiel Ihrer Karriere auch im Trikot von Allianz MTV Stuttgart bestreiten?
Koskelo: Man kann im Sport zwar nie zu 100 Prozent sicher sein, aber in diesem Fall bin ich mir schon sehr, sehr sicher.
Rivers: Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen – aber es sieht doch mehr und mehr danach aus.
Warum Geld nicht alles ist
Vor allem bei Ihnen, Frau Rivers, hieß es oft, Sie könnten anderswo viel mehr Geld verdienen. Warum sind Sie dennoch immer in Stuttgart geblieben?
Rivers: Wie gesagt: Unter anderen Rahmenbedingungen hätte meine Karriere schon zu Ende sein können – dann würde ich mit dem Volleyball jetzt gar kein Geld mehr verdienen. Die Menschen hier haben mir dazu verholfen, länger das tun zu können, was ich besonders liebe. Also noch einmal: Ich bin hier an meinem „happy place“.
Nie an etwas anderes gedacht?
Rivers: Natürlich habe ich mir immer wieder Gedanken gemacht. Aber eben auch darüber, dass ich an einem anderen Ort aufgrund meiner gesundheitlichen Situation auch alles hätte neu organisieren, unter anderem neue Ärzte hätte finden müssen. Für mich war es immer die smarteste Entscheidung, hier in Stuttgart zu bleiben.
Anders als Sie beide sind in den vergangenen sechs Jahren viele Spielerinnen gekommen und schnell wieder gegangen. Ist es hart, sich immer wieder verabschieden zu müssen?
Koskelo: Das ist eben Teil des Spiels im professionellen Volleyball. Aber klar, mit einigen Spielerinnen ist man enger befreundet als mit anderen. Dann ist es schade, wenn sich die Wege wieder trennen. Aber mit den heutigen Kommunikationsmitteln kann man ja gut in Kontakt bleiben.
Versuchen Sie nie, Teamkolleginnen zum Bleiben zu überzeugen?
Rivers: Bei Simone Lee haben wir es versucht. (lacht)
Koskelo: Ja, stimmt. Am Ende ist es ja aber immer so, dass jede ihren eigenen Weg gehen und das tun muss, was sie für das Richtige hält.
In den vergangenen Jahren hat sich Allianz MTV zu einem deutschen Spitzenteam entwickelt, das auch international konkurrenzfähig ist. Sind Sie ein bisschen stolz darauf, daran einen großen Anteil zu haben?
Rivers: Das bin ich, auf jeden Fall.
Koskelo: Ich habe darüber noch nicht nachgedacht. Aber ja, doch. Vor allem ist immer etwas Besonderes, in der Champions League zu spielen. Hier können wir uns mit den Besten messen – und haben bewiesen, dass wir auch mithalten können. Das hat nicht zuletzt unser Sieg im Viertelfinal-Hinspiel gegen Fenerbahce Istanbul gezeigt.
Rivers: Die Zeiten, in denen uns ein Team in der Champions League nicht ernst genommen hat, sind auf jeden Fall vorbei.
Ist es realistisch, dass ein deutsches Team wie Allianz MTV irgendwann einmal unter die besten Vier Europas vorstoßen kann?
Koskelo: Das ist eher schwer vorstellbar, so lange das generelle Level in der Bundesliga nicht steigt. Die italienischen und türkischen Teams haben einfach den Vorteil, dass sie in ihrer Liga Woche für Woche auf sehr hohem Niveau gefordert sind. Aber ich habe auch das Gefühl, dass wir in den vergangenen Jahren Stück für Stück ein bisschen näher an die Top-Vier herangekommen sind.
Rivers: Es hängt immer von vielen Faktoren ab, wie weit man es in der Champions League schaffen kann. Unter anderem von der Auslosung. Für uns ist es das Wichtigste, dass wir daran glauben, auch die besten Teams schlagen zu können. Das haben wir, zum Beispiel, gegen Fenerbahce geschafft, und das müssen wir uns auch für die kommenden Jahre bewahren. Aber wir wissen auch: Die eigentlichen Ziele des Clubs sind immer die Meisterschaft und der Pokal in Deutschland.
Enges Duell gegen den SSC Schwerin
Ab Samstag spielen Sie um Ihren jeweils siebten Titel mit Allianz MTV, Sie können zum dritten Mal in Folge Meister werden und den dritten Titel dieser Saison feiern. Wird das alles gelingen?
Rivers: Wir haben in dieser Saison bereits viermal gegen den SSC Schwerin gespielt – und es waren immer harte und enge Matches. Ich erwarte eine sportliche Schlacht der zwei Riesen dieser Saison – aber auch viel Spaß bei diesem Duell.
Koskelo: Wir hatten nach dem Pokalsieg ein paar Wochen, in denen wir nicht besonders gut gespielt haben. Uns hat ein wenig die Energie gefehlt, nachdem wir in der Champions League und im Pokalfinale wirklich viel investiert hatten. Aber zuletzt hatten wir gute Spiele im Halbfinale gegen den Dresdner SC. Für uns ist es gut zu wissen, wie stark der SSC Schwerin ist – somit ist klar, dass wir sehr gut sein müssen um zu gewinnen. Wir müssen alles auf dem Platz lassen, was wir in uns haben. Und wenn wir unser bestes Level erreichen, sind wir sehr schwer zu schlagen.
Rivers: Das kann ich nur bestätigen. Wenn wir unser bestes Volleyball zeigen, sind wir schwer zu stoppen. Aber: Es ist Sport, es kann viel passieren. Und in den vergangenen Jahren waren die Finals immer sehr eng.
Wenn wir weiter voraus blicken: Können Sie sich vorstellen, auch nach Ihrer Karriere in Stuttgart zu leben?
Rivers: Ich wäre dann sieben Jahre in Stuttgart – da müsste ich eigentlich bleiben.
Koskelo: Für mich wird es erst einmal darum gehen, herauszufinden, wer ich ohne Volleyball eigentlich bin. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, weiter hier zu leben – jedoch auch, nach Finnland zurückzukehren. Ginge es nach dem Wetter und der Natur, würde ich zurückgehen. Aber das ist ja nicht alles.