Alice Schwarzer ist die große Erzählerin deutscher Frauenschicksale. Sie hat damit einem vielstimmigen Feminismus den Weg geebnet, der sie heute vom Thron gestoßen hat, meint unserer Autorin.
„Es gibt so viele Schicksale, die erzählt werden wollen.“ Dieser Satz aus der zweiteiligen ARD-Film-Biografie „Alice“, den die junge Schwarzer sagt, erklärt im Grunde den Antrieb, aber auch den Erfolg ihres Lebenswerks. Denn dass aus dem Kind einer ledigen Mutter aus Wuppertal die über viele Jahrzehnte einflussreichsten Stimme der deutschen Frauenbewegung werden konnte, liegt nicht nur daran, dass Alice Schwarzer diese Fürstinnen-Rolle teils rücksichtslos gegenüber der eigenen Bewegung beanspruchte, und sich damit – Ironie der Geschichte – eines zutiefst patriarchalen Musters bediente.
Der Kern ihres Aufstiegs zur einer der bekanntesten Deutschen liegt vielmehr in ihrer Art eines biografischen Feminismus. Alice Schwarzer schöpfte und erzählte aus dem eigenen Erleben und dem anderer Frauen und konnte so – in Abgrenzung zu den Marx zitierenden und sehr deutschen, weil theorielastigen Frauenkollektiven der 70er Jahre – ein breites Publikum erreichen. Wenn Schwarzer in den vielen Interviews rund um ihren 80. Geburtstag immer wieder auch die Geschichte von ihrer klugen Großmutter, die nicht studieren durfte und darüber unglücklich und verbittert wurde, auspackt, dann erzählt sie mit dieser Kindheits-Anekdote wohl auch vom Ursprung ihres Schaffens.
Hausfrauen erzählten von Schmerzen beim Sex
Für ihre Texte sprach die Autorin mit Huren, sie ließ in ihrem Bestseller „Der kleine Unterschied“ Hausfrauen ihre Schmerzen beim Sex mit übergriffigen Ehemännern schildern. Die Erfahrungen mit einer Freundin, die nach einer stümperhaften Abtreibung fast verblutete, mündete in die legendäre Stern-Titel-Geschichte „Wir haben abgetrieben“. Wenn man es so will, hat Schwarzer das Prinzip des biografischen Schreibens, für das ihre Altersgenossin, die Französin Annie Ernaux, dieses Jahr den Nobelpreis bekam, zum Prinzip einer sehr erfolgreichen sozialen Bewegung gemacht.
Auch manche aktuellen und streitbaren Positionen Schwarzers sind aus ihrer Sozialisation mit erklärbar. Wenn sie einen allzu leichten Wechsel des Geschlechts vom Mann zur Frau ablehnt, weil in ihren Augen Männer so geschickt die Räume von Frauen unterwandern könnten, dann spricht da auch eine, die weiß, wie hart der Kampf um eben diese Räume einmal war.
Aber dieses Authentische, ja fast Bodenständige, das den Feminismus von Alice Schwarzer prägte, machte sie immer auch zu einer idealen, weil emotionalisierten Hassfigur für Männer – und auch viele Frauen. Bis heute.
Wenn junge Feministinnen Schwarzer teils heftig ablehnen, dann vergessen sie bisweilen, dass sie in eben jener Tradition des biografischen Feminismus stehen, ja, davon profitieren. Die heutige (Netz-)Öffentlichkeit verlangt nach genau diesen authentischen Narrativen und Einzelschicksalen. Aktuell wichtige feministische Stimmen wie jene von Margarete Stokowski, Mareice Kaiser oder Alice Hasters bedienen dieses Bedürfnis mit ihren eigenen Geschichten. Es ist dabei ebenso interessant wie erschreckend, dass es in Teilen noch immer um dieselben Themen geht, die schon Schwarzer bearbeitet hat: Gewalt gegen Schwächere, Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, Altersarmut, stereotype Rollenmodelle in Partnerschaften.
Ein junger Feminismus hat sie vom Thron gestoßen
Es ist vielleicht Schwarzers größter Verdienst, dass sie durch ihr eigenes, unbeirrbares und bisweilen auch penetrantes Erzählen das Schweigen der Frauen gebrochen und viele ermutigt hat, es ihr gleich zu tun. Das Ergebnis ist ein heutiger Feminismus, der sich aus vielen Stimmen zusammensetzt. Stimmen, die alle mitdenken wollen, die benachteiligt sind. Egal ob Frauen, Männer oder Nonbinäre. Egal mit welchem kulturellen Hintergrund, welcher Hautfarbe, welcher Weltanschauung. Der digitale Raum bietet seinen Protagonistinnen und Protagonisten eine gleichberechtigte Chance auf Aufmerksamkeit. Und Alice Schwarzer ist mittlerweile tatsächlich nur noch eine dieser Stimmen – auch wenn sie es immer noch vermag, in Diskussionen mächtig einzugreifen.
Auch das ist wohl eine Ironie der Geschichte: Alice Schwarzer hat den Weg geebnet für jenen vielfältigen Feminismus, der über ihren Alleinvertretungsanspruch ganz einfach hinweg gefegt ist.