Alexander Gerst kehrt ins All zurück. Er trägt mehr Verantwortung als je zuvor. In der zweiten Hälfte seines Aufenthalts wird er Kommandant der Station. Bewährt er sich, könnte ihm das neue Türen öffnen.
Moskau - Nieselregen im November. Ein langer Lauf im Wald. Das Rascheln von Laub. Eine heiße Dusche. Frischer Salat mit Kräutern. Das alles fällt Alexander Gerst ein, wenn er gefragt wird, was er an Bord der internationalen Raumstation am meisten vermisst. Das Leben dort ist entbehrungsreich. Und doch kann Gerst es kaum abwarten, wieder zur Station zurück zu kehren. Am 6. Juni fliegt er zum zweiten Mal mit einer Sojus-Rakete ins All, um ein halbes Jahr 400 Kilometer über der Erde zu arbeiten.
Sein erster Flug vor vier Jahren machte Gerst zu einem Popstar der Wissenschaft. „Astro-Alex“ ließ die Deutschen mit seinen Augen auf die Erde blicken und mit jedem Foto, jedem Tweet neu über die Verletzlichkeit des blauen Planeten nachdenken. Seit fast zwei Jahren trainiert er nun für den zweiten Einsatz. Dafür hat er in Moskau gelernt, wie er das Sojus-Raumschiff steuert, hat in Houston erprobt, was es heißt, als Kommandant Entscheidungen für alle an Bord zu treffen, und er hat in Köln Experimente für seine Mission ausgewählt. Wie jeder Astronaut sagt er zu all diesen Orten Zuhause. „Ich kaufe jede Hose drei mal“, sagt Gerst. Und je näher der Start kommt, desto mehr Interviews absolviert er – professionell freundlich wie immer. Nur manchmal schimmert Ungeduld durch. Jetzt, so kurz vor dem Start am 6. Juni, 13.12 Uhr in Baikonur, wird er immer ruhiger, sagt er. „Dann kann kaum noch etwas dazwischen kommen.“
Alexander Gerst sitzt während des Starts auf dem Kopilotensessel
Routine ist der zweite Flug trotzdem nicht: Anders als beim ersten Mal sitzt Gerst während des Starts im Sojus-Raumschiff auf dem Kopilotensessel. Sollte sein russischer Kollege Sergei Prokopyev als Pilot ausfallen, muss er einspringen. Fällt die Technik aus, steuern die beiden das Raumschiff zu zweit von Hand. Auf den Flug, der je nach Anflugmanöver sechs Stunden oder zwei Tage dauert, bereiten sich die Astronauten fast ein Dreivierteljahr lang im Kosmonautentrainingszentrum bei Moskau vor. Es ist der schwierigste Teil der ganzen Expedition.
In das Trainingszentrum, wenige Kilometer südöstlich von Moskau in einem Kiefernwäldchen gelegen und von einer Mauer mit Weltraumgraffiti umgeben, kommt man nicht zufällig. Der Ort, an dem schon Juri Gagarin trainierte, war im Kalten Krieg ein gut gehütetes Geheimnis vor den Feinden – so geheim, dass er nicht einmal auf Karten eingetragen war. Heute trainieren ausgerechnet hier Astronauten aus aller Welt. An diesem Tag tummeln sich drei russische Kosmonauten, dazu Alexander Gersts Team und sein italienischer Kollege Luca Parmitano in der Turnhalle mit den ungewöhnlichen Trainingsgeräten – Parmitano ist der einzige Esa-Astronaut außer Gerst, der schon einen zweiten Flug in Aussicht hat.
Im Training passieren deutlich mehr Katastrophen als im All
Immer wieder quetschen sich Alexander Gerst, Sergei Prokopyev und Serena Auñón-Chancellor in einen der Simulatoren. Der letzte, der durch die Luke kriecht, schafft es nur mit Hilfe von Handschlaufen an der Cockpitdecke, sich an seinen Platz zu hieven. Tragen die drei ihre voluminösen Raumanzüge, wird es noch schwieriger. Doch die eigentliche Mühsal beginnt erst, wenn sie sitzen: Stundenlang gehen die drei jeden möglichen Notfall durch. Der Funk verstummt. Es gibt ein Leck im Tank. Dann entweicht Sauerstoff. Am Ende fällt die komplette Elektronik aus. In so einem Fall, das hat Gerst auch schon in einem Video auf Twitter demonstriert, muss der Pilot die Sojus mit einem kleinen Tablet steuern, das er – um den Fliehkräften zu trotzen - auf dem Schoß liegen hat. Der schlimmste denkbare Notfall in einem Sojus-Raumschiff wäre ein Brand. Denn es gibt keinen Feuerlöscher an Bord. Im Notfall müssen die Astronauten die Helme schließen und das Fenster sprengen, um dem Feuer die Nahrung zu nehmen. „Es gibt Tage, da kommt man völlig verschwitzt aus dem Simulator“, sagt Gerst nach dem Training. Dennoch lässt er auf die russische Technik nichts kommen. „Ein Raumschiff muss nicht schick aussehen, es muss funktionieren“, sagt er. Und das tut die Sojus zuverlässig seit Jahrzehnten. Ihr größtes Talent zeigt sie erst, wenn alle Elektronik an Bord komplett ausfällt. Dann dreht sich die Kapsel beim Wiedereintritt in die Atmosphäre so, dass die Insassen den Aufprall am Ende des Absturzes immer noch überleben können.
Im Training, das weiß Gerst seit seiner ersten Mission, passieren deutlich mehr Katastrophen als im All. Und egal, wie hart sein Tag war – neue Erkenntnisse aus den Experimenten an Bord der Raumstation, sagt er, seien in seinen Augen jede Anstrengung wert. Vielleicht wählte er aus diesem Grund auch den Namen Horizons für seine Mission.
In Notfällen sind die Astronauten an Bord auf sich gestellt
Ein Aufbruch zu neuen Horizonten ist sein Flug gleich in mehrfacher Hinsicht: Der 42-jährige aus Künzelsau wird in der zweiten Hälfte seiner Mission, wenn sein US-Kollege Andrew Feustel abreist, ab August das Kommando auf der Station übernehmen. Er ist erst der zweite ESA-Astronaut nach Frank de Winne, der diese Aufgabe bekommt. „Diese Ehre kann man nicht hoch genug schätzen“, sagte Jan Wörner, Generaldirektor der europäischen Weltraumagentur. Im Alltag werden zwar die meisten Entscheidungen von der Bodenkontrolle bei der US-Weltraumbehörde Nasa gefällt. Doch in Notfällen – etwa wenn giftige Gase austreten, wenn die Station von Weltraumschrott getroffen werden sollte oder wenn es brennt – sind die Astronauten an Bord auf sich gestellt. „In solch einem Fall gibt es keine Abstimmung mehr, man würde sonst wertvolle Minuten verlieren“, erklärt Gerst. Dann braucht es einen Verantwortlichen, der im Kopf hat, welche Experimente gerade laufen und in welchem Teil der fußballfeldgroßen Station sich unverzichtbare Vorräte befinden. „Die Entscheidungsbaum, wann man welchen Teil der Station aufgibt, ist sehr komplex – aufgefaltet wäre das ein Plan so groß wie ein Zimmer“, sagt er. „Man hat Prozeduren, die einem helfen, aber letzten Endes ist es wichtig, dass einer an Bord niemals den Überblick verliert.“
Seine neue Aufgabe wird ihm weniger Zeit für die wissenschaftliche Arbeit lassen als beim ersten Aufenthalt. „Ich werde schauen müssen, dass die Dinge an Bord laufen“, sagt Gerst. Auch das Training seiner Kollegen hat er bereits mit koordiniert. Im Januar wurde die Ärztin Serena Auñón-Chancellor von der Nasa für Jeanette Epps eingewechselt – nun muss das Team neu zusammenwachsen. Je schneller, desto besser. Denn die Ausbildung im russischen Trainingszentrum endet mit Prüfungen, die das Team nur gemeinsam ablegt. „Die Crew muss zeigen, dass sie Situationen richtig einschätzt“, sagt Chef-Ausbilder Wladimir Osokin. Durchgefallen ist noch keiner. Aber nachsitzen mussten schon einige.
Bewährt sich Gerst in seiner neuen Rolle, kann er womöglich zu neuen Zielen aufbrechen
Auch wenn die neue Crew noch nicht so lange miteinander trainiert, wie es normalerweise der Fall ist, macht sie einen gut eingespielten Eindruck. Alle drei scherzen an diesem Tag miteinander, obwohl sie mehrere Stunden im Raumanzug im Simulator trainieren müssen. Auñón-Chancellor hat den Rückstand offenbar schnell wett gemacht. Bevor sie selbst Astronautin wurde, hat die Ärztin andere Teams bei der Ausbildung betreut. Dass sie dafür auch schon im Sternenstädtchen war, kommt ihr nun zugute. Wertvolle Hilfe habe sie von Gerst erhalten, sagt sie: „Wenn man zum allerersten Mal in eine so unbekannte Umgebung aufbricht, ist es eine große Hilfe, wenn man von einem Freund lernen kann.“ Am Anfang habe er unterschätzt, was es bedeute, die Verantwortung für ein Team zu tragen, sagt Gerst. Aber das hat sich geändert. „Mir macht es Spaß, wenn ich merke, ich kann mit meiner Erfahrung einen Unterschied machen“, bilanziert Gerst seine neue Rolle. Bewährt er sich in seiner neuen Rolle auch an Bord der Station, kann er nach seiner Rückkehr womöglich noch einmal zu ganz neuen Zielen aufbrechen – und vielleicht sogar als erster europäischer Astronaut seinen Fuß auf den Mond setzen. Den notwendigen Ehrgeiz, diesem Ziel alles unterzuordnen, hat er.