Regisseur Cengiz Akaygün Foto: Marta Popowska

Der Regisseur Cengiz Akaygün plant einen Film über Grabschändungen in der Türkei. Bei seinen Recherchen stieß er auf aktuelle Vorfälle in Ludwigsburg, wo Unbekannte Gräber alevitischer Kurden verwüstet haben. Und das wohl nicht zum ersten Mal.

Zuffenhausen - Eigentlich wollte der Regisseur Cengiz Akaygün einen Film über eine kurdische Mutter im Osten der Türkei drehen, die am Grab ihrer Tochter wacht, um dieses zu schützen. Die Inspiration dazu gaben ihm Vorfälle in der Türkei, wo Gräber von Kurden, Aleviten, Christen oder Armeniern regelmäßig zerstört werden. Doch jüngst hat der Zuffenhäuser Filmemacher herausgefunden, dass er für seine Recherche gar nicht weit reisen muss. Denn auch in Deutschland, wie jüngst in Ludwigsburg, kommt es zu Schändungen alevitischer Gräber.

Seit fast 20 Jahren gibt es auf dem Ostfriedhof in Ludwigsburg-Oßweil ein muslimisches Gräberfeld, auf dem auch Menschen alevitischen Glaubensbeigesetzt werden. Die Ludwigsburger Gemeinde zählt rund 700 Mitglieder. Ob Aleviten zum Islam gehören oder eine eigenständige Religion sind, dazu gibt es in der Forschung und unter den Gläubigen selbst unterschiedliche Auffassungen. In Deutschland sind sie als Religionsgemeinschaft anerkannt.

Regisseur sieht Vereine und Moscheen in der Pflicht

Ganz gleich, welche Deutung man nun vertritt: Auf dem muslimischen Gräberfeld des Ostfriedhofs gibt es auch Ruhestätten alevitischer Kurden. Dass diese nicht auf den Teil des Friedhofs gehören, davon scheinen jedoch einige Menschen auszugehen, hat Cengiz Akaygün herausgefunden. Um sich auf seinen Film vorzubereiten, besuchte er Mitte Juni jenen Friedhof. Am nächsten Tag erfuhr der Regisseur, dass dort kürzlich Gräber geschändet worden waren. Unbekannte hatten Symbole, Engelsfiguren und Kerzen kaputt gemacht und in den Müll geworfen. Die Polizei in Ludwigsburg bestätigt die Vorfälle, die Täter seien jedoch nicht gefasst. Die Ermittlungen laufen.

„Ich konnte nicht glauben, dass so etwas ausgerechnet mitten in Deutschland stattfindet. Ich dachte, ich bin in einem Film“, sagt Akaygün. Er fuhr erneut hin, traf Betroffene, hörte sich ihre Erlebnisse an. Dabei habe er auch von Frauen erfahren, die direkt von Unbekannten eingeschüchtert worden waren. „Die Menschen hatten Angst, wollten nicht mit der Presse darüber sprechen und keine Aufmerksamkeit erregen.“ Akaygün, der selbst aus der alevitisch-kurdischen Community stammt, lassen die Vorfälle nicht kalt. Er vermutet zu wissen, wer dahintersteckt: „Es gibt auch in Deutschland viele türkische Nationalisten mit Vorurteilen gegenüber Aleviten und Kurden.“ Vereine und Moscheen sieht er hier in der Pflicht: „Sie sind dazu da, um die Integration in der Mehrheitsgesellschaft voranzutreiben.“

Mehrere Anzeigen erstattet

Cengiz Akaygün möchte das Problem nicht nur in einem Film thematisieren. Es gehöre auch an die Öffentlichkeit. Also wandte er sich an die Presse. Nach einem Radiobericht stieg nun auch die Bereitschaft der Alevitischen Gemeinde, darüber zu sprechen. In einer aktuellen Pressemitteilung schildert der Verein nicht nur die jüngsten Vorfälle, sondern auch, dass es bereits in den Jahren zuvor ähnliche Ereignisse gegeben habe. Inzwischen habe man mehrere Anzeigen erstattet. „Für die Familien ist das belastend, sie sind sehr betroffen“, sagt Vorstandsmitglied Mehmet Celik. Für die Gemeinde sei es nicht hinnehmbar, dass Familien die Gräber ihrer Angehörigen nicht ohne Angst besuchen könnten.

In seiner Absicht, den Film zu drehen, fühlt Cengiz Akaygün sich bestärkt. Themen, die mit seiner Identität zu tun haben, treiben ihn seit Beginn seiner Karriere um. Drehbeginn für seinen neuen Kurzfilm ist bereits Anfang August.

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