Der „Mohr“ ziert in der oberfränkischen Stadt Coburg Gullydeckel, Fassaden und das Wappen. Foto: dpa/Daniel Karmann

Als Namensgeber für Straßen, Apotheken oder als Wappen: Der „Mohr“ taucht in Deutschland überall auf - und führt zu hitzigen Diskussionen.

Coburg/Berlin - Krauses Haar, dicke Lippen und ein Ring im Ohr: Der „Mohr“ ziert in der oberfränkischen Stadt Coburg Gullydeckel, Fassaden und das Wappen. „Das Coburger Stadtwappen stellt einen verletzenden, rassistischen, kolonialistischen Stereotyp eines Schwarzen Menschen dar“, kritisiert eine Petition zur Änderung des Wappens. „Mit dem Wappenbild des Coburger Mohren würdigt und ehrt die Stadt seit nunmehr etwa 800 Jahren ihren Stadtpatron St. Mauritius“, widerspricht eine Gegenpetition.

Längst nicht nur in Coburg wird heftig über den „Mohren“ diskutiert. Aktivisten in Berlin fordern seit Jahren, die Mohrenstraße und den gleichnamigen U-Bahnhof umzubenennen. Nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen US-Amerikaners George Floyd Ende Mai plakatierten sie die Haltestelle mit seinem Namen und starteten eine Petition. Dann der Vorstoß der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG): Die Station soll umbenannt werden - wegen der kreuzenden Glinkastraße nach Michail Iwanowitsch Glinka. Doch nach Medienberichten über die antisemitische Haltung des russischen Komponisten pfiff der Berliner Senat die BVG zurück.

Nun soll in einem offenen Verfahren diskutiert werden: Ist die Namensgebung von historischer Bedeutung? Oder ist der „Mohr“ eine Reduzierung auf ein diskriminierendes Klischee? Selbst Wissenschaftler sind sich nicht einig - das fängt schon bei der Herkunft des Begriffs an.

Das Deutsche Wörterbuch verweist auf das althochdeutsche Wort „Mor“, das aus dem Lateinischen kommt und für Schwarze aus Mauretanien sowie Nordafrika steht. Aus Sicht von Literaturwissenschaftlerin Susan Arndt gibt es aber noch eine griechische Bedeutung, die mit „dumm“ übersetzt werden kann. „Darüber wird heftig gestritten“, räumt sie ein. „Entscheidend ist für mich aber, dass der Begriff von Anfang an abwertend gebraucht wurde und zwar aus einer weißen christlichen Perspektive und diskriminierenden Intention heraus.“

Es sei schon immer eine Fremdbezeichnung gewesen, kritisiert auch Tahir Della von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. „Und es wird heute von der Mehrzahl der Schwarzen Menschen als diskriminierend wahrgenommen.“ Trotzdem seien sie permanent damit konfrontiert. „Ich glaube, es gibt so gut wie in jeder deutschen Stadt eine M-Straße. Genauso wie es Apotheken, Restaurants und Cafés mit dem Namen gibt.“

Jeder Name hat seine eigene Entstehungsgeschichte

Jeder Name habe seine eigene Entstehungsgeschichte und sei nicht pauschal rassistisch, betont Hubertus Habel, Kulturwissenschaftler und ehemaliger Stadtheimatpfleger von Coburg. Mit Blick auf das Coburger Stadtwappen sagt er: „Mit Kolonialismus hat das überhaupt nichts zu tun, das ist eben vollkommen abwegig.“ Die Stadt ehre den Heiligen Mauritius, der als Anführer einer Legion die Anbetung des Kaisers verweigert haben soll. Nach seinem Märtyrertod habe sich der Kult entlang der römischen Heerstraßen verbreitet.

Ganz ähnlich in Köln: Dort erinnere die nun ebenfalls umstrittene Mohrenstraße an den Heiligen Gregorius Maurus, so die Afrikanistik-Professorin Marianne Bechhaus-Gerst. Einer Legende nach weigerte sich der Soldat, Christen zu verfolgen und wurde hingerichtet.

Oft hat der „Mohr“ aber auch einen ganz anderen Hintergrund: Die „Mohrenapotheken“ gehen auf die Heilkunst in den heutigen Maghreb-Staaten und dem Nahen Osten zurück. Das „Drei Mohren Hotel“ in Augsburg ist drei Mönchen gewidmet und der „Freisinger Mohr“ im Wappen von Papst Benedikt XVI. ist eine Hommage an seine Zeit als Erzbischof von München und Freising - dort galt der „Mohr“ einst als Zeichen der Souveränität der Fürstbischöfe.

So unterschiedlich die Entstehungsgeschichte ist, so stereotyp ist meist die Darstellung: ein schwarzer Kopf mit dicken Lippen, wahlweise mit Ohrring, Turban oder Pluderhose. Schon in den vergangenen Jahren hagelte es deshalb Kritik. Die Schokoladenmarke Sarotti verwandelte daraufhin ihren „Mohr“ in einen Magier und eine Mohrenapotheke in Frankfurt nahm ihr Logo von der Homepage.

Nach den „Black Lives Matter“-Demonstrationen müsse auch in den Städten endlich ein Umdenken beginnen, fordert die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland. Der Druck wird zumindest immer größer - mehr als 12 000 Menschen fordern in einer Petition die Umbenennung der Berliner „Mohrenstraße“, mehr als 10 000 die Änderung des „Mohrenwappens“ im Stuttgarter Stadtteil Möhringen.

In Berlin seien schon Kritiker und Befürworter des Straßennamens angehört worden, teilte der Bezirk Mitte mit. In Stuttgart setze sich eine Arbeitsgruppe „kritisch und ergebnisoffen mit dem Wappen auseinander“, so eine Sprecherin der Stadt. Nach Angaben der Stadt Ulm soll sich auch dort bald eine Arbeitsgruppe mit der umstrittenen Mohrengasse beschäftigen.

Und in Coburg? Gibt es dort Überlegungen, das Stadtwappen zu ändern? „Nein“, erklärte ein Stadtsprecher. Es sei zwar wichtig, das Thema zu diskutieren. Als historisches Stadtwappen sei der „Coburger Mohr“ aber dafür nicht der richtige Anlass.