Die Truppe Gravity & Other Myths setzt auf Training und Körperbeherrschung – vor allem aber auf Vertrauen. Foto: Chris Herzfeld

Die australische Akrobatiktruppe Gravity & Other Myths bietet im Theaterhaus Unglaubliches. Ihre Show „A Simple Space“ fordert mit viel Fallenlassen und Auffangen das Gesetz der Erdanziehungskraft heraus.

Stuttgart - Ein Podest mit Schlagzeug, Verstärker und Rechner, davor eine fast quadratische Turnmatte. An vier Ecken Metallpfosten samt kleinen Strahlern, eingerahmt an drei Seiten mit Stühlen für die Zuschauer. Dieser übersichtliche Aufbau hat Probencharakter. Eben „A Simple Space“, wie der Titel der Show heißt, die da im T3 des Theaterhauses stattfinden soll. Mehr als diesen schlichten Raum brauchen die sieben Artistinnen und Artisten plus Musiker nicht, die sich Gravity & Other Myths nennen, also „Schwerkraft & andere Mythen“. Um es vorwegzunehmen: Sie entzünden ein schier unglaubliches Feuerwerk an Bewegungen auch ohne Pomp und ohne doppelten Boden.

 

Schlicht beginnt denn auch die junge australische Truppe. In Shirts und Shorts, als ob sie zum Training antanzen würden, reihen sich zwei Frauen und fünf Männer vor dem Schlagzeug auf, schauen so fröhlich und erwartungsvoll ins Publikum wie Letzteres auf sie. Bis unvermittelt einer der Männer nach vorne tritt, den Arm hebt, „Falling“ ruft und sich in Manneslänge rückwärts fallen lässt. Das ist das Signal für eine Kaskade turbulenter Auffangaktionen: Einer flitzt los, um ihn vor einem harten Aufschlag zu bewahren. Andere tun es ihm nach: Arm heben, „Falling“ – und hoffen, dass einer oder eine da ist, die ihn oder sie in die Arme schließt. Immer schneller folgt Reaktion auf Aktion, bis kein Gang mehr zugeschaltet werden kann.

Beim Fallen geht es nicht um Lacher

Das Publikum fiebert laut mit, lacht, atmet schließlich durch – wie die auf der Bühne auch. Aber die Auffangübung war nur Aufwärmen. Drei Jungs treten vor. Wie im Boxring werden ihnen Springseile zugeworfen. Sie blicken sich an, grinsen – schon ist das nächste Spiel eröffnet. Wer kann schneller springen? Die Strafe für den Ersten, der sich verheddert, ist hart: ein Kleidungsstück ablegen. Der Seilstrip-Wettbewerb geht so lange, bis der Verlierer mit herabgelassenen Hosen zehn Sprünge absolvieren muss. Doch keine Angst, familienfreundlich bleibt die Show dennoch.

Trotz solcher Einsprengsel geht es nie um billige Lacher. Im Gegenteil, anders als die üblichen distanzierten Zirkusshows mit Glitzer, Glanz und Tralala, wie man sie vom Festival in Monte Carlo und anderswo kennt, loten die glorreichen Sieben und ihr Rhythmusgeber am Schlagzeug aus, was alles mit dem eigenen Körper zwischen Akrobatik und tanzartigen Bewegungen möglich ist. Dazu gehört Body Percussion vom Feinsten, wie der Musiker mitreißend beweist. Er stampft und klatscht auf Wangen auf Oberkörper, bis dieser rot glüht. Die anderen wiederum erkunden neckisch, wer länger auf den Händen stehen kann, während die Zuschauer sie mit Plastikbällen beschießen. Oder loten aus, wie hoch man Körpertürme bauen, wie rasant man in Reihe Salto springen oder wie lange man die Luft anhalten kann. Länger als der Kollege, der auf zwei Händen oder mal auf einer Hand balanciert?

Vertrauen ist der Kern von allem

Dabei haben die kleinen Kabbeleien und Neckereien, die übermütigen Stürze und das gegenseitige Herausfordern keinesfalls mit gesellschaftlichem Leistungsdruck oder Wettbewerbsmentalität zu tun. Sie sind Teil der Botschaft, was man als Gruppe erreichen kann, wenn man zusammensteht, sich gegenseitig inspiriert, einer auf den anderen aufpasst. Tiefstes Vertrauen zueinander strahlen die Sieben auf der Matte aus. Unmöglich wäre sonst die Show der Gruppe aus Adelaide, die im Jahr 2009 im Umfeld der Cirkidz zusammenfand und mittlerweile drei parallel tourende Crews hat: Die Zirkusschule in der Hauptstadt des Bundesstaates South Australia setzt längst weltweit Standards für die neue Artistengeneration.

Apropos Vertrauen: Stets stehen zwei bereit, die auffangen könnten, falls etwas schief geht. Dass das passieren kann, gehört zum Konzept – und stört niemanden. Dann wird einfach noch mal probiert, bis es klappt. Das tut es immer, und zwar mit so viel Spaß, echter Spielfreude und Leidenschaft, dass unweigerlich der Funke auf das Publikum überspringt. Das ist hautnah dabei. „Schafft er nicht!“ ist aus seinen Reihen zu hören, als der zierlichste der Truppe auf den Rücken zweier Kollegen, die sich immer weiter auseinanderbewegen, hin und her springt.

Wie der Kumpel nebenan

„Ich kann nicht hinschauen“, so ein anderer Kommentar, als die Truppe sich zu zwei Drei-Personen-Türme formiert, die einander abwechselnd überholen, während eine Frau ganz oben elegant von einem Turm zum anderen schreitet. Eine andere macht auf den Köpfen zweier Männer, die auf den Schultern zweier anderer stehen, einen Spagat, bevor beide an Beinen und Armen über- und untereinander durch die Gegend geschwungen werden, gar über sie gehüpft wird.

Zu Recht will am Schluss der Beifall nicht enden. Das ist nicht nur dem Können der Truppe geschuldet, ihren katzengleichen Wendungen oder ihrer technischen Brillanz, sondern vor allem auch ihrer Bodenständigkeit. Selbst bedienen sie die Strahler an den Metallstäben und lassen an all ihren Versuchen zu Körper und Anziehungskraft teilhaben: So entführen sie unprätentiös und lässig, wie der Kumpel nebenan, kreativ und auf das Wesentliche reduziert in ein Reich, in dem man sich – obschon man es doch besser weiß – fragt, ob die Gravitation vielleicht doch ein Mythos ist.

Weitere Vorstellungen: 10. und 11. August sowie vom 28. August bis 1. September 2019 im Stuttgarter Theaterhaus