Dirigent Hans-Joachim Sack (vorn) und die Männer des Liederkranzes im Januar 2023: Am Sonntag singt der Chor letztmals in der Kirche Mariä Himmelfahrt. Foto: Liederkranz Aidlingen

Der Liederkranz Aidlingen, gegründet 1852, ist der älteste Verein der Gemeinde. Jetzt steht der Männerchor wie so viele andere Männerensembles vor dem Aus. Der Grund ist bei allen derselbe.

Herbert Grönemeyer sang es schon vor 40 Jahren: „Männer sind einsame Streiter.“ Das gilt auch für den Liederkranz 1852 Aidlingen, der jetzt nach 172 Jahren Männergesang vor dem Aus steht. Damit verabschiedet sich der älteste Verein der Gemeinde von der lokalen Kulturbühne.

 

„Wir haben uns nun schweren Herzens entschlossen, den Chor aufzulösen“, sagt Hans-Joachim Sack. Mit seinen 72 Jahren ist der Chorleiter noch eines der jüngsten Mitglieder. An diesem Sonntag, 21. Januar, um 10.30 Uhr haben die alten Sängerknaben ihren letzten Auftritt im Rahmen einer Messe in der Mariä-Himmelfahrt-Kirche in Aidlingen. Den Ort hat der Chor bewusst gewählt, weil die katholische Kirchengemeinde hier einen Probenraum zur Verfügung gestellt hatte, nachdem der Musiksaal in der Sonnenberghalle vor einigen Jahren zur Schulmensa umgebaut worden war.

Der älteste Sänger ist 89 Jahre alt

„Ohne frisches Blut wird der Verein wohl als Männerchor nicht mehr lange überleben können“, hatte Schriftführer Manfred Stopper schon 2015 bei der Hauptversammlung gesagt. Heute ist der älteste Sänger 89 Jahre alt. Durch Todesfälle ist das Ensemble seitdem noch weiter geschrumpft. Zuletzt musste man unter anderem den Tod des Vorsitzenden Gerhard Bätzner und des Notenwarts Heinz Brugger verkraften. „Das war sehr hart. Man merkt, die Einschläge kommen näher“, sagt Hans-Joachim Sack. „Inzwischen sind wir nur noch elf Sänger und der Altersdurchschnitt liegt bei über 80 Jahren“, sagt der Chorleiter, der bis zu seiner Pensionierung beruflich als Biologe gearbeitet hatte. Eine sinnvolle und verlässliche Probenarbeit sei so nicht mehr möglich gewesen, zumal immer wieder gesundheitsbedingte Ausfälle hinzugekommen seien. Sein letztes offizielles Konzert hatte der Liederkranz am 26. August im Aidlinger Pflegeheim Haus am Zehnthof. Seitdem ist es still geworden um den Herrenchor.

Woran es lag, dass es nicht gelang, die Reihen wieder aufzufüllen? Der Dirigent sieht die Ursache dafür im Zeitgeist. Vereinsarbeit, Ehrenamt – das alles sei heute nicht mehr gefragt. Ein Vereinsmitglied veranstalte regelmäßig Volksliedersingen im Vereinsheim der SpVgg Aidlingen. „Da kommen immer so um die 70 Leute“, erzählt er. Aber wenn man dann nachfrage, ob nicht mal jemand zum Singen kommen wolle, bekomme man immer nur Ausreden und Absagen.

„Es ist immer dasselbe Lied“, sagt Siegfried Schneider, Präsident des Chorverbands Otto Elben. „Eben erst hat mich der Vorsitzende vom Gesangsverein Affstätt angerufen. Ebenfalls ein Männerchor. Die lösen sich jetzt auch auf“, berichtet der Herrenberger. Schneider ist in Aidlingen aufgewachsen. „Als junger Kerl habe ich mit meinem Vater im Liederkranz gesungen“, erzählt er.

Für das Chorsterben, insbesondere bei Männerensembles, sieht er sehr konkrete Ursachen: allen voran den Unwillen oder die Unfähigkeit, mit der Zeit zu gehen. „Es reicht eben nicht mehr auf der Bühne zu stehen und eine Fahne mit ,Männergesang seit 1890’ hinzustellen“, sagt Schneider, der sich für neue Wege bei der Liedauswahl aber auch bei der Probenarbeit ausspricht, um hier zum Beispiel aus dem engen Korsett der wöchentlichen Singstunde auszubrechen.

In einem gemischten Chor würden die Frauen auch mal ihre Gatten mitbringen und so neue Mitglieder anwerben, meint Hans-Joachim Sack. Aber der Liederkranz Aidlingen habe sich nun einmal entschlossen, ein reiner Männerchor zu bleiben. „Das heißt aber nicht, dass wir etwas gegen Frauen haben“, betont Sack mit einem Lachen und verweist auf das Kassiereramt. Darum kümmert sich mit Inge Bätzner eine Frau.