Wo ist die nächste Ausfahrt ins Nirgendwo? Der umstrittene automobile Designwurf von Tesla nennt sich Cybertruck und macht sich in der Wüste zugegebenermaßen sehr gut. Foto: TJ/Tesla

Mit der Elektrifizierung der Autos werden bei BMW, Tesla, Mercedes und Co. keine innovativen Designtrends gesetzt. Statt Leichtigkeit dominiert Aggressivität.

Als neulich der Elektroauto-Hersteller Tesla den mit Spannung erwarteten „Cybertruck“ vorstellt, ist das Bohei groß. „Als hätte ihn ein Dreijähriger in ein paar Minuten mit dem Geodreieck gezeichnet“, lästert hämisch schon lange vor dieser Premiere die „Bild“-Zeitung über den Elektro-Lastwagen auf den Reifenwalzen. Sein Aussehen verdankt der „Cybertruck“, der korrekterweise „Cyberbeast“ heißt, allerdings nicht einem Dreijährigen, sondern dem Automobildesigner Franz von Holzhausen, einem US-Amerikaner mit deutschen Vorfahren. Immerhin. Das German Design galt einst als vorbildlich oder, mit den Worten des Designexperten Paolo Tumminelli ausgedrückt, als „ikonisch und voller Demut“.

 

Doch das mit dem German Design ist auch schon länger her. Wer weiß, wie es den Marken Mercedes und BMW ergangen wäre, wenn nicht Paul Bracq das deutsche Auto neu erfunden hätte – ein waschechter Franzose aus Bordeaux. In den 50er Jahren leistet der junge Bracq seinen Militärdienst im Schwarzwald ab und stellt sich eines Tages in Stuttgart vor, bei Mercedes, mit einer Mappe voller Skizzen.

Der Chefdesigner damals heißt Karl Wilfert, wobei der Begriff „Design“ noch nicht üblich war. Karl Wilfert jedenfalls erkennt das Talent von Paul Bracq, der in Paris die renommierte École Boulle besucht hat, eine Schule für Gestaltung. Was folgt, ist eine steile Karriere, erst in Stuttgart, wo er zehn Jahre lang am Zeichentisch die Karosserien einiger der berühmtesten Mercedes- Modelle entwirft. Schließlich geht er zu BMW in München, wo Bracq in den 70ern den 3er, den 5er, 6er, 7er sowie den legendären Turbo X1 kreiert.

Bracqs größter Coup ist der Mercedes 230 SL, ein Sportwagen, der 1963 auf dem Genfer Autosalon für Furore sorgt. Der konvexe Kühlergrill samt Haube mit dem leicht konkaven, „durchhängenden“ Dach – das ist es, was man unter einem spannenden Dialog versteht. Dieser SL ist eines der schönsten je gebauten Autos. Der respektvolle Kosename „Pagode“ stammt übrigens nicht von den Deutschen, sondern – wen wundert’s – von den Italienern.

Elon Musk (re.) sieht sich mit seinem Auto-Konzept bestätigt – mehr als eine Million Menschen haben den Cybertruck reserviert, sagt Musk.D Foto: AP/Ringo H.W. Chiu

Wer mit diesen Autosilhouetten sozialisiert wurde und bei einer vorbeifahrenden Pagode am liebsten niederknien würde, um all den Designgöttern aus den 60er und 70er Jahren zu huldigen, fremdelt mit der automobilen Neuwagenwelt von heute. Die Kritik am kantigen Auftritt wird den Erfolg des „Cybertruck“ sicher nicht verhindern. „Wir haben über eine Million Menschen, die das Auto reserviert haben“, erklärte Firmenchef Elon Musk kürzlich.

Tiny House auf vier Rädern

Warum wollen so viele solche Monsterkarren fahren? Die meisten kulturpessimistischen Kritiker unken, dass das gute Autodesign im Allgemeinen und die tradierte Form der Limousine im Besonderen kurz vor dem Aussterben sind. Die Leute wollen nun mal einen SUV besitzen und fahren, heißt es, den Panzer für die Stadt, das Tiny House auf vier Rädern, eine vermeintlich sichere rollende Trutzburg. Breite Walzen, große Heckklappe und eine bösartige Fratze sind pervertierte Attribute der Macht. Der Cybertruck ist nur die konsequente Realisierung dieser verbreiteten Sehnsucht. Oder nicht?

„Das Gesicht des Automobils ist messbar aggressiver geworden“, bestätigt auch Paolo Tumminelli, Professor an der Köln International School of Design. „Etwas besser, zum halben Trost, sind die E-Autos. Diese weisen nur halb so viele Merkmale von Aggressivität auf wie die Verbrenner“, sagt Tumminelli, wobei er den Tesla-Truck explizit außen vor lässt. „Es ist ein unerklärliches Paradoxon, dass gerade in einer Zeit, in der die Sozialverträglichkeit des Autos stark hinterfragt wird, die Autoindustrie nicht etwa versucht, ihre Produkte freundlicher und menschlicher zu gestalten, sondern alles auf Macht und Aggressivität setzt. Während die Umweltverträglichkeit des Automobils heftig diskutiert wird, entstehen als Gipfel der Skurrilität Zorro-Masken, unnötig monumentale Kühlergrills, die durstige Motoren suggerieren, und passend dazu die plakativen Auspuffrohre.“

Chinas E-Autos mischen den Markt auf

Den einstigen Vorsprung beim Design haben die Europäer längst eingebüßt. Chinesische E-Autos sind dabei, den globalen Markt aufzumischen. Sie sind den westlichen E-Autos im brutalistischen Design ebenbürtig und im Preis-Leistungs-Verhältnis sogar überlegen. Es ist kein Geheimnis, dass Tesla, Polestar, Volvo und BMW viele ihrer E-Modelle in China fertigen und von dort nach Europa verkaufen. Die Chinesen kontern wiederum mit Designstudios in Europa und treten gerade mit zahlreichen Premiummarken auf. Viele von ihnen kennt man im Westen kaum: Avatr, Li, Luxeed, Zeekr, XPeng lauten die Namen.

Was die Zukunft des E-Auto-Designs angeht, sieht Paolo Tumminelli schwarz: „Die Chance, eine Automobil-Architektur zu konzipieren, welche von der spezifischen Qualität von E-Antrieben sinnvoll profitiert, hat die westliche Industrie gänzlich verpasst. Stattdessen haben alle Hersteller, mit Unterstützung der Politik, den schnellen Weg favorisiert und verkleiden neue Technik im alten Kleid. Entstanden sind idiotische Elektro-SUVs, die so viel Batterie schleppen, wie früher ein ganzes Auto gewogen hat. Diese werden fälschlicherweise als umweltfreundlich angepriesen, weil sie lokal null Emissionen verursachen. Statt innovatives Design erleben wir kosmetische Kunst, wo alte Formen in pseudo-futuristischer Weise dekoriert werden.“

Funktionalität ist nicht mehr der Leitstern des Designers. Typisch für diese „dekorativen“ Elemente der E-SUVs sind Trittbretter oder auch ein Griff, der automatisch aus der Tür fährt. „Man sagt Wow! und verkennt die Realität dahinter: Platz-, Kosten- und Materialverschwendung auf Kosten der passiven Sicherheit – mittlerweile haben das Spielzeug alle“, ärgert sich Paolo Tumminelli. Seine Prognose: „Der SUV ist kein Trend, sondern er definiert weltweit die Auto-Norm. Die SUV verdrängen buchstäblich das gute alte Auto aus dem Straßenbild.“