Sie wollen raus aus ihrem Land: Afghanen drängeln sich vor dem militärischen Bereich des Flughafens von Kabul. Foto: AFP/Wakil Kohsar

Wie dramatisch die Lage in Kabul ist, erzählt ein Afghane, der Dolmetscher für die Deutschen war. Jetzt fällt ihm auf die Füße, dass er nicht direkt bei der KfW beschäftigt war. Der Esslinger Architekt Matthias Daxl setzt sich für seinen ehemaligen Mitarbeiter ein.

Kabul - Die Angst, zurückgelassen zu werden, treibt Ahmed Sharifi (Name geändert) um. „Wir warten auf den Anruf der deutschen Regierung, dass wir evakuiert werden“, sagt der Afghane, der mit seiner Frau und den Kindern, das jüngste nur wenige Monate alt, in einer Wohnung in Kabul untergetaucht ist. Sharifi ist bekannt als Gesicht der deutschen Entwicklungshilfe im Norden Afghanistans, wo er fast ein Jahrzehnt lang für Projekte gearbeitet hat, die von der deutschen Staatsbank KfW gefördert wurden. „Für uns wäre es lebensgefährlich, nach Masar-i-Scharif zurückzugehen“, sagt der studierte Finanzwirt, „ich habe dort in einem Taliban-Regime keine Zukunft.“

 

Sharifi war jahrelang für die Deutschen im Dienst

Wie viele Tausende andere hofft Sharifi, sobald wie möglich aus dem von den Taliban eroberten Land ausgeflogen zu werden, trotz der chaotischen Zuständen am Flughafen, trotz der Checkpoints der Islamisten, die er auf dem Weg dorthin passieren muss. „Ich habe Dokumente, die bestätigen, dass ich für die Deutschen im Dienst war“, sagt Sharifi, der all die Jahre outgesourct war und nur einen Vertrag mit einem international tätigen Dienstleister vorweisen kann. Das fällt ihm jetzt auf die Füße. „Mir wurde gesagt, dass meine Kontaktdaten und alle notwendigen Unterlagen an das Auswärtige Amt übermittelt wurden.“ Ob er tatsächlich auf einer der Evakuierungslisten steht, weiß er nicht genau. Auf keinen Fall werde er ohne Schutz mit seinen Kindern an den Flughafen gehen, versichert Sharifi, dort herrsche Anarchie.

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Die Zahl der Toten am Flughafen steigt

Im massiven Gedränge vor dem Flughafengelände kamen nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums vom Sonntag bereits mehrere Menschen ums Leben. In den vergangenen sieben Tagen sollen mindestens 20 Personen vor dem Airport gestorben sein. Der Sky-Reporter Stuart Ramsay sagte, einige der Menschen seien erdrückt worden. Ein ehemaliger afghanischer Regierungsmitarbeiter berichtete, dass mittlerweile Bestechungsgelder bezahlt werden müssten. „Da halten diverse Gruppen vor den Toren des Airports die Hand auf.“ Zudem kommt die Gefahr eines möglichen Anschlags der Terrormiliz Islamischer Staat auf den Flughafen. Die US-Regierung hat Medienberichte darüber bestätigt.

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Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace bezeichnete es als unmöglich, alle Schutzbedürftigen rechtzeitig auszufliegen. Er sagte der „Mail on Sunday“, keine Nation werde dazu in der Lage sein, bis zur Frist am 31. August alle zu retten. Pessimistisch hinsichtlich des Schicksals Tausender afghanischer Ortskräfte äußerte sich auch der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell. Bis Ende des Monats 60 000 Menschen auszufliegen, wie die USA dies planten, sei „mathematisch unmöglich“. Er forderte eine Verlängerung des Evakuierungseinsatzes des US-Militärs. „Wenn die Amerikaner am 31. August abziehen, haben die Europäer nicht die militärische Kapazität, den Militärflughafen zu besetzen und zu sichern, und die Taliban werden die Kontrolle übernehmen.“ Präsident Joe Biden hat allen US-Bürgern in Afghanistan zugesagt, sie außer Landes zu bringen. Nach Angaben des Weißen Hauses befinden sich jedoch noch bis zu 15 000 US-Bürger und bis zu 60 000 afghanische Mitarbeiter von Nato-Staaten in Afghanistan.

Die Bundeswehr setzt ihre Flüge fort

Die Bundeswehr flog am Samstag mehr als 200 Menschen aus Afghanistan aus. Ihren Angaben zufolge wurden damit mehr als 2100 Menschen aus 38 Nationen in deutschen Rettungsflügen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht. Trotz der „schwierigen“ Lage sollten die Evakuierungsflüge demnach fortgesetzt werden. Seit Samstag verfügt die Bundeswehr in Kabul über zwei Hubschrauber, die für Evakuierungen in der Stadt genutzt werden können.

Ein Esslinger Architekt will helfen

Für Ahmed Sharifi, der jahrelang als Übersetzer und Büromanager im Dienste der Deutschen war, könnte es knapp werden. Der Esslinger Architekt Matthias Daxl, der im Auftrag der KfW in Afghanistan Schulen und Straßen gebaut hat, setzt sich für seinen ehemaligen Mitarbeiter ein. „Er muss mithilfe der Bundeswehr ausgeflogen werden“, Sharifi sei ein guter und zuverlässiger Mann, der alles gemacht habe – Logistik, Dolmetschen, Berichtswesen. „Es kann nicht sein, dass er nicht gerettet wird“, sagt Daxl. Er ist wütend darüber, dass Sharifi nicht direkt bei der Entwicklungsbank KfW unter Vertrag stand. „Da wurde nach Kräften outgesourct“, kritisiert er, „das war schon damals Blödsinn.“

Die GIZ zahlt, anstatt ihre Mitarbeiter zu retten

Die deutsche Entwicklungshilfeagentur GIZ zahlt unterdessen afghanischen Ortskräften, die das Land nicht verlassen wollen, ein Jahresgehalt im Voraus. Einen entsprechenden „Spiegel“-Bericht bestätigte das Entwicklungsministerium am Sonntag. Die Mitarbeiter könnten sich allerdings auch umentscheiden und sich doch in das Programm für die Rückführung von Ortskräften aufnehmen lassen.