OK-Chef für die Fußball-WM 2006: Die Vergangenheit holt Franz Beckenbauer ein Foto: AP

Ein dumpfes Grollen kündigte seit Tagen das Unwetter an. Jetzt hagelt es wieder Kritik und die Schweizer Wächter über Recht und Gesetz vermuten einen Sturzbach an Verstößen. Kein gutes Klima am Hof des Kaisers Beckenbauer.

Stuttgart - Es ist noch gar nicht so lange her, als Franz Beckenbauer (70) noch zweifelsfrei zu jenen Glückspilzen zählte, die unerschütterlich auf der Sonnenseite des Lebens stehen. So virtuos und selbstverständlich er als Libero, mit dem Ball am Außenrist, durch die gegnerischen Reihen tanzte, so spielerisch und leichtfüßig schritt er durchs Leben. Doch als sei sein Kredit bei den Mächten des Schicksals gänzlich aufgebraucht, ereilt ihn seit einem Jahr ein Ungemach nach dem anderen.

Seit diesem Donnerstag muss die Ikone des deutschen Fußballs noch um mehr fürchten als um ihren guten Ruf. Blitz und Donner ziehen über das Kaiser-Reich. Die Schweizer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Beckenbauer wegen des Verdachts der Untreue und der Geldwäsche. Die Weltmeisterschaft in Deutschland ist zwar schon zehn Jahre her, aber präsenter denn je: Auch seine frühere Spezln im WM-Organisationskomitee Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger müssen den langen Arm des Gesetzes fürchten, beteuern aber ihre Unschuld.

Wohin flossen 6,7 Millionen Euro?

Ein Jahr nachdem die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) beauftragte Kanzlei Freshfields das Fass angestochen hat, ist immer noch nicht klar, wo genau die 6,7 Millionen Euro versickerten, die damals über ein Konto Beckenbauers an den Weltfußballverband (Fifa) flossen. Der Weg führt nach Katar und dort zur Firma des früheren Fifa-Vizepräsidenten Mohammed bin Hammam. Ein Mann, der dafür bekannt ist zu wissen, wie man sich in Reihen des Weltfußballs Mehrheiten verschafft. Mittlerweile ist er wegen Korruption lebenslang gesperrt. Und nicht nur der frühere Sport-Moderator Waldemar Hartmann stellt die Frage: „Ja glaubt denn wirklich jemand im Ernst, wir Deutschen hätten damals die WM bekommen, nur weil wir so freundlich gelächelt haben?“ Beim Deutschen Fußball-Bund sucht man jedenfalls immer noch nach dem einen oder anderen Ordner. Und Zeugen können sich mit Mühe und Not noch an ihren Namen erinnern. Weil die Eidgenossen im Falle „ungetreuer Geschäftsbesorgung“ aber wenig Spaß verstehen, dürfte selbst Franz Beckenbauer das Lächeln gefrieren. Im schlimmsten Fall drohen ihm drei Jahre hinter schwedischen Gardinen.

„Das wird den Franz aber nicht um den Schlaf bringen“, sagt ein langjähriger Wegbegleiter, „er hat genug Geld, um sich die besten Anwälte leisten zu können. Was für ihn viel schlimmer ist: Es nagt an seiner Ehre.“ Nichts verabscheut ein Sportler eben mehr als eine Niederlage, die er kampflos hinnehmen muss. Und wer den Sohn eines Postboten aus München-Giesing kennt, weiß: Verlieren gehörte noch nie zu den bevorzugten Tätigkeiten des Mannes, der als Spieler (1974) und als Teamchef (1990) den WM-Titel feiern durfte. Als sei das alles noch nicht genug gewesen, holte er die WM 2006 ins Land. „Beckenbauer ist eine geglückte Mischung aus Selbstbewusstsein, Sensibilität und Bescheidenheit“, lobte ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder. Er hatte den Ehrgeiz vergessen.

Von wegen lässig

Beckenbauers legendäre Order „Geht’s raus, spielt’s Fußball“ gilt bis heute zwar als Synonym für die scheinbare Nonchalance und Leichtigkeit, mit denen er die Hindernisse überwindet, die ihm das Leben in den Weg stellt. Aber die Aura, die er in der Öffentlichkeit pflegt, korrespondiert nicht immer mit dem, was seine Helfer erleben.

Bayern-Profi Markus Babbel schildert ihn als akribischen Arbeiter. Und während der Fußball-WM 1990, so verriet sein damaliger Assistent Berti Vogts, brütete Beckenbauer nächtelang über Strategie und Taktik. Er wusste alles über jeden gegnerischen Spieler. Am nächsten Morgen trat der Teamchef lächelnd vor die Presse und tat, als wisse er mehr übers Münchner Telefonbuch als von Jugoslawiens Superstar Robert Prosinecki. „Proschschnecki?“

Die Bewunderer des Kaisers

Als Vogts per Kaiser-Schnitt nach der WM 1990 selbst zum Bundestrainer aufstieg, maß er der Lichtgestalt biblische Dimensionen zu: „Wenn der Franz übers Wasser läuft, heißt es: Schau, sogar das kann er. Wenn ich das mache, sagen sie: Nicht mal schwimmen kann er.“ Der Wiener Künstler André Heller und WM-Kulturberater 2006 vermutete, „dass Beckenbauer so mächtig ist, dass er sogar Regierungen stürzen könnte. Für das Image der Deutschen im Ausland hat er mehr geleistet als 50 Jahre Diplomatie und zehn Goethe-Institute zusammen.“ Kabarettist Ottfried Fischer spottete, „dass Beckenbauer der Einzige ist, der der PDS in Bayern ein Direktmandat verschaffen kann“. Selbst Otto Rehhagel, der Altmeister unter den Trainern, bewunderte den Siegfried in Beckenbauer: „Wenn der Franz erklärt, dass der Ball eckig ist, dann glauben ihm das alle.“

Vielleicht wird ihm im Zuge der WM-Affäre nicht mehr alles geglaubt, aber immer noch vieles verziehen. Zum Beispiel sein geschäftlicher Doppelpass mit Wladimir Putin und Gazprom – kurz nachdem die WM 2018 nach Russland vergeben worden war. Mit Beckenbauer in der Fifa-Exekutive. Oder die brüske Feststellung, dass er trotz menschenverachtender Zustände auf den WM-Baustellen in Katar dort noch keinen Sklaven gesehen habe.

Der deutsche Kaiser residiert ja auch nicht in Salzburg, weil ihm die Stadt so gut gefällt. Am Ende seiner Karriere drehte er dem Fiskus eine lange Nase. Er wechselte zu Cosmos New York. Auch privat ging der Mann, der den Libero erfand, gern mal steil. Zweimal wurde er geschieden. Er ist Vater von fünf Kindern – von drei Frauen.

Höfl hilft

Aber warum sollte ein Schluri sein, wer es vermag, den Ball von einem Weißbierglas ungestreift in der ZDF-Torwand zu versenken? Weil er, wie er selbst sagt, blind die WM-Verträge unterzeichnete? So viel Naivität nehmen dem Kaiser selbst jene nicht mehr ab, die jahrzehntelang von seinen magischen Energien profitierten. Wolfgang Niersbach zum Beispiel, der ehemalige DFB-Präsident, der sich in einer unsäglichen Pressekonferenz um Kopf und Kragen redete, während Franz Beckenbauer mit einem Heer von Beratern bisher immer nur so viel zugibt, wie ihm nachzuweisen ist. Markus Höfl-Riesch, Ehemann der Skirennläuferin Maria Riesch, feilt unablässig am Image seines Herrn. Und es würde nicht wundern, wenn Fedor Radmann, Beckenbauers Alter Ego im Vorfeld der WM-Bewerbung, noch an der einen oder anderen Strippe zieht.

Der frühere Meinungs-Multi hat sich dagegen Schritt für Schritt zurückgezogen. Als kurz vor seinem 70. Geburtstag im vergangenen Jahr sein Sohn Stephan den Kampf gegen den Krebs verloren hatte, versank er wochenlang in tiefer Trauer. In der „Bild“-Zeitung, der Kaiser-Hauspostille, meldet er sich nur noch gelegentlich zu Wort. Den Vertrag als Experte bei Sky hat er in diesem Frühjahr gekündigt. Wohl, weil er unbequemen Fragen ausweichen wollte. Aber auch, weil er die Bürden des Alters spürt.

Rat von Konfuzius

Jetzt muss er im Herbst seines Lebens noch eine herbe Niederlage fürchten. Womöglich, weil er sich siegessicher in einen Sumpf aus Vetternwirtschaft und Korruption ziehen ließ, in dem die Granden der Funktionärskaste nach und nach versinken. Vielleicht wird sich Beckenbauer in der Not wieder an seinen Lieblingsphilosophen Konfuzius halten: „Fasse die Sorgen des Tages zusammen auf eine halbe Stunde, und in dieser Zeit mache ein Schläfchen.“ Das könnte ein böses Erwachen geben.

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