Bis zum Jahresende bleiben viele Arztpraxen zu. Foto: dpa/Patrick Pleul

Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte wollen ein Zeichen setzen: Sie haben ihre Praxen bis zum Jahresende geschlossen. Patienten in Stuttgart und der Region bekommen dennoch Hilfe. Sie müssen bis Neujahr aber mit langen Wartezeiten rechnen.

Zum Jahresende streiken niedergelassene Ärztinnen und Ärzte gegen Arbeitsbelastung, Personalmangel, Bürokratie – und Karl Lauterbach (SPD). Der Bundesgesundheitsminister hat für die bis Freitag geplante Aktion, Teil der von mehr als 20 Verbänden unterstützten Kampagne „Praxis in Not“, kein Verständnis. Zumal nicht jetzt, wo jeder Zehnte krank sei und die Menschen die Versorgung bräuchten.

 

Auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz hagelt es Kritik. Experten gehen davon aus, dass die Kombination aus Corona-, Grippe- und RS-Virus viele Kliniken wieder an die Belastungsgrenze bringt. Doch wie ist die Lage tatsächlich?

Vertretungsärzte als Anlaufstelle

Der Virchowbund, der mit zahlreichen anderen Ärzteverbänden zur Protestaktion aufgerufen hat, kann keine genauen Angaben zur Beteiligung machen: „Wir gehen aber davon aus, dass bundesweit Tausende Praxen dabei sind“, sagt der Bundesvorsitzende Dirk Heinrich. Kritik, die Arbeitsniederlegungen gingen auf Kosten von Kranken, weist er zurück: „Das liegt in der Natur der Sache“, so Heinrich im ZDF. Für akute Fälle gebe es Notversorgungen und Vertretungen.

Einer dieser Vertretungsärzte ist Eckhard Lindemann. In seiner Praxis in Esslingen versorgt der Hausarzt in dieser Woche nicht nur seine eigenen, sondern auch Patienten aus gleich drei weiteren Praxen. Am Mittwoch hatte er zwar ordentlich zu tun: „Viele Praxen haben derzeit aber wegen Urlaub ohnehin geschlossen, die Patienten haben sich darauf eingestellt.“

Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen streiken, kann Lindemann nicht abschätzen, die Beweggründe für Protestaktionen jedoch nachvollziehen: „Vor allem der Personalmangel bei medizinischen Fachangestellten, inzwischen aber auch bei Ärzten, ist besorgniserregend.“ Handlungsbedarf sieht der Hausarzt insbesondere bei der hohen Arbeitsbelastung und in Sachen Wertschätzung.

Hilfe übers Internet finden

Außer den Vertretungen gibt es in Stuttgart und der Region weitere Anlaufstellen, an die sich Patientinnen und Patienten wenden können. Wer an der Hausarztpraxis vor verschlossenen Türen steht, kann in dringenden Fällen zum einen unter der bundesweit gültigen Nummer 116 117 der kassenärztlichen Vereinigungen ärztlichen Rat oder Adressen der Bereitschaftsdienste bekommen.

Letztere findet man auch übers Internet, etwa über die Homepage der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (www.kvbawue.de/patienten/praxissuche/notfallpraxis-finden). Man braucht für die Notfallpraxen übrigens keinen Termin, sondern soll laut KVBW direkt hingehen. Die Homepage der Stadt Stuttgart bietet ebenfalls einen Überblick (www.stuttgart.de/service/notdienste). Bei akuten, lebensbedrohlichen Notfällen gilt weiterhin: unbedingt die 112 anrufen.

Lange Wartezeiten bei den Notdiensten

In den Notfallpraxen in Stuttgart und der Region ist derweil in der Tat mit langen Wartezeiten zu rechnen. Vergangenen Freitag hatte Anke Williams, die Praxismanagerin der Notfallpraxis der Stuttgarter Ärzteschaft am Marienhospital, noch darauf gehofft, dass der Andrang nicht größer wird als ohnehin schon. Am Mittwochabend sagt sie: „Wir werden überrollt. Seit Heiligabend hatten wir jeden Tag gut 400 Patienten zu betreuen.“ Eine angemessene Versorgung werde dadurch nicht einfacher.

Die Notfallpraxis Stuttgart befindet sich im Gebäude des Marienhospitals. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ob der Andrang auf die Protestaktion zurückzuführen ist, kann Williams nicht beurteilen. Bis Dreikönig hätten viele Praxen sowieso traditionell zu, die Patienten würden sich meist darauf einstellen – was aufgrund der derzeitigen Krankheitswelle allerdings schwieriger sei. Für hausärztliche Notfälle hat die Notfallpraxis am Marienhospital montags bis freitags von 19 bis 24 Uhr sowie an Sams-, Sonn- und Feiertagen von 7 bis 24 Uhr geöffnet.

Ein Anruf in der ärztlichen Notfallpraxis Winnenden ergibt: Auch dort ist seit Tagen viel los. Eine Mitarbeiterin sagt, die Wartezeiten für eine hausärztliche Begutachtung lägen bei bis zu vier Stunden. Einige Patienten habe dies bereits abgeschreckt: „Sie sind wieder heim gegangen.“ Ob der Streik zu den langen Schlangen beiträgt? „Möglich“, sagt die Mitarbeiterin. Doch die längst kommunizierte Urlaubszeit der Praxen und die Krankheitswelle könnten ebenfalls Gründe sein. Geöffnet hat die an die Rems-Murr-Kliniken angebundene Notfallpraxis in Winnenden montags, dienstags und donnerstags von 18 bis 22 Uhr, mittwochs und freitags von 14 bis 22 Uhr sowie samstags, sonn- und feiertags von 8 bis 22 Uhr.

Was ist der Notdienst?

Notaufnahme
Die ärztlichen Bereitschaftsdienste sind nicht mit der Notaufnahme der Krankenhäuser zu verwechseln. Wer einen schweren Unfall hatte oder akut heftig, vielleicht gar lebensbedrohlich erkrankt ist, kommt in die Notaufnahme.

Notdienst
Der Notdienst bzw. die Notfallpraxis wiederum kümmert sich außerhalb der Praxis-Sprechzeiten um Patienten, die mit ihrer Erkrankung normalerweise zum Hausarzt gehen würden.