Kopenhagen gilt als europäische Hauptstadt der Radfahrer. Das hat auch unangenehme Folgen – vor allem für Fußgänger Foto: copenhagenmediacenter.com

In Kopenhagen haben Radfahrer die Macht auf den Straßen übernommen. Nun regt sich Protest - von Autofahrern und Fußgängern, denn die Radler sind alles andere als rücksichtsvoll.

Kopenhagen - Oft gelten Fahrradfahrer als die unterdrückte Zunft im Straßenverkehr, drangsaliert von fiesen Autofahrern, ausgebremst von schlafwandelnden Fußgängern. Im dänischen Kopenhagen ist das jedoch ein bisschen anders. Dort sind aus den einst Unterdrückten selbst Unterdrücker geworden. Dabei kann es mitunter recht grob zugehen.

Dänemarks betont umweltfreundliche Hauptstadt Kopenhagen bezeichnet sich gern als die Radfahrerhauptstadt der Welt. In der Tat gibt es international wohl keine andere Metropole, die so viel für Fahrradfahrer tut. 50 Prozent aller Kopenhagener sollen täglich das Rad nutzen. Um die Stadt bis 2020 kohlendioxidneutral zu machen, sollen es noch mehr werden. Dafür gibt es überall breite Fahrradwege, riesige Fahrradschnellstraßen, die fast wie Autostraßen aussehen, es gibt Fahrrad-Freeways, die Pendler auf Stelzen schwebend durch die Stadt führen, teure Fahrradbrücken, die Stadtteile verbinden, Ausleihfahrräder mit GPS und Elektromotoren und Unmengen an Straßenschildern mit der Aufschrift „Nur für Fahrräder!“.

Inzwischen haben Autofahrer und Fußgänger einen Heidenrespekt vor den Zweirädern. Sie scheinen in der Überzahl, Blechesel reiht sich an Blechesel, der Verkehr wirkt teilweise wie ein ständiger Startschuss für die Tour de France. Dabei ist den Fahrradfahrern das zügige Vorankommen oft wichtiger, als Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer zu nehmen. So erregte John Heilbrunn, der Vizevorsitzende des Blindenverbands, großes Aufsehen, als er das rüpelhafte Verhalten der Radler demonstrierte. Fußgänger, die den Bus verlassen, müssen oft Fahrradwege passieren. Eigentlich müssen Fahrradfahrer dann anhalten. Der blinde Heilbrunn, ein älterer Herr, ließ sich von der Zeitung „Politiken“ filmen, als er mit seinem ­weißen Blindenstock auf den Boden schlagend versuchte, einen Fahrradweg zu passieren. Statt anzuhalten oder auch nur langsamer zu werden, schrien ihn die vorbeizischenden Fahrradfahrer aggressiv an: „Weg vom Fahrradweg“ oder „Pass doch auf, Schwachkopf“.

Kopenhagens Alltag ist voll von solch’ Rücksichtslosigkeit. In einem anderen Fall hat eine Fahrradfahrerin eine Mutter und ihre beiden kleinen Kinder in der S-Bahn recht unfreundlich aufgefordert, von den für Mütter mit Kinderwagen vorgesehenen Klappstühlen aufzustehen, damit sie dort ihr Fahrrad anlehnen könne. Die Mutter folgte der Anweisung und räumte mit ihren Kleinen das Feld. Die Fahrradfahrerin hielt das für selbstverständlich. Ein Dank war nicht nötig.

Gerade ausländische Touristen, die von ihrer nicht so fortschrittlichen Heimat noch die Allmacht der Autofahrer gewöhnt sind und in Kopenhagen gern über Fahrradwege traben, geraten oft in brenzlige Situationen mit aggressiven Fahrradfahrern. „Die Fahrradfahrer Kopenhagens müssen das Rücksichtnehmen noch erlernen, so wie es die Autofahrer einst mussten. Wenn so viele Rad fahren, können sie sich einfach nicht mehr die Freiheiten herausnehmen, die sie noch hatten, als sie weniger waren“, so die Meinung von immer mehr Bürgern, die härtere Regeln fordern. So kostet das Fahren auf dem Bürgersteig oder über eine rote Ampel nun 700 bis 1000 Kronen Strafe (umgerechnet 94 bis 134 Euro). Fahrräder, die im Parkverbot stehen, ebenfalls ein immer größeres Problem für Kopenhagen, werden manchmal sogar gebührenpflichtig abgeschleppt.

Probleme mit rücksichtslosen Radlern haben auch deutsche Städte. So ergab eine vom Berliner Senat in Auftrag gegebene Studie, dass sich 56 Prozent der Befragten von Radfahrern auf dem Gehweg bedroht fühlen. Stolze 32 Prozent fühlen sich sogar von jenen Radfahrern bedroht, die ordnungsgemäß auf dem Radweg fahren.

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