Adel Tawil kommt in der Killesberger Freilichtbühne kaum über gefälligen Mainstreampop hinaus – überzeugt seine Fans aber mit bewährten Qualitäten.
Zeitgefühl ist bekanntlich eine subjektive Angelegenheit. „Endlich sind wir wieder hier“, begrüßt Adel Tawil am Mittwochabend die Fans in der Freilichtlichtbühne am Killesberg – ganz so, als sei es eine Ewigkeit her, dass er zuletzt in der Stadt war. Dabei ist der Berliner Sänger doch eigentlich ein Stammgast in Stuttgart: Im August 2021 spielte er im Römerkastell, im Januar 2020 in der Porsche-Arena; im Juni 2018 schon einmal auf dem Killlesberg.
Auf der Suche nach der großen Liebe
Kamen damals noch mehr als viertausend Besucher, so sind es diesmal allerdings nur rund halb so viele. Hat der Tawil’sche Mix aus tanzbarem Elektropop mit souligen Untertönen in Verbindung mit einer inflationären Befindlichkeitslyrik also seinen Zenit überschritten? Knapp zwei Stunden lang liefert der Sohn ägyptisch-tunesischer Eltern am Mittwochabend jede Menge Argumente für ein entschiedenes „Jein“: Ja, Tawil tritt auch auf seinem neuen Album „Spiegelbild“ einmal mehr künstlerisch auf der Stelle und kommt in Songs wie „Autobahn“ und Zeilen wie „war viel zu lang auf dieser Autobahn / bis ich in dir die letzte Ausfahrt sah“ nicht über jenes Lebensgefühl einer lauwarmen Indifferenziertheit hinaus, das er nun schon seit fast zwanzig Jahren besingt.
Immer ist in solchen Liedern alles irgendwie, irgendwo und irgendwann, und entweder wartet da irgendjemand auf irgendetwas oder er ist auf der Suche nach der großen Liebe, seinem Platz im Leben - wären da nur nicht die vielen Selbstzweifel, Missverständnisse und Wendungen des Schicksals.
Spielfreudig und warmherzig
Andererseits: Noch immer ist Adel Tawil ein Musiker, der ein Publikum von sieben bis siebzig Jahren anzuziehen vermag und unterhalten kann – und ein Musiker, der die Bühne liebt wie kaum etwas anderes.
Auch auf dem Killesberg gibt er sich spielfreudig und warmherzig und sucht und genießt im Finale seines Auftritts bei einem Spaziergang durchs komplette Rund der Freilichtbühne die maximale Nähe seiner Fans. Und hier und da kommen Töne und Texte ins Spiel, die seine Musik über den Deutschpop-Mainstream hinaus heben – etwa in „Gott steh mir bei“, einer resoluten Absage an religiösen wie weltlichen Fanatismus jeglicher Couleur.
Die Band kann mehr als gefälligen Pop
Auch das flotte „Tu m’appelles“ hebt sich angenehm ab vom typischen Tawil-Sound aus omnipräsenten Keyboards, mittelschneller Rhythmik und stets gefälligen Harmonien; erst recht seine deutsche Bearbeitung eines tunesischen Liedes, die in Stuttgart ihre Bühnenpremiere erlebt. Hier kann endlich auch Tawils gut eingespielte, acht Köpfe starke Begleitband zeigen, dass sie mehr als nur gefälligen Pop zu spielen vermag.
Nach knapp zwei Stunden und allen Hits von „Lieder“ und „Stadt“ bis „So soll es sein“ und „Vom selben Stern“: ein unterhaltsamer Abend – irgendwie.